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Pride-Nights in der NHL werden gestrichen – das steckt dahinter

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Das Objekt des Anstosses: Aufwärmtrikots mit Regenbogen-Motiv. Hier getragen von Vancouver-Verteidiger Quinn Hughes.Bild: IMAGO/USA TODAY Network

In der NHL werden immer mehr «Pride Nights» gestrichen – die Reaktionen sind deutlich

In der NHL werden immer mehr Pride-Nächte abgesagt oder Spieler weigern sich, Regenbogen-Motiv zu tragen. Die LGBTQIA+-Community ist empört.
23.03.2023, 10:4723.03.2023, 12:29
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Im nordamerikanischen Spitzensport gehören Themenabende zur Normalität – auch in der NHL. Es gibt die «Military Appreciation Night», bei der Mitglieder des kanadischen oder US-Militärs geehrt werden. Es gibt die selbsterklärenden «Star Wars Nights» und «Hockey Fights Cancer Nights».

Und es gibt eben auch die «Pride Nights» in der NHL. Spiele, an denen auf die Widrigkeiten aufmerksam gemacht werden soll, die den Mitgliedern der LGBTQIA+-Community immer noch widerfahren. Die NHL und ihre Teams zeigen so ihre Unterstützung für ebendiese Mitglieder. Die Liga feiert sich dann mit dem Slogan «hockey is for everyone» – Hockey ist für alle – gerne selbst.

Doch in der vergangenen Nacht gaben die Chicago Blackhawks kurzfristig bekannt, die regenbogenfarbenen Aufwärmtrikots nicht zu tragen. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Am 17. Januar dieses Jahres weigerte sich Ivan Provorov, das Regenbogen-Aufwärmtrikot zu tragen. Der Verteidiger der Philadelphia Flyers gab an, er könne das «nicht mit seinem russisch-orthodoxen Glauben vereinbaren», und trat damit eine Lawine los.

Gut eine Woche später sagten die New York Rangers Teile ihrer Pride-Nacht ab. Eigentlich hätte die wertvollste NHL-Franchise geplant gehabt, ebenfalls regenbogenfarbene Aufwärmtrikots zu tragen und diese im Nachgang zu versteigern. Der Erlös hätte gemeinnützigen Organisationen zugutekommen sollen. Eine Begründung für diesen Rückzieher gaben die Rangers nie ab.

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Provorov zum Trotz: Flyers-Maskottchen Gritty schwingt die Pride-Fahne.Bild: IMAGO/USA TODAY Network

Wiederum gut zehn Tage später strichen auch die Minnesota Wild die Pride-Trikots aus dem Programm. Eine Webseite, auf der die Leibchen hätten versteigert werden sollen, wurde rasch gelöscht. Wie «The Athletic» berichtete, wiesen die Teambesitzer rund um Craig Leipold die Streichung der Initiative an, die genaue Begründung ist aber bis heute nicht bekannt.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Torhüter James Reimer sich ebenfalls weigert, in den Regenbogen-Trikots der San Jose Sharks aufzulaufen. «Die Bibel ist die höchste Autorität in meinem Leben. Ich kann nicht etwas unterstützen, das gegen meinen Glauben ist», liess sich der Kanadier zitieren. Die Sharks führten ihre Pride-Nacht trotzdem wie geplant durch. Statt auf Twitter die Resultate beim Spiel gegen die New York Islanders durchzugeben, fütterte das Social-Media-Team von San Jose seine Fans den ganzen Abend mit Fakten rund um die LGBTQIA+-Community.

Und nun also die Chicago Blackhawks. Das Team gab vor dem Spiel in der Nacht auf heute bekannt, die Regenbogen-Trikots ebenfalls nicht zu tragen. Als Begründung wurde die Sicherheit der Familienmitglieder der russischen Blackhawks-Spieler genannt. In Russland ist «die Verbreitung von ‹Propaganda› über nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen» illegal.

