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Katar, die WM und die Menschenrechte – ein Fazit

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Katar, die WM und die Menschenrechte – ein Fazit

Menschenrechte und Arbeitsbedingungen: Was bleibt von dieser Fussballweltmeisterschaft ausser Sport?
19.12.2022, 19:5021.12.2022, 09:24
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Der Final war der krönende Abschluss einer WM, die seit der Vergabe an Katar viel Sand im Getriebe hatte. Im Vorfeld der WM rückte insbesondere Katars Menschenrechtsbilanz ins Rampenlicht – einschliesslich der konservativen Gesetze, die Frauen diskriminieren, die politische Meinungsäusserung einschränken oder Homosexualität gleich ganz verbieten. Und auch einschliesslich der Bedingungen für ausländische Arbeiter, welche die Stadien aus dem Boden stampften.

Doch mit Anpfiff des ersten Spiels wurden die kritischen Stimmen leiser. Und ausgerechnet Lionel Messi und Kylian Mbappé werden zu den grossen Figuren der WM – beide bei Paris Saint-Germain finanziert und bezahlt durch einen katarischen Staatsfonds.

Katars Masterplan scheint also spätestens beim WM-Final aufgegangen zu sein. Oder?

Ist es dem Wüstenstaat wirklich gelungen, mithilfe von «Sportswashing» seinen Ruf als Staat ohne Menschenrechte reinzuwaschen? Wir ziehen Bilanz – wo das überhaupt schon möglich ist.

Der Umgang mit den toten Arbeitern

Menschen sind beim Bau der Stadien und sonstiger WM-Infrastruktur gestorben – das ist sicher. Die erschreckende Zahl von 15'000 für die FIFA geopferten Arbeitsmigranten geisterte im Vorfeld des Grossevents durch die Medien. Doch sie ist wohl zu hoch gegriffen: Die Zahl entstammt einem Report von Amnesty International aus dem Jahr 2021 über das Versäumnis Katars, Wanderarbeiter im Land zu schützen.

Die Menschenrechtsorganisation hat die Zahl dabei von den katarischen Behörden selbst – sie bezieht sich auf alle Ausländer, die zwischen 2011 und 2020 in Katar starben. Und in Katar sind rund 90 Prozent der Einwohner Ausländer (Katar ist das Land mit den meisten Arbeitsmigranten weltweit). Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika arbeiten im Niedriglohnsektor (Bau, Hausangestellte), solche aus Europa oder arabischen Ländern als Fachkräfte im Hochlohnsektor.

epa03955192 An Amnesty International handout photo dated 2012 shows a migrant worker sitting on a bunk bed in his accommodation in Qatar. Amnesty International on 17 November 2013 released a report bl ...
Arbeitsmigranten vegetieren unter den schlimmsten Umständen. Bild verbreitet von Amnesty International.Bild: keystone
epa03956764 Foreign construction workers queue up for the bus back to their accommodation camp in Doha, Qatar, 19 November 2013. The previous day, football's ruling body FIFA said it will continu ...
Ausländische Arbeiter warten auf die Busse, die sie in ihre Unterkünfte ausserhalb der Stadtzentren bringen, November 2013.Bild: keystone

Die FIFA und die verantwortlichen Behörden bestanden lange darauf, dass nur drei Menschen als direkte Folge ihrer Arbeit auf WM-Baustellen gestorben sind – zwei Nepalesen und ein Brite. Die FIFA bestätigte vor wenigen Tagen einen weiteren Todesfall. Und sie lässt verlautbaren:

«Die FIFA ist zutiefst traurig über diese Tragödie und unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei der Familie des Arbeiters.»

Seit Juni hat die FIFA in einer Reihe von Mitteilungen bekannt gegeben, dass sie Wege finden wolle, um Wanderarbeiter zu entschädigen. Erst am 13. Oktober 2022, bei der Anhörung des Europarats zu den Arbeitsrechten in Katar, erklärte der stellvertretende FIFA-Generalsekretär Alasdair Bell, dass man Entschädigungen für verletzte Arbeiter oder Hinterbliebene «auf jeden Fall vorantreiben» wolle.

