Schweiz
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In der Schweiz sind die Anzahl Schulstunden von Kanton zu Kanton unterschiedlich.  Bild: shutterstock

Bis zu 1000 Stunden mehr Unterricht: Warum zu viel Schule manchen Kindern schadet

Wie fair ist die Schule? Je nach Kanton verbringen Kinder mehr oder weniger Zeit im Klassenzimmer. Das beeinflusst ihre Leistung, denn die Unterschiede sind riesig.

yannick nock / az



Sind Genfer Kinder intelligenter als Luzerner? Geht es nur nach der Unterrichtszeit, ist die Antwort eindeutig «Ja». Der kürzlich veröffentlichte Bildungsbericht 2018 offenbart bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Kantonen. So sitzen Genfer Kinder bis zum Ende der Primarschule über 1000 Stunden länger im Unterricht als Luzerner. Auch St. Galler, Tessiner und Glarner verbringen Hunderte Stunden mehr im Klassenzimmer als Zuger, Berner oder Aargauer (siehe Tabelle).

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Bild: zvg az

Der Wohnort bestimmt, wie viel Stoff sechs- bis elfjährige Kinder in der Primarschule lernen – und damit auch, wie gut ihre Ausbildung ist. «Natürlich beeinflusst die Unterrichtszeit die Leistung der Schüler», sagt Urs Moser, Bildungsforscher an der Universität Zürich. Das gelte zwar nicht für alle Fächer gleichermassen, doch gerade in Kerngebieten wie Mathematik seien mehr Lektionen nützlich. Die Kinder könnten – anders als beispielsweise beim Lesen – ihre Defizite nur selten ausserhalb der Schule nachholen.

Eltern seien sich der grossen kantonalen Differenzen oft nicht bewusst, sagt Moser. Sonst würden sie bei der Wahl des Wohnorts stärker darauf achten. Zwar gibt es Elternproteste wegen zu wenig Unterricht, allerdings erst, wenn an der bereits bestehenden Lektionenzahl geschraubt wird. So wie zuletzt in Schaffhausen. Nachdem die Regierung 2016 angekündigt hatte, eineinhalb Stunden pro Woche zu kürzen, wehrten sich Eltern gegen das Spardiktat. Mit Erfolg, ihre Initiative «Kein Abbau» wurde mit 78 Prozent deutlich angenommen. Kantone werden Sparmassnahmen künftig eher über grössere Klassen regeln als über weniger Unterricht, glaubt deshalb Moser.

Aargauer Schulhaus muss schliessen

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Video: srf

Weniger lange Lektionen

Der Schweizer Durchschnitt liegt in der Primarstufe bei 816 Stunden im Jahr. Die grossen kantonale Differenzen haben vor allem zwei Ursachen: Erstens dauert eine Schullektion nicht überall 45 Minuten, sondern in manchen Kantonen 50. Zweitens ist das Schuljahr nicht überall gleich lang. Die meisten Kinder gehen im Jahr 38 Wochen zur Schule. In St. Gallen, Baselland und Thurgau sind es 39, in Basel-Stadt und Appenzell Ausserrhoden verbringen Primarschüler sogar 40 Wochen im Schulzimmer. In Genf und im Tessin wiederum ist die Anzahl der Lektionen pro Woche schlicht höher.

Verzweifeln sollten Eltern in Luzern, Bern oder im Aargau trotzdem nicht. Die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung hat in einer Studie nachgewiesen, was zusätzlicher Unterricht nützt. Zwar steigert sich die Leistung der Kinder, jedoch nicht proportional, wie man annehmen könnte. Das gilt selbst für Mathematik, wie ein Vergleich zwischen Schulen mit unterschiedlichen Stundenplänen zeigt. Berücksichtigt wurden neben der Mathematik die Naturwissenschaften und das Lesen. Die Studienverfasser sehen den Grund in den gesteckten Erwartungen. Nur wenn die Lernziele nach oben korrigiert werden, würde zusätzlicher Unterricht auch eine deutlich bessere Leistung hervorbringen. Ansonsten stagniere die Lernkurve. «Man lernt, was man lernen muss, in der Zeit, die einem zur Verfügung steht.»