Auch der in Bern geborene und aufgewachsene Schweizer Nationalspieler Philipp Kurashev wird dabei als Russe angegeben. Was kurios anmutet: Andere russische Spieler wie Evgeni Malkin und Evgeni Dadonov haben schon Pride-Trikots getragen, ohne irgendwelche Konsequenzen für sie selbst oder die Familie in Russland. Und Blackhawks-Verteidiger Connor Murphy, der gemeinsam mit seiner Frau lautstark für Gleichberechtigung kämpft, betonte unlängst: «Wir haben niemanden im Team, der die LGBTQIA+-Community nicht unterstützt.»

Eishockey galt schon immer als konservativer Sport. Doch dass immer mehr NHL-Teams ihre «Pride Nights» absagen oder abschwächen, sorgt in Nordamerika und in der Community für grosse Entrüstung. Brian Burke, President of Hockey Operations bei den Pittsburgh Penguins, sagt: «Ich kann nur wiederholen, dass ich extrem enttäuscht bin.»

Burke weiss, wovon er spricht. Sein Sohn Brendan, der 2010 bei einem Autounfall ums Leben kam, war schwul. Der Pittsburgh-Manager betont: «Bei den Pride-Trikots geht es um Inklusion. Es geht nicht darum, Teil einer Bewegung zu sein, sondern ganz einfach darum, zu sagen: ‹Du bist hier willkommen›.»

Noch deutlichere Worte wählte Brent Sopel: «Die NHL sagt, Hockey ist für alle. Das ist eine Lüge.» Der heute 46-Jährige gewann 2010 mit den Chicago Blackhawks den Stanley Cup und nahm den Pokal damals als Erinnerung an Brendan Burke an eine Pride-Parade mit.

Auch Luke Prokop, ein Verteidiger in der Organisation der Nashville Predators, der vor anderthalb Jahren sein Coming Out feierte, zeigte sich enttäuscht: «Es fühlt sich an wie ein Rückwärtsschritt, was die Inklusion und Akzeptanz angeht.» Es sei enttäuschend, anzusehen, dass einige Teams diese Bedeutung nicht mehr anerkennen und bei einigen Spielern der Fokus nur auf sich selbst liege.

Prokop sagt: «Es muss sich noch einiges ändern, bis im Eishockey tatsächlich alle willkommen sind. Aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen.» In der Nacht auf Samstag steht bei Brian Burkes Pittsburgh Penguins die nächste «Pride Night» an.

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134 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Artjomius
23.03.2023 11:00registriert Dezember 2021
Religion. Die Wurzel fast aller Übel dieser Welt.
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The Moose
23.03.2023 11:08registriert März 2019
Interessant, dass von Sportlern immer erwartet wird das alle politisch korrekt denken und dies auch noch aktiv Vorleben. Wann kommt die Pride-Night der Bauarbeiter, der Metzger? Sport und Politik sollen gem IOC-Charta getrennt werden aber gleichzeitig werden Sportler von Ihren Arbeitgebern ungefragt als Werbeträger für eine politische Message genutzt? In diesem Fall immerhin für eine gute Sache. Aber wie ist das mit der Büchse der Pandora? Für was müssen sich Sportler als nächstes engagieren? Wenn sich ein Spieler von sich aus für LGBTQ einsetzt tolle Sache! Dazu verknurrt vom Arbeitgeber???
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insert_brain_here
23.03.2023 10:57registriert Oktober 2019
Ich dachte ja der Typ auf den sich die ganze Religion bezieht hat sich ziemlich eindeutig dazu geäussert:
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Du sagst, du kennst die Bundesliga? Dann sag uns, wer hier mit der Meisterschale jubelt!

Bald werden wir den Schweizer Nati-Captain Granit Xhaka mit der Meisterschale sehen. Es sei denn, eine Pandemie lege unser Leben lahm (bitte nicht schon wieder!), ein Asteroid lösche unseren Planeten aus (bitte definitiv nicht!) oder Bayer Leverkusen schafft etwas, was man nur «Vizekusen» zutraut (und natürlich Schalke 04 und dem Hamburger SV): eine nicht zu verspielende Ausgangslage tatsächlich noch zu verspielen.

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