Doch bis jetzt ist nichts passiert.

Darum haben namhafte Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International die FIFA im Dezember aufgefordert, den sogenannten «FIFA Legacy Fund» von Katar zu nutzen, um Entschädigungen für die Arbeiter und die Familien der Verstorbenen zu finanzieren.

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Sie sind Arbeitsmigranten in Katar und arbeiteten auf den Grossbaustellen der FIFA. Doha, undatiert.Bild: imago

Der «FIFA Legacy Fund» von Katar wurde 2020 eingerichtet und hat unter anderem den Zweck, die «Einhaltung der Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte bei der Ausrichtung von FIFA-Turnieren zu unterstützen», wie die FIFA schreibt.

Tirana Hassan, Direktorin von Human Rights Watch, sagt:

«Die ungeheuerliche Schönfärberei der FIFA in Bezug auf schwerwiegende Misshandlungen von Wanderarbeitern in Katar ist sowohl eine weltweite Peinlichkeit als auch eine unheilvolle Taktik, um sich ihrer menschenrechtlichen Verantwortung zu entziehen.»

Doch auch wenn die FIFA zahlte, der Zugang zu den Geldern wird gerade für Hinterbliebene schwer sein, denn die grosse Mehrheit der Todesfälle von Wanderarbeitern in Katar wurde von den katarischen Ärzten als «natürliche Todesursache» klassifiziert. Und: Ihre Angehörigen bleiben verstorben.

Für die neu errichteten WM Stadien haben Arbeitsmigranten ihr Leben gegeben. Noch vor dem WM-Ende hat der Wüstenstaat mit den ersten Abbauarbeiten begonnen. Drei der acht Arenen – viel zu viele für so ein kleines Land, in dem der Fussball nicht sonderlich populär ist – sollen komplett verschwinden, der Rest soll zurückgebaut werden.

Die Entwicklung der Arbeitsrechte

Der ganze Glitzer der WM wird bald unter einem Sandhaufen verschwinden – und mit ihm auch die Arbeitsrechte?

Als Resultat der im Vorfeld geführten Berichterstattung sind für Arbeitsmigrantinnen und -migranten neue Rahmenbedingungen geschaffen worden, darunter die Einführung eines Mindestlohns sowie die Möglichkeit eines Jobwechsels.

With the city skyline in the background, migrant workers work at the Doha port, in Doha, Qatar, Sunday, Nov. 13, 2022. Final preparations are being made for the soccer World Cup which starts on Nov. 2 ...
Bekommen sie bald den Mindestlohn? Arbeitsmigranten, die am Hafen von Doha arbeiten, November 2022.Bild: keystone

Doch das ins Rollen gekommene Steinchen mag nun stehen geblieben sein. Wie Amnesty International berichtet, sind die angekündigten Reformen bislang nicht wirksam umgesetzt worden. Die Ausbeutung gehe weiter.

Malcolm Bidali, ein ehemaliger Sicherheitsbeamter in Katar und Aktivist, sagte gegenüber CNN:

«Menschen werden weiterhin nicht bezahlt oder leben immer noch in beengten Verhältnissen. Es gibt immer noch Menschen, die körperlichen, verbalen und sexuellen Übergriffen, Diskriminierung, langen Arbeitszeiten und schrecklichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind.»

Dass sich hieran etwas ändert, ist nicht absehbar – auch, weil sich der Blick der Welt nun wieder von Katar abwendet.

Die Handhabung mit den Frauen- und LGBTQI+-Rechten

Kritisiert wurde im Vorfeld der WM auch, dass Katar homosexuelle Handlungen als Straftat ansieht und inhaftierte Homosexuelle in Haft misshandelt, oder dass Transgender-Personen in Konversionstherapien gefoltert würden.