«#KeLoscht» auf Abbau bei der Bildung

Schweiz nicht an der Spitze

Die zweite Erkenntnis der Studie betrifft das Niveau innerhalb der Klasse: Das Leistungsgefälle wird durch zusätzlichen Unterricht grösser. Das heisst, schwache Schüler holen ihr Defizit nicht auf, sondern verlieren weiter an Boden. Dabei heisst es meistens, zusätzlicher Unterricht komme besonders den schwächeren Schülern zugute. Dem ist laut der Studie nicht so.

Der Erfinder der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, weiss, welche Länder ihre Kinder besonders gut fördern. Auch er sagt, die Zahl der geleisteten Stunden würde nur wenig aussagen. «In den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzen die Kinder mehr als 60 Stunden pro Woche im Unterricht oder beim Nachhilfelehrer und das Ergebnis ist miserabel.» Finnland würde hingegen mit der Hälfte der Lektionen viel bessere Resultate erzielen. «Es geht neben der Quantität auch um die Qualität.» Man müsse sich fragen: Wie gut sind die Lehrer? Wie oft tauschen sie sich aus? Wird individualisiert gelernt? Werden Kinder mit Migrationshintergrund genügend gefördert? Die Ganztagsschule sei ebenfalls ein interessanter Ansatz.

Der Unterricht in der Schweiz sei qualitativ gut, sagt der Deutsche. Was die Anzahl Stunden betrifft, liegt das Land allerdings im Durchschnitt. Für Schleicher ein Fehler: «Die Schweiz sollte sich in allen Belangen an der internationalen Spitze orientieren, nicht am Mittelwert.» Da sei sicherlich noch viel Luft nach oben. (aargauerzeitung.ch)

Reform

Gleiche Ziele wegen des Lehrplans 21

Der Schweizer Durchschnitt liegt in der Primarstufe bei 817 Unterrichtsstunden im Jahr. Daran orientiert sich auch der Lehrplan 21 , der spätestens im Schuljahr 20/21 in allen Deutschschweizer Kantonen eingeführt wird.

Darin wird klar definiert, was Schüler auf welcher Stufe können müssen. Dabei variiert die Unterrichtszeit zwischen den Kantonen stark. Das kann zu Problemen führen. Allerdings hat der Lehrplan einen Vorteil: Er funktioniere nach dem Prinzip 80:20. 80 Prozent sind fix für bestimmte Inhalte und Kompetenzen reserviert. Die restlichen 20 Prozent stehen zur freien Verfügung, beispielsweise für Vertiefungen und Themenschwerpunkte. Deshalb benötigen die Kantone nicht zwingend die gleichen Stundenzahlen.

Zuletzt wurde sogar über einen Abbau der Lektionen diskutiert – aus Spargründen. Dagegen wehren sich allerdings nicht nur Eltern, sondern auch die Lehrer. Wenn in kürzerer Zeit gleich viel gelernt werden müsse, steige der Stress für alle. Es gäbe Kinder, die den höheren Lerndruck nicht aushalten und den Schulverleider bekommen würden, warnte der Lehrerverband.

