Wieso die Brandopfer nun Monate bis Jahre lang tägliche Schmerzen ertragen müssen
Was in der Silvesternacht in Crans-Montana als ausgelassene Party begann, verwandelte sich in eine der schlimmsten Katastrophen der jüngeren Schweizer Geschichte. Über 40 Menschen starben und werden noch identifiziert, rund 119 Personen überlebten bisher als Schwerverletzte.
Die Flammen haben ihre Haut grossflächig verbrannt, weshalb sie eine medizinische Versorgung benötigen, die in ganz Europa nur wenige Verbrennungszentren leisten können – in der Schweiz stehen insgesamt weniger als 50 spezialisierte Plätze zur Verfügung. Entsprechend wurden viele der Patienten in den letzten Stunden auf Spezialkliniken in ganz Europa verteilt, unter anderem auch nach Deutschland und Polen.
Brandwunden dieser Schwere zählen zu den gefürchtetsten Krankheitsbildern der Notfallmedizin. Die Haut verliert ihre Funktion als natürliche Schutzbarriere: Flüssigkeit und Elektrolyte treten unkontrolliert aus, der Körper droht innerhalb kurzer Zeit zu entgleisen.
Patienten müssen deshalb kontinuierlich überwacht und über Infusionen stabilisiert werden. Gleichzeitig ist das Infektionsrisiko massiv erhöht, da Keime ungehindert in den Körper eindringen können. Selbst unter frühzeitiger antibiotischer Therapie lassen sich schwere Infektionen oft nicht vollständig verhindern.
Heilung ist erst der zweite Schritt
Für die Betroffenen beginnt der grosse Kampf damit erst nach der Rettung aus dem Feuer. In den ersten Tagen steht nicht Heilung im Vordergrund, sondern das Überleben. Brandverletzte brauchen rund um die Uhr intensivmedizinische Betreuung. Häufig werden sie bereits bei der Ankunft im Spital intubiert und in einen künstlichen Schlaf versetzt – nicht nur wegen der extremen Schmerzen, sondern auch, um den Körper vor zusätzlichem Stress zu schützen und die lebenswichtigen Funktionen zu sichern.
Ein zentraler Bestandteil der folgenden Behandlung ist dann die regelmässige Entfernung von abgestorbenem Gewebe, das sogenannte Debridement. Dabei werden absterbende Hautanteile abgetragen, um Infektionen vorzubeugen und die Grundlage für eine spätere Heilung zu schaffen. Diese Eingriffe sind sehr schmerzhaft und müssen über eine Dauer von mehreren Wochen bis Monaten oft täglich erfolgen. Erst wenn die Wunden stabil sind und keine akute Lebensgefahr mehr besteht, können rekonstruktive Massnahmen folgen.
Ist noch ausreichend gesunde Haut vorhanden, entnehmen Ärztinnen und Ärzte diese aus unversehrten Körperregionen. Mithilfe spezieller Geräte wird die Haut aufgespalten und zu einer netzartigen Struktur gedehnt, die grössere Flächen bedecken kann. Diese sogenannten Eigenhauttransplantate gelten als Goldstandard, da sie im Idealfall dauerhaft anwachsen und viele Funktionen der ursprünglichen Haut übernehmen.
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Speziell für die Psyche herausfordernd
Reicht die körpereigene Haut nicht aus, kommen künstliche oder biologische Hautersatzmaterialien aus dem Labor zum Einsatz. Sie können die Wunde schliessen und Infektionen reduzieren, ersetzen jedoch nicht alle Eigenschaften natürlicher Haut. Schweissdrüsen, Haarfollikel und Teile der Wärmeregulation fehlen.
Für die Betroffenen hat das – wenn grosse Areale betroffen sind – langfristige Folgen: Ihre Körper verlieren die Fähigkeit, bei grosser Hitze oder körperlicher Anstrengung die Körpertemperatur adäquat zu regulieren. Manche sind für den Rest ihres Lebens körperlich eingeschränkt. Dies ist insbesondere für Leistungssportler wie den in Crans-Montana schwer verletzten französischen Fussballspieler ein potenzielles Problem.
Die körperlichen Verletzungen sind jedoch nur ein Teil des Leids. Die anhaltenden Schmerzen führen bei einem erheblichen Teil der Patienten zu schweren psychischen Belastungen. Verbrennungsmedizin beinhaltet deshalb immer auch psychologische Betreuung – auch um mit kosmetischen Folgen klar zu kommen.
Eine Grenze der modernen Medizin
All diese Massnahmen setzen hochspezialisiertes Personal voraus. Die Behandlung schwerer Brandverletzungen gehört zu den personalintensivsten Aufgaben der Intensivmedizin. Ärztinnen und Ärzte arbeiten üblicherweise in Schichtsystemen, um die rund um die Uhr notwendige Betreuung sicherzustellen. Für die kontinuierliche Versorgung eines einzelnen schwerverletzten Patienten sind in der Regel drei Mediziner erforderlich, die sich im Acht-Stunden-Rhythmus ablösen. Hinzu kommt ein besonders hoher Bedarf an speziell ausgebildetem Pflegefachpersonal.
Nicht fehlende Technik oder medizinisches Wissen begrenzen dabei die Behandlungskapazitäten, sondern vor allem der Personalmangel. Jedes zusätzliche Bett in einem Verbrennungszentrum bedeutet auch den Bedarf an weiteren Fachkräften – Pflegepersonal, Intensivmediziner, Anästhesisten und Therapeuten –, die kurzfristig kaum verfügbar sind. In Fällen wie jenem von Crans-Montana treten diese strukturellen Grenzen der modernen Medizin zutage.
Für die Überlebenden markiert das Ende der Silvesternacht keinen Schlusspunkt – sondern den Beginn eines langen, qualvollen Weges zurück ins Leben.
