Beim Saisonstart sprach eigentlich noch alles gegen Pius Suter. Der Zürcher hatte sich spät in der Vorbereitung eine leichte Verletzung zugezogen und verpasste das erste Spiel. So verlor er auch die Rolle als Viertlinien-Center der Vancouver Canucks an Aatu Räty und musste auf den Flügel ausweichen.
Suter erhielt nur zwischen 10 und 14 Minuten Eiszeit pro Spiel, doch er biss sich durch. Der 28-jährige Stürmer verliess sich auf seine zuverlässige Spielweise, hielt hinten und in Unterzahl den Laden dicht und begann schon bald, seine ersten Tore zu schiessen. Der Schweizer erhielt immer mehr Eiszeit, schoss immer mehr Tore, und als am 17. November J. T. Miller aus persönlichen Gründen eine Auszeit verlangte, ersetzte Suter ihn in dessen Rolle als Center der zweiten Sturmlinie.
Diese Position hat der Zürcher auch jetzt noch inne, weil Miller noch immer fehlt. Suter bezahlt das Vertrauen von Trainer Rick Tocchet mit Toren zurück. 11 Mal hat er in 25 Spielen bereits getroffen und ist damit hinter Jake DeBrusk zweitbester Torschütze der Canucks. Mittlerweile spielt er zwischen 17 und 20 Minuten pro Abend. Suter ist einer der Gründe, warum die Canucks trotz namhafter Absenzen souverän auf einem Playoff-Platz liegen.
Aber was macht Suter in dieser Saison so gut? Kurz gesagt verlässt er sich auf seine Spielintelligenz und seine Fähigkeit, genau zu wissen, was auf dem Eis als Nächstes passiert. Jeff Paterson, Journalist aus Vancouver, sagt: «Eine seiner grössten Qualitäten ist, dass er oft am richtigen Ort ist. Er überlässt es den talentierteren Spielern, ihn zu finden, und dann muss er jeweils nur noch einschieben oder den Abpraller verwerten.» Ähnlich klingt es bei Teamkollege Conor Garland: «Es ist so einfach, mit ihm zu spielen. Er ist sehr schlau, ist immer am richtigen Ort. Vielleicht nicht der Schnellste, aber wirklich immer am richtigen Ort.» Er liebe es, mit Suter zu spielen.
Mit der aktuellen Pace käme Pius Suter Ende Saison auf 36 Tore und insgesamt 55 Skorerpunkte. Das wäre für den Stürmer, der bislang nie mehr als 15 Tore in einer Saison geschossen hat, eine absolut neue Sphäre. Doch wie realistisch ist es, dass Suter seine Saison tatsächlich mit der aktuellen Pace durchzieht?
Vermutlich nicht sehr realistisch. Suter profitiert im Moment sicherlich auch von einer guten Portion Abschlussglück. Seine Schusseffizienz liegt derzeit bei über 23 Prozent. Zwar hat sich der ehemalige ZSC-Center in dieser Sparte seiner gesamten NHL-Karriere stets gesteigert, aber eine rund doppelt so hohe Schusseffizienz wie der Ligadurchschnitt wird er kaum über das ganze Jahr halten können.
Best and Worst Finishers this season by Goals Scored Above Expected - December 8 pic.twitter.com/rpD4R9D6AJ
— JFresh (@JFreshHockey) December 8, 2024
Es ist auch nicht so, dass Suter öfter aus guten Positionen zum Abschluss kommt als in den Vorjahren. Zwar schiesst der 28-Jährige etwas häufiger, die Anzahl der High-Danger-Chancen ist allerdings deutlich zurückgegangen. Gemäss dem Tracking von TopDownHockey hat er bislang fast sechs Tore mehr erzielt, als gemäss Expected Goals zu erwarten gewesen wäre. Es wäre also keine Überraschung, wenn bei Suter auch mal wieder eine längere Tor-Durststrecke kommt.