Schülerproteste in der Schweiz

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Video: watson

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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dominik Treier 29.08.2018 10:02
    Highlight Highlight Spargründe und Bildung wenn ich das nur schon lese... Unsere einzige Ressource in der Schweiz, gut Qualifizierte Arbeitskräfte und genau da will man sparen, nur damit einige weiterhin ihren Herd mit Tausendernoten anzünden können. Ein Witz! Ausserdem scheinen die Bürgerlichen immer noch nicht verstanden zu haben, was Sparen bedeutet. Es heisst nicht einfach pauschal etwas abzuzwacken und zu sagen, dass müsse reichen, auch wenn man keinen blassen Schimmer von der Materie hat! Es heisst abwägen ob etwas wirklich gut und nötig ist und wenn die Antwort ja ist lasst es gefälligst sein!
  • MGPC 29.08.2018 07:49
    Highlight Highlight Unser schulsystem ist fürn ars....
  • Kleine Hexe 29.08.2018 07:39
    Highlight Highlight Bleiben die Unterschiede zwischen den Kantonen auch mit dem Lehrplan 21 bestehen oder wird dadurch auch die Lektionenanzahl vereinheitlicht?
  • Ökonometriker 29.08.2018 06:57
    Highlight Highlight Ist es ein erstrebenswertes Ziel, die leistungsstärksten Kinder zu haben?
    Eine hervorragende Berufsbildung und super Universitäten sind wichtig - aber gute Ergebnisse in der PISA Studie sind es definitiv nicht. Glückliche Kinder sollte das höher gewichtete Ziel sein.
  • Lienat 29.08.2018 06:53
    Highlight Highlight Der erste Absatz verursacht Kopfschütteln. Wenn Genfer Schüler 1000 Stunden länger brauchen, um den Stoff zu bewältigen, spricht das keinesfalls für höhere Intelligenz.
    • Dominik Treier 29.08.2018 12:47
      Highlight Highlight Wenn jemand das daraus schliesst denke ich tut es das noch weniger...
    • Lienat 29.08.2018 13:41
      Highlight Highlight Das kann man schon so denken - Wenn man den Unterschied zwischen Intelligenz und Bildung nicht kennt. Ersteres ist primär genetisch bedingt, letzteres ist das, was man sich durch viele Schulstunden aneignen kann. Mein ursprünglicher Kommentar sollte eigentlich herausstreichen, dass diese Unterscheidung im Artikel nicht gemacht wurde.
  • Midnight 29.08.2018 06:50
    Highlight Highlight Also irgendwie verstehe ich nicht, was das Ganze soll. Finnland hat die besten Volksschulen auf dem Planeten, ihr System wäre derweil recht einfach umsetzbar - faire Steuern vorausgesetzt.

    Weshalb wird dann bei uns ständig daran herumgeschraubt, wenn der Bauplan zu einem gesunden Bildungswesen eigentlich schon existiert? Weshalb muss bei uns jede Schulgemeinde das Rad neu erfinden?

    Und wieso zum Geier kann das Niveau nicht überall gleich hoch sein, unabhängig vom Wohnort? Das kann doch echt nicht so schwer sein... 🙈
    • Lienat 29.08.2018 13:55
      Highlight Highlight Finnland hat auch eine der höchsten Suizidraten unter Jugendlichen weltweit. Deshalb würde ich das finnische Schulsystem erst mal mit kritischer Offenheit betrachten, bevor wir es übernehmen.
    • Midnight 30.08.2018 08:31
      Highlight Highlight @Lienat Die haben wir hierzulande aber auch. Ich bin mir in beiden Fällen nicht so sicher, ob das mit dem Schulsystem direkt zusammenhängt.
      An Mobbing z.B ist ja nicht das Schulsystem Schuld. Das wäre dann eher ein gesellschaftliches Problem. Ich würde die Gründe eher in der Ecke suchen.
  • who cares? 29.08.2018 06:31
    Highlight Highlight Hä? Jetzt heisst es zuerst, Finland hat trotz weniger Schulstunden bessere Leistungen von Schülern und ganz am Schluss:
    "Was die Anzahl Stunden betrifft, liegt das Land allerdings im Durchschnitt. Für Schleicher ein Fehler: «Die Schweiz sollte sich in allen Belangen an der internationalen Spitze orientieren, nicht am Mittelwert.»"
    Also "alle Belange" auch Schulstunden? Macht doch eben keinen Sinn wie am Beispiel Finland - USA dargelegt.
    • Midnight 29.08.2018 10:55
      Highlight Highlight Das Ding ist eben, dass das Reduzieren der Schulstunden allein eben nur die halbe Miete ist. Finnlands Schulsystem geht sehr viel individueller mit den Schülern um, als es jede andere Volksschule tut. Zudem wird penibel darauf geachtet, dass das Niveau der Schulen überall gleich hoch ist.

      Es gehören eben viele Einzelteile zusammen, die Finnlands Schulsystem letzten Endes so erfolgreich machen.
      Das System ist extrem gut durchdacht. Gerade deshalb sehe ich nicht ein, warum die reiche Schweiz dies nicht übernehmen könnte.

      Voneinander lernen wäre halt schon toll...

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