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Molina Schiessstand

SP-Nationalrat Fabian Molina lässt sich von Johann Haberecker, Präsident der Feldschützen Zürichberg, am Sturmgewehr 90 ausbilden. Bild: watson

«Oh nei, dr Molina!» – wie der SP-Jungspund auf dem Schiessplatz ins Visier gerät

Fabian Molina geniesst bei Waffenfreunden nicht den besten Ruf. Der Ex-Juso-Präsident engagiert sich an vorderster Front für die neue EU-Waffenrichtlinie, über die wir am 19. Mai abstimmen. Dabei stand der SP-Nationalrat noch gar nie auf einem Schiessstand – das wollten wir ändern.



Dass Fabian Molina hier kein Heimspiel geniesst, wäre eine höfliche Untertreibung. Man braucht nur der Unterhaltung am Nebentisch zu lauschen: «Heute kommt der Molina», maulen sie da, «Molina, der ist gegen Waffen, der ist gegen alles!».

Molina, Ex-Juso-Präsident, Spielverderber und Gutmenschen-Polizist, der mit Moral, internationalen Verpflichtungen und einem höflichen Lächeln auf den Lippen den Totengräber von Freiheit und Selbstverantwortung mimt, dieser Molina also kommt bald auf den Hönggerberg, um die Schweizer «Gun Culture» zu beerdigen.

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Schützenstube Hönggerberg, «das beliebte Ausflugsrestaurant.» bild: watson

Roland Spitzbarth, Präsident der Schützengenossenschaft Hönggerberg und eine Zürischnorre, wie man sie heute nur noch selten hört, stöhnte schon am Telefon auf: «Ou nei, de Molina!» Der Plan war, mit Molina den Schiessstand zu besuchen, ihn vielleicht einmal ans Gewehr zu lassen, ein bisschen Häme, zugegeben, ein bisschen Belustigung auch, weil man nicht erwartet, dass Molina schiessen kann, sich aber auch gut vorstellen kann, dass Molina selber ein bisschen darüber lachen muss.

Alles, was du zum Waffenrecht wissen musst

Video: watson/Helene Obrist, Emily Engkent, Angelina Graf

Spitzbarth willigt schliesslich doch ein, das schaffe man schon, dem Molina das Schiessen näher zu bringen, überhaupt, was hat Herr Spitzbarth noch zu verlieren, die Gegner des neuen Waffenrechts liegen im Hintertreffen, drei Wochen vor der Abstimmung sind 55 Prozent der Befragten für die neuen Richtlinien, die von der EU vorgegeben werden. Eigentlich ist die Sache schon fast gegessen, aber man streckt die Waffen hier sicher nicht im voraus, Defätismus und Schiesswesen vertragen sich im politischen Kontext gerade ganz schlecht.

Alt, männlich, blasenschwach

Gaststube Schützenhaus Hönggerberg, kurz vor Ostern. Von 17 bis 19 Uhr wird hier ab April jeden Mittwoch geschossen, zusätzlich am Samstag von 10 bis 12. Flugzeuge hinterlassen am weichblauen Himmel Kondensstreifen, Pärchen tauchen in sich gekehrt aus dem Waldstück auf, Jogger ziehen ihre Runden um den nahe gelegenen Sportplatz. Für Spitzbarth ein gewohnter Anblick. Der 71-Jährige ist seit Mai 2016 der Chef, hier oben nennen sie ihn Roland, was trinkst du Roland? Eine Stange bitte. Hürlimann-Bierdeckel, Feldschlösschen-Gläser. Am Nebentisch: Viele weitere Stangen, ein paar Kafi Crèmes, French Toast, alles sehr männlich hier, alles sehr ältlich und verstaubt, die Sprüche, die Körper, Durchschnitt 60 aufwärts. Über dem Pissoir rät A. Vogel, das Schweigen zu brechen. Die Prostata.