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In Katar bleiben Frauen weiterhin per Gesetz benachteiligt und Homosexualität bleibt illegal. Frau in Doha, Mai 2010.Bild: keystone
FILE- Qatari women and a man walk in front of the city skyline in Doha, Qatar, Saturday, April 7, 2012. The foreign fans descending on Doha for the 2022 FIFA World Cup will find a country where women  ...
In Katar bleiben Frauen weiterhin per Gesetz benachteiligt und Homosexualität bleibt illegal. Doha, Mai 2012.Bild: keystone

Daran wird sich wohl nichts ändern aufgrund der WM. Denn in Katar bleiben Frauen weiterhin per Gesetz benachteiligt und Homosexualität bleibt illegal.

An der WM selber haben sich die Scheichs geweigert, den weiblichen Unparteiischen die Hand zu schütteln. Zudem wurde die One-Love-Binde von der FIFA kategorisch verboten. Die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen hat es in Katar also sogar auf den Fussballplatz geschafft. Ganz nach den Gepflogenheiten des Landes.

Katar ist und bleibt weiterhin ein autoritär regierter Staat.

Gianni Infantino feiert währenddessen seine Erfolgs-WM. «Es war eine faire WM, alle haben die Ruhe bewahrt», sagt der gebürtige Walliser an einer Medienkonferenz. «Das, was hier im Nahen Osten erreicht wurde, ist etwas Einzigartiges. Das ist etwas, das nur eine WM erreichen kann.» Man müsse die WM deshalb auch weiterhin in neuen Ländern organisieren.

Und jetzt dasselbe in Grün 2030?

Klimatisierte Stadien, die statt mit Sonnenenergie mit Gas beheizt wurden – und nun zurückgebaut oder abgetragen werden. Das Versprechen der klimafreundlichsten WM hat sich als Fata Morgana herausgestellt.

Katars Nachbar Saudi-Arabien bemüht sich darum, den bedeutendsten Sportanlass der Welt für das Jahr 2030 zu sich zu holen. Gemeinsam mit Ägypten und Griechenland will sich Saudi-Arabien um die Austragung der Weltmeisterschaft bewerben. Die Werbung für den möglichen Austragungsort flackerte bereits über die TV-Bildschirme.

Menschenrechtsverletzungen, neue aus dem Boden gestampfte Stadien mit integrierten Klimaanlagen, Alkoholverbot – droht ein Katar 2.0?

Noch steht die Entscheidung in den Sternen. Sie wird 2024 gefällt. Dabei hat der kleinere Wüstenstaat dem grossen Bruder schon vorgemacht, dass sich eine Fussball-WM mit Geld kaufen lässt.

Tatsache ist bereits jetzt, dass Saudi-Arabien die Menschenrechte gemäss Menschenrechtsindex noch mehr missachtet als Katar. Und dass auch eine mögliche WM in Saudi-Arabien im Winter stattfinden würde. Grün würde somit nur die Flagge Saudi-Arabiens sein.

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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Amadeus
19.12.2022 21:30registriert September 2015
Im Artikel steht: "Doch mit Anpfiff des ersten Spiels wurden die kritischen Stimmen leiser." Dabei kann ich mich noch gut erinnern, wie die Medien vor einem Monat versprochen haben kritisch zu sein und genau hinzuschauen. Den Lesern wurde zudem auch versprochen, dass die Medien auch nach dem Final am 18. Dezember die Entwicklungen in Katar weiterverfolgen. Bin gespannt und freue mich, wenn watson am Ball bleibt.
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Kalimat
19.12.2022 23:22registriert August 2022
Ich finde es lustig, wie die westlichen Medien die hier präsenten Themen als Beispiel für Gründe zur Kritik an Katar nehmen. Wusstet ihr dass Katar einer der Hauptsponsoren von Taliban, Al-Kaida, IS und Muslimbrüder ist. Und man könnte noch viele andere Dinge erwähnen. Aber ja wen interessierts...
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mäci
19.12.2022 20:44registriert Februar 2019
Falls jemand denkt, in Europa geht es den Gastarbeitern besser, der soll sich doch mal diese Doku anschauen
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