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Switzerland's midfielder Valon Behrami reacts during the FIFA World Cup 2018 round of 16 soccer match between Sweden and Switzerland at the Krestovski Stadium, in St. Petersburg, Russia, Tuesday, July 3, 2018. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Nicht einmal Behrami tat sich im WM-Achtelfinal gegen Schweden als Kämpfer hervor. Bild: KEYSTONE

Analyse

Der Rückfall zur Unzeit – was von dieser WM übrig bleibt

Der kollektive Schweizer Energieverlust im wichtigsten WM-Moment bleibt ein Rätsel. Emotionslos liess sich die Nati im Achtelfinal von Schweden in Russland aus dem Turnier drängen. Ein Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten.

sven schoch, st.petersburg / sda



Was bleibt nach der dreiwöchigen Russland-Expedition zurück? Ein bemerkenswertes Comeback gegen den Rekordweltmeister Brasilien, eine energische zweite Hälfte unter erschwerten atmosphärischen Bedingungen gegen Serbien (2:1), eine gesamthaft betrachtet ansprechende Gruppenphase – aber eben auch die schmerzhafte Tatsache, in den wichtigsten 90 Turnierminuten kein Volumen mehr entwickelt zu haben, sondern nahezu spurlos verschwunden zu sein und im grossen Kontext keine Fortschritte gemacht zu haben.

«Wann, wenn nicht jetzt?» Nicht nur Blerim Dzemaili stellte sich im Vorfeld des Duells mit den personell durchschnittlich bestückten Schweden diese berechtigte Frage. Der Gegner hat zwar in den letzten Tagen und Qualifikations-Monaten Grössen wie Deutschland, Italien und die Niederlande hinter sich gelassen, ihn nun aber deswegen gleich der Schwergewichtsklasse zuzuordnen, wäre übertrieben. Die Nordländer praktizieren eine eher simple und destruktive Form von Fussball.

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Die Highlights der Partie Schweiz gegen Schweden. Video: streamable

«Es stimmt, uns haben die Emotionen gefehlt. Das Spiel war irgendwie nicht flüssig, sondern wie verklebt. Es fehlte die Leichtigkeit, die Lockerheit.»

Vladimir Petkovic

Dass den Schweizern im Duell mit einem generell tiefer dotierten Kontrahenten, der schwedischen Trainerangaben zufolge vor zwei Jahren nach dem EM-Abgang am Nullpunkt stand, nahezu nichts Konstruktives in den Sinn kommt, wirft diverse Fragen auf. Ein kollektiver Spannungsverlust der Führungsspieler, ein mentaler Einbruch im wichtigsten Moment, eine lähmende Ratlosigkeit in der gegnerischen Platzhälfte – ein Auftritt ohne Entschlossenheit, ein erheblicher Rückfall zur Unzeit.

Kollektive Ratlosigkeit

Überraschend war nicht, was die Schweden anboten, sondern wie unbeholfen die Schweizer darauf reagierten. Ihrem unattraktiven, aber effizienten Stil, dem Spiel das Tempo zu rauben und den Gegner vom Energiekreislauf abzuschotten, blieb Janne Anderssons Mannschaft selbstredend treu. Mehr unternahm sie nicht, mehr war nicht nötig.

Kein Effort, kein Traumtor, ein abgefälschter Schuss reichte. «Gegen uns war das gut genug», resümierte Vladimir Petkovic. «Die Emotionen fehlten.» Enttäuschend wenig war gut genug am letzten Tag einer lange vielversprechenden Schweizer WM-Kampagne.

Der erhöhte Pulsschlag blieb danach aus. In der ersten Aufarbeitung des weitgehend geräuschlosen Abgangs aus Russland bilanzierten die Beteiligten trotz erheblicher Enttäuschung gefasst und selbstkritisch. Immer wieder drang durch, wie bemühend sie die Art und Weise des Scheiterns empfanden. «Schlecht» oder wahlweise «schwer zu akzeptieren» sei das 0:1 zum unspektakulären Abschluss.

Switzerland head coach Vladimir Petkovic gives directions to his players during the round of 16 match between Switzerland and Sweden at the 2018 soccer World Cup in the St. Petersburg Stadium, in St. Petersburg, Russia, Tuesday, July 3, 2018. (AP Photo/Gregorio Borgia)

Vladimir Petkovic gab die Richtung vor, doch seine Jungs verstanden ihn nicht.  Bild: AP/AP

In einer nächsten ruhigen Minute wird sich der Schweizer Selektionär die Frage gefallen lassen müssen, warum die Mannschaft in einem grossen Moment nicht für einen Exploit bereit war. Ihm fiel prima vista zwar ein, «dass gegen die Schweden niemand Emotionen aufbauen konnte», aber eine Prise mehr Entschlossenheit und Temperament wäre seiner teilweise regungslosen Elf schon zu wünschen gewesen.

Lichtsteiner schmerzlich vermisst

Dass ausgerechnet Petkovic es nicht schaffte, ein gewisses Feuer zu entfachen, ist eigenartig. Er spürt das Team in der Regel gut und ist als ungemein aktiver Coach bekannt. In seinem zweiten Achtelfinal innerhalb von zwei Jahren fand der Tessiner allerdings keinen Weg und keine Lösung, das Emotions-Vakuum einzudämmen, der mental blockierten Equipe Frischluft zuzuführen.

An Tagen wie jenen von St.Petersburg, an welchen nach einem mehrheitlich guten Zyklus plötzlich der Eindruck überwiegt, die Mannschaft stehe still und stelle sich selber infrage, wäre auf dem Rasen Leadership gefragt gewesen. Genau in solchen schwierigen Momenten wird das Gewicht des gesperrten Captains Stephan Lichtsteiner ersichtlich.

epa06816890 Swiss players Stephan Lichtsteiner (L) and Granit Xhaka (R) react during the FIFA World Cup 2018 group E preliminary round soccer match between Brazil and Switzerland in Rostov-On-Don, Russia, 17 June 2018. 

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Stephan Lichtsteiner ist einer, der die Teamkollegen aufwecken kann. Bild: EPA/KEYSTONE

Der nach zwei Verwarnungen nicht spielberechtigte Ex-Juventus-Verteidiger besitzt eine mentale Urkraft, die im Schweizer Team beispiellos ist. Wenn Petkovic in der Analyse das Defizit an feuriger Auflehnung anführt, wird er dabei an Lichtsteiner gedacht haben. Er kann, was viele seiner Kollegen (noch) nicht können: notfalls mit seinem Dickschädel durch die gegnerische Wand.

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