Molina hat Verspätung, also erzählt Spitzbarth erst einmal die Geschichte des Schiesswesens im Zeitraffer: 15. Jahrhundert, erste Schiessvereine, 18. Jahrhundert, Bürgerwehren, aufkommen der Standschützen, die hiessen so, weil die Gewehrläufe damals cheibe schwer waren und gestützt werden mussten – Spitzbarth präsentiert stolz eine Anstecknadel in Form eines stehenden Schützen – , 19. Jahrhundert, kantonale Hoheit über das Militär, 20. Jahrhundert, Boom des Schiesswesens durch die allgemeine Militärpflicht und das Obligatorische, und wie in den populären History-Videos auf Youtube rotiert Spitzbarth immer langsamer, je näher er an die Gegenwart rückt. 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg, die Schweiz, ein besetztes Land. Man hält kurz inne, wie besetzt? Von uns selbst besetzt, natürlich. Aha. Auf dem Pausenplatz seien einmal im Jahr Panzer gestanden, so war das damals. 1971, im Jahr des Frauenstimmrechts-Ja, absolviert Sitzbarth die Rekrutenschule. Die Ordonnanzwaffe, das Sturmgewehr 57, wird mit viel Pomp überreicht, in eine Schweizerfahne gehüllt, der wehrhafte Schweizer und Vaterlandsverteidiger.

Ein Mann von Disziplin und Demut.

Wo ist eigentlich der Molina?

Da ist der Molina, jetzt kommt er doch noch, mit dem Bus, nicht mit dem Velo, wie man hier vermutet hat. Er entschuldigt sich für die Verspätung, er sei nicht mal gegen das Autofahren, er könne es einfach nicht, den Schein nie gemacht, zu faul gewesen für die Fahrstunden, grosses Gelächter jetzt schon. Was trinkt er? Kaffee oder eine Stange? Verbrüderung mit den Schützen oder zelebrierte Nüchternheit vor den Medien? Molina, der schlaue Fuchs, bestellt ein Panaché.

Ist Alkohol bei den Schützen eigentlich weit verbreitet? Spitzbarth wird ernst, ja, es werde schon viel Bier getrunken in den Schützenvereinen, das lasse sich nicht abstreiten, aber es diene für manche ja auch einem Zweck: Der Konzentration und der Beruhigung. Molina wirft ein: «Das kommt dann doch ein bisschen aufs Mass an!» Ein ernsthafter Sportschütze, fährt Spitzbarth fort, werde sich aber erst nach dem Wettkampf ein Bier gönnen, wenn überhaupt.

Jetzt hält Spitzbarth die Geschichts-Lektion für den hohen Gast noch einmal, 15. Jahrhundert, die Standschützen – Griff an den Pin –, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Eidgenossenschaft, Militärdienst, Schiesspflicht, 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Kalter Krieg, Armee 61, kulturelle Revolution 60 und 70, bevor dann 1989 der «Weltfrieden ausbricht» und das Schweizer Militär, des lieb gewonnen Bedrohungsszenarios beraubt, langsam in die Bedeutungslosigkeit abgleitet. Spitzbarth erzählt nüchtern, ohne Pathos oder Sentimentalität, er wirkt wie einer, der Frieden geschlossen hat mit dem Tod eines nahen Verwandten. Aber dass jemand ihm dann die Totenruhe stört, und dann ausgerechnet die Bürokraten-Hengste aus Brüssel, das ist dann schon ein starkes Stück.

Das Thema EU. Ein Nebengleis eigentlich bei dieser Abstimmung, aber weil die Waffenrichtlinie eine EU-Rechtsübernahme ist, steht bei einer Ablehnung für die Schweiz auch die Zukunft von Schengen (freier Personenverkehr, polizeiliche Zusammenarbeit) und Dublin (Flüchtlingsdatenbank) auf dem Spiel. 90 Tage hätte das Land Zeit, um bei einem Nein neu mit der EU zu verhandeln. Die Gegner stellen sich auf den Standpunkt, dass die EU schon irgendwie einlenken wird, die Schweiz, sagt Spitzbarth abgeklärt, sei viel zu wichtig. Molina zeigt sich skeptisch, die harte Haltung der EU beim Brexit habe ihn überrascht, es sei nicht zu erwarten, dass mit der Schweiz zimperlicher umgesprungen werde. Molina formuliert die Kaffeesatzleserei der beiden Lager irgendwann so: «Offenbar ist es eine Glaubensfrage.»