Doch Pius Suters Wert wird eben nicht nur an Toren und Assists gemessen. Der Zürcher ist einer der besten Zweiweg-Stürmer – das heisst, er kreiert Chancen für die eigene Mannschaft, ist aber auch sehr gut darin, gegnerische Tore und Chancen zu verhindern. Auch hier nutzt Suter seine Spielintelligenz, um am richtigen Ort zu sein. Er blockt Schüsse, fängt Pässe ab und gewinnt Zweikämpfe und kann sich durchsetzen, auch wenn er nicht der Grösste, Stärkste oder Schnellste ist.
Kein Wunder, vertraut Trainer Rick Tocchet dem Schweizer auch in Unterzahl. Mit deutlich über zwei Minuten Eiszeit pro Spiel übernimmt kein anderer Vancouver-Stürmer mehr Verantwortung im Penalty Kill. All diese Attribute machen Suter zu einem äusserst wertvollen Spieler – nicht nur bei den Canucks, sondern in der ganzen Liga.
Goals Above Replacement (GAR) ist eine Analytics-Kategorie von Evolving Hockey, die ebendiesen Wert eines Einzelspielers beziffern soll. Dabei wird angeschaut, an wie vielen Toren und Gegentoren der jeweilige Spieler beteiligt ist (nummerischer Gleichstand und Special Teams werden dabei separat gewertet) und wie viele Strafen er herausholt und verursacht. Zudem kann man zwischen Expected Goals Above Replacement (xGAR) und tatsächlichen Goals Above Replacement unterscheiden – man hat also den Vergleich, wie ein Spieler gemäss Analytics das Spiel beeinflussen sollte und was dann tatsächlich auf dem Eis passiert.
In Suters Fall sehen beide Statistiken sehr gut aus. Bei den Goals Above Replacement ist er Vancouvers zweitbester Spieler, genauso wie bei den Expected Goals Above Replacement. Das sagt uns, dass er derzeit nicht nur Glück hat oder von guten Teamkollegen profitiert, sondern tatsächlich selbst auch viel zum Erfolg der Canucks beiträgt. Tatsächlich ist der Zürcher bei den xGAR relativ zur Eiszeit einer der 15 besten Stürmer der NHL.
Das ist in Suters Fall besonders interessant, da sein Vertrag mit Vancouver im nächsten Sommer ausläuft. Als Unrestricted Free Agent (UFA) könnte er ab dem 1. Juli 2025 mit jedem Team in der NHL verhandeln. Die Canucks dürften aber aufgrund der positiven Erfahrungen mit dem Schweizer eine Verlängerung anstreben. Zumal ihn seine Flexibilität nochmals etwas wertvoller macht: Er hat bewiesen, dass er als Center oder Flügel in der vierten Linie genauso gut funktioniert wie als Center oder Flügel in einem Top-Sturm.
The #Canucks signed 27 y/o UFA F Pius Suter to 2 year $1.6M Cap Hit Deal
— PuckPedia (@PuckPedia) August 11, 2023
Each season is $1.6M Salary
14G 24P in 79 GP
Was UFA after 2 year $3.25M Cap Hit deal
Rep'd by @georgesmueller @PRIMESPORTSGmbH https://t.co/alOz7bDeq5
Suter befindet sich im zweiten Jahr eines Zweijahresvertrags, der ihm vor Steuern und anderen Abzügen 1,6 Millionen US-Dollar jährlich einbringt. Mit den aktuellen Leistungen dürfte er eine gewisse Lohnerhöhung erwarten – wohl im Bereich von 3 bis 5 Millionen. Die Canucks haben für nächste Saison wohl rund zwölf Millionen an Cap Space, müssen aber noch Stürmer Brock Boeser (oder einen entsprechenden Ersatz) und einen oder zwei Depth-Verteidiger verpflichten.
Suter und sein Agent Georges Müller haben bei den letzten Vertragsverhandlungen die Priorität eher auf die Vertragslaufzeit als auf die totale Summe gesetzt. Wenn Vancouver mit einem Vertrag um rund drei Millionen mit einer Laufzeit von drei oder mehr Jahren auf den Schweizer zukommt, dürfte er nicht abgeneigt sein.