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Bild: IMAGO / Sven Simon

Peter Knäbel zum Schalker Aufstieg: «Die Erfüllung einer unglaublichen Sehnsucht»

Schalke lebt und bebt. Peter Knäbel ist einer jener Personen, die eine sportliche Totalsanierung ermöglicht haben. «Wir wollten es so sehr, bekamen aber nichts geschenkt», beschreibt er den Weg.
11.05.2022, 09:23

Am vergangenen Wochenende öffnen sie im Ruhrpott rund um Gelsenkirchen jede verfügbare Schleuse. Adrenalin und Bier ohne Ende. Tränen, Erschöpfung, Erleichterung allenthalben. Schalke schüttelt sich, Schalke tanzt, Schalke jubelt. Über 60'000 Fans fluten innert Kürze das Stadion. Mittendrin: Peter Knäbel.

Der Sportvorstand mit einer jahrzehntelanger Erfahrung im Profi-Fussball gibt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA unumwunden zu: «Was im Stadion an Stimmung aufkommen kann, da habe ich von der Intensität her nichts Vergleichbares erlebt in meinem Fussballerleben.»

Von den Akteuren fällt nahezu zeitgleich eine tonnenschwere Last ab. Simon Terodde beispielsweise, Topskorer und stabiler Hoffnungsträger, sinkt Sekunden nach der Promotion auf den Rasen und weint minutenlang. Der vor wenigen Wochen zum wiederholten Mal zum Chef ad interim beförderte Ur-Schalker Mike Büskens ist im ersten TV-Interview primär grenzenlos aufgewühlt. «Wir haben nicht die Erlösung vom bösen Druck gesehen», meldet Knäbel aus dem aktuellen Zentrum der Fussball-Glückseligkeit, «sondern die Erfüllung einer unglaublichen Sehnsucht.»

Das Gesicht der entfesselten Aufsteiger ist einer, der in Gelsenkirchen wohnt, welcher die Maloche nicht predigt, sondern täglich vorlebt: Mike Büskens, seit bald 30 Jahren in der einstigen Bergwerk-Stadt sozialisiert und von ihrem rauen Alltag geprägt. Der Ex-UEFA-Cup-Held und Absteiger verkörpert mit jeder Faser, was den ungestümen Kultklub ausmacht. «Das hier ist seine Heimat», beschreibt Knäbel seinen womöglich loyalsten Vorarbeiter. «Buyo ist ein hervorragender Trainer und wird in der kommenden Saison eine wichtige Stütze im Trainer-Team bleiben.»

Auf die Wut folgte die Euphorie

Um die bereits seit mehreren Tagen anhaltende Eruption verstehen zu können, muss man sich die Wucht des letztjährigen Zerfalls vor Augen führen. Im vergangenen Frühling stand Knäbel unverhofft auf der Kommandobrücke, derweil ein Orkan aufzog und einen Kollateralschaden verursachte. «Das Tempo der Spirale gegen unten habe ich in dieser Form selten erlebt», zog der damals quasi über Nacht zum Krisenmanager aufgestiegene Nachwuchs-Direktor kurz vor dem Fall in die Zweitklassigkeit eine ungeschönte Bilanz des Grauens.

Ein Identifikationsmagnet für eine ganze, wirtschaftlich angeschlagene Region drohte zu verschwinden; ein Vereinskoloss mit gegen 160'000 Mitgliedern stand auf der Kippe. Weit über 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten türmten sich auf. Ein nahezu zerrütteter Gigant der deutschen Fussballlandschaft näherte sich einem unvorstellbaren schwarzen Loch.

Peter Knäbel bejubelt mit Simon Terodde den Aufstieg.
Peter Knäbel bejubelt mit Simon Terodde den Aufstieg.Bild: IMAGO / RHR-Foto

In der allgemeinen Depression übertrugen die Entscheidungsträger Peter Knäbel die Hoffnung, er möge den Absturz aufhalten und unter Hochdruck neue Strukturen schaffen.

«Eine gewaltige Herausforderung», erinnert sich Knäbel. Denn: «Schalke ist mehr – in jeglicher Hinsicht, in jeglicher Situation.» S04 steht für eine fast beispiellose Leidenschaft und für die totale Hingabe der Anhänger. In unschönen Zeiten können die Verantwortlichen im Kollektiv von der Wut der Enttäuschten erfasst werden. Im positiven Fall entfachen die Supporter eine landesunübliche Euphorie. Knäbel formuliert es so: «Wenn Tausende in St. Pauli dabei sind oder 10'000 Fans nach Sandhausen fahren, kann man diese Energie auch für sich kanalisieren und von ihr profitieren.»

So freuen sich die Schalke-Fans über den Aufstieg.Video: YouTube/SPORT BILD

Der Film kommt

Der Druck sei aushaltbar gewesen, erklärt Knäbel und räumt ein, dass sie schon auch gezweifelt hätten – «aber nie so fest, dass man gedacht hat, keine Chance mehr zu haben». Der Wechsel auf der Trainerposition – Mike Büskens ersetzte im März Dimitrios Grammozis nach einem 3:4 gegen Rostock – löste intern keine nächste Sinnkrise aus. «Wir hatten uns einen längerfristigen Plan zurechtgelegt, über drei Jahre. Das gab uns Sicherheit.» Die vorübergehenden Turbulenzen seien aushaltbar gewesen. «Sie waren nicht existenzgefährdend.»

Die Chef-Etage hat auf Schalke gut kalkuliert. Die finanzielle Belastung wird kleiner, die Perspektiven sind im sportlichen Bereich ab sofort wieder gut. Einen «fantastischen Wettbewerb» (Knäbel) werden sie durch die Hauptpforte verlassen.

Im Duell mit anderen Ex-Grössen wie dem HSV und Werder verabschieden sich die Westfalen als Sieger. Die guten Nachrichten reissen momentan kaum ab – und sie werden von einer Film-Crew fein säuberlich dokumentiert. «Wir werden eine Doku präsentieren, wie sie der Fussball so noch nicht gesehen hat», kündigt Knäbel an – grosses Schalker Kino, ohne Filter, pur. (abu/sda)

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