Später ertönt es hinter seinem Rücken: «Glaubeds dem nöd alles!» Ein älterer Schütze, schwerbepackt, auf dem Weg zum Schiessstand stapft vorbei. Molina: «Keine Angst!» Grosses Gelächter wieder.

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Fabian Molina, SP-Nationalrat, Roland Spitzbarth, Präsident Schiessplatzgenossenschaft Hönggerberg. Bild: watson

Herr Molina, haben Sie eigentlich die RS gemacht?

Molina lacht, nein, natürlich hat er nicht die RS gemacht, aus «versicherungstechnischen Gründen», Ärzte haben eine Bienenstich-Allergie bei ihm diagnostiziert.

Molina steckt sich eine Zigarette an, Spitzbarth auch, Camel Blue, beide haben ein Bier vor sich, mit viel Fantasie könnte man sich vielleicht einreden, einem ganz normalen Generationenstreit beizuwohnen. Der Vater in der dunklen Lederjacke schwärmt von Disziplin und Ordnung, die engen Äuglein hinter der Brille fixieren das Gegenüber eindringlich. Spitzbarth ist Silberschmied und Aikido-Trainer, sechster Dan, Präzision und Technik, Harmonie und Energie.

Molina, der Sohn in diesem Tableau, hat Geschichte studiert, war Präsident der Juso und ist das, was man in rechten Kreisen gerne spöttelnd als Berufspolitiker bezeichnet. Der erzieherische Effekt des Präzisionsschiessens auf 300 Meter, doziert Spitzbarth, sei nicht zu unterschätzen. «Da lernt man Disziplin, Verantwortung, Sorge tragen für ein gefährliches Instrument, das man zuhause aufbewahrt.» «Wie ein Tamagotchi also!», Molina, das ist schnell klar, hält nicht übermässig viel von Disziplin, die durchs Gewehr und den Exerzierplatz angeleitet wird.

«Schweizervolk, steh auf!»

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel anständiger der Ton in der politischen Debatte wird, sobald keine Kameras auf die Kontrahenten gerichtet sind. Aber natürlich steckt hinter der zwanglosen Plauderei am Beizentisch auch knallharte Politik. Auf der Homepage der Schützenstube Höngg findet sich ein Aufruf von Spitzbarth, die Waffenrechtsrevision zu bekämpfen. «Schweizervolk, steh auf!», steht da, eine unheilige Allianz habe die Masseneinwanderung, die DSI und die SBI zu Fall gebracht, und sei nun daran, die Schützen zu entwaffnen. Etwas weiter unten ist ein Text aus dem «Schweizer Soldat», der «führenden Militärzeitschrift der Schweiz», verlinkt, der vor dem «Gift einzelner Fakultäten» warnt und «den Gelehrten», die versuchten, unschuldige wehrfähige Schweizer Geschichtsstudenten mit «linkem Einheitsbrei» zu indoktrinieren. Das ist selbst in Zeiten der grassierenden Editorialenthemmung eine bisher ungesehene Kategorie.

Eine als solche gekennzeichnete Satire schickt Spitzbarth ein paar Tage nach dem Besuch per Mail zu. Es ist ein Text, von ihm selber verfasst, und ebenfalls im «Schweizer Soldat» abgedruckt. Eine dystopische Vision einer Schweiz, die ihren Bürgern den Waffenbesitz zwar nicht verbietet, aber die Schützen als Minderheit schikaniert und drangsaliert. Wer in dieser Schweiz im Jahr 2032 mit einer unregistrierten Waffe in der Öffentlichkeit gesichtet wird, muss damit rechnen, vom Laserstrahl einer US-Drohne pulverisiert zu werden. Ein bisschen, wie wenn Roger Köppel statt George Orwell «1984» geschrieben hätte.

