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Eismeister Zaugg

Eismeister Zaugg: Die Entwicklung in der Geschichte des Hockeys

Switzerland's player celebrate their victory during the 2026 IIHF Men's Ice Hockey World Championship Semifinal game between Switzerland and Norway, at the Swiss Life Arena ice hockey stadiu ...
Die Schweizer Nationalmannschaft ist zum dritten Mal in Serie im WM-Final.Bild: keystone
Eismeister Zaugg