Spitzbarth, Mitglied der Schützenorganisation ProTell, spielt mit dem Text auf den ominösen Artikel 17 an – der Gesetzesparagraf sei das trojanische Pferd der EU, befürchten die Gegner. Die Waffenrechtsrevision sei nur der Anfang, sagt Spitzbarth jetzt im Gespräch, in dem Übernahmeprotokoll, namentlich im Artikel 17, seien weitere Verschärfungen angedacht. Tatsächlich sieht das Gesetzeswerk eine Art periodische Überprüfung der Richtlinie vor, und die Möglichkeit, «gegebenenfalls Gesetzgebungsvorschläge» zu machen. Was das genau heisst, scheint niemand so recht zu wissen.

Justizministerin Karin-Keller Sutter betonte, der Gesetzgebungsprozess müsste auch bei einer neuerlichen Änderung vollständig durchlaufen werden. Auch das bringt Spitzbarth in Rage: Da hat man erst gerade 2011 die Bedürfnisnachweis- und Nachregistrierungspflicht abgelehnt und nun müsse man erneut darüber abstimmen. Molina begegnet dem Vorwurf mit Gelassenheit: Die direkte Demokratie erlaubt es, immer wieder über ein Thema abzustimmen. Die Halsstarrigen, das sind immer die Anderen.

Video: watson/William Stern

Wir wollen noch einmal zurück ins Feld, in die faktischen Änderungen, die mit der Waffenrichtlinie einher gehen würden. Was denn nun so schlimm daran sei, dass nun in einem Magazin nur noch 10 Schuss sind, und ein Formular eingeschickt werden muss, fragt Molina Spitzbarth. Spitzbarth nimmt die Mütze vom Kopf, fährt sich über die Haare und seufzt. Er fühle sich als Bittsteller. Dieser Staat habe ihm seine Waffe, das Sturmgewehr 57, vertrauensvoll in die Hände gedrückt und nun werden er und mit ihm hunderttausend andere kriminalisiert. Dass die Armeewaffen gar nicht betroffen sind, lässt er nicht gelten. Er fühle sich halt einfach unterdrückt, so sei das. Punkt.

Molina Schiessstand

Druckpunkt suchen, Atem aussetzen, Fokussieren, ins Schwarze treffen – Molina im Schiessstand. Bild: watson

Molina schüttelt den Kopf. Der SP-Politiker zieht den Vergleich zum motorisierten Verkehr: «Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Auto aufkam, durften die Leute fahren, wie sie wollten, mittlerweile hat man Verkehrsregeln eingeführt, den Alkoholkonsum am Steuer eingeschränkt, eine Gurtpflicht eingeführt.» Überhaupt brauche es in der Schweiz für jeden Seich ein Formular und eine Bewilligung, Kühe, Velos, Umzug, wieso also nicht bei den Waffen, die ja doch immerhin Tötungssinstrumente sind?

Zuletzt mit der Wasserpistole geschossen

Was bedeutet Ihnen das Schiessen, Herr Spitzbarth?

«Kameradschaft, Ruhe, Konzentration. Der ganze Stress des Alltags fällt von einem ab, wenn man da liegt, über Kimme und Korn blickt, auf die 300 Meter entfernte Zielscheibe.»

Roland Spitzbarth hat zuhause ein Skelett stehen, dem hängt er seine geschossenen Kränze um.

Was bedeutet Ihnen das Schiessen, Herr Molina? «Ich habe eigentlich keinen grossen Bezug zum Schiessen.»

Molina hat zuletzt mit einer Wasserpistole geschossen, das muss so 17, 18 Jahre her sein.

Nach einer guten Stunde tauchen zwei Journalisten der NZZ auf. Sie brauchen noch ein paar Fotos von Spitzbarth. Molina frotzelt angesichts der Medienleute, dass man mehr solche Abstimmungen machen müsste, «diese Publicity könnten Sie ja niemals bezahlen.» Der 71-Jährige nimmt einen farbigen Handkamm aus der Innentasche seines Ledermantels und fährt sich über die Haare. «1989 haben die Schützen angefangen sich zu verstecken. Es wurde uncool, Schütze zu sein, man wurde in eine Subkultur gedrängt. Das muss sich jetzt ändern, man sollte wieder stolz dazu stehen können.»

Beim Begriff Subkultur muss Molina ein bisschen schmunzeln. Er sei auch einmal in so einer Subkultur zuhause gewesen, derjenigen der Aquariumsbesitzer. Könne man sich eigentlich gar nicht vorstellen, wie viele Leute ein Aquarium zuhause rumstehen haben.

Spitzbarth muss jetzt aber wirklich zum Fototermin und hat gar keine Zeit, sich zu ärgern über den Vergleich zwischen einem Zierfisch und dem Sturmgewehr 90.

In der Zwischenzeit fragt man, ob Molina das Gefühl habe, den Schützen etwas wegzunehmen. Molina, der sich selber als «Vereinsmeier» bezeichnet, sagt, er glaube nicht, dass sich mit den marginalen Anpassungen im Waffenrecht für die Schützen grundlegendes verändere, aber er könne das Gefühl bis zu einem Punkt nachvollziehen. «Nur: Es gibt auch Leute, die engagieren sich allen Ernstes gegen 5G

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Eingangskontrolle beim Schiessstand Hönggerberg. Bild: watson

Weg von der Sehnsuchts-Schweiz

Hier oben, auf der Krete des Hönggerbergs, in dieser etwas anachronistischen Crèmeschnitten- und Stammtischwelt, ist die Abstimmung keine Frage über Magazingrössen oder Behördenformulare, es geht auch nicht um Schengen, Dublin oder die Frage, ob die Schweiz nur geografisch oder auch kulturell im Herzen Europas zu verorten ist. Diese Abstimmung ist nur der vorläufige Endpunkt einer kulturellen Verschiebung. Weg von dieser Sehnsucht-Schweiz der 50er, 60er und 70er-Jahre, die mit Schiesswimpeln dekoriert ist und in der das Gradabzeichen mehr zählte als ein Universitätsdiplom und in der man sich im Notfall immer gegen einen äusseren Feind verbrüdern kann oder gegen die Zukunft, hin zu einer offeneren, weltgewandteren und komplexeren Schweiz.

Vielleicht bin ich auch einfach zu alt, sagt Spitzbarth, als er wieder an den Tisch kommt.

War denn früher alles besser, Herr Spitzbarth? Die Jungen zu schlaff und teigig, um nur schon die Hand zum zackigen Gruss zu heben? Nein, so einer ist Spitzbarth nicht. «Die Alten hatten immer in der Geschichte der Menschen das Gefühl, die Jungen seien verweichlicht. Das war schon bei Sokrates so.»

Irgendwann möchte Spitzbarth dann aber doch, dass man das Mikrofon abschaltet, es geht um die innere Bedrohung und Sicherheit, um dunkle Wörter wie Umsturz und über allem schwebt die Angst, dass die Schweiz, so wie es sie in den Köpfen der Menschen gibt und gab, irgendwann nicht mehr sein wird.

Video: watson/William Stern

Zwei Stunden Pulverdampf

Molina ist dann auch noch der Überbringer guter Nachrichten. An diesem Mittwoch hat der Bundesrat bekanntgegeben, den Schützenhäusern zur Entsorgung des Bleis finanziell unter die Arme zu greifen. Spitzbarth hat davon noch nichts gehört, wirklich, fragt er ungläubig, das sei ja aber supercool, supercool sei das, finanziell gingen sie hier oben nämlich am Stock, ohne die Beiz könnten sie den Betrieb nicht aufrechthalten.

Video: watson/William Stern

17 Uhr. Molina erzählt gerade davon, wie ihm manchmal etwas mulmig werde, wenn er Briefe von Waffengegnern liest, die mit dem Satz enden «eigentlich müsste man Sie ...» als in fast zu perfekter Synchronisation der erste Schuss über die Gartenbeiz-Idylle fegt. Ein lautes, hohles Platzen, das in einem langen, flachen Rollen nachhallt. Als würde jemand mit voller Kraft auf eine mit mit Reisnägeln gefüllte Trommel dreschen. 5.6x45 Swiss GP 90-Projektile, die von der Treibladung mit einer Kraft von 1700 Joule aus dem Gewehrlauf gejagt werden und sich um die eigene Achse Richtung Zielscheibe drehen.

Man meint, Molina kurz zusammenzucken zu sehen, bildet sich das vielleicht aber auch ein. Die Schüsse gehen bald mit Hundegebell und Fluglärm über in eine Dreifaltigkeit des Krachs, die hier oben niemand gross zu stören scheint.

Die Sicherheit jedoch ist hier jederzeit gewährleistet, das sollten auch die Journalisten mitbekommen. Der Schiessstand darf nur mit ungeladener und gesicherter Waffe betreten werden. Herr L. kontrolliert den Eingang, zuvor hat er sich eine gelbe Leuchtweste mit dem Logo der Unfallversicherung der Schweizer Schützenvereine übergestreift («jetzt mache ich aber eine Falle, hä!»). Wenn er sich eine Zigarette ansteckt und Richtung Parkplatz schlendert, um mal ein bisschen nikontinunterstützt und mit Blick auf Autohecks zu plaudern, schallt es von irgendwoher: «He, Waffenkontrolle, muesch nöd immer nur schnurre!»

Molina erinnert sich dann noch, dass seine Schiess-Karriere nicht mit der Wasserpistole endete. Einmal hielt er bei einem Schulfreund zuhause eine Pumpgun in den Händen, eine echte, ungeladen natürlich, sie gehörte dem Vater des Schulfreundes. Wer der Schulfreund war? Der Halbbruder von SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt, der im Nein-Komitee sitzt und mit dem Molina erst kürzlich im Tele Züri die Klingen kreuzte.

Halb 7, nur noch eine halbe Stunde darf geschossen werden, dann ist Zapfenstreich. Spitzbarth lässt uns in den Händen von Johann Haberecker, Präsident der Feldschützen Zürichberg. Er selber muss die Jungschützen instruieren.

Spitzbarth schüttelt Molina die Hand, «es war uns eine Ehre, einen lebendigen Nationalrat in Fleisch und Blut bei uns zuhaben», es tönt sehr aufrichtig, hört sich gleichzeitig aber auch ein bisschen so an, als ob im Keller des Schiessstands eine Armee von zerschossenen Papppolitikern herumstünde. «Gut Schuss», wünscht Spitzbarth zum Abschied.

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Gut Schuss! SP-Nationalrat Fabian Molina schlägt sich für einen Anfänger nicht schlecht. bild: watson

Molina hätte es nicht gebraucht, er schiesst 44 von 100 möglichen Punkten. 2 Mal die 9, 2 Mal die 7, 4 Mal die 2, ein Mal die 4. Ein passables Resultat für einen Anfänger.

Video: watson/William Stern

Nach dem Schiessen braucht Molina dringend eine Zigarette. Die letzte. Man steht um den Eingang herum, rauchend, und diskutiert noch ein wenig. Eigentlich wirkt der SP-Nationalrat hier gar nicht so fehl am Platz. Wenn er das Problem mit der effizientesten aller Analysen beschreibt («Es gibt einfach zu viele Tublen»), die alternativen Lösungsmittel verwirft («Dummheit ist nicht heilbar») und am Ende dieser kleinen Dreisatzübung zur Notwendigkeit der Waffenrichtlinie gelangt, dann müssen auch die Umstehenden eingestehen: So weit ist man vielleicht gar nicht voneinander entfernt.

Video: watson/William Stern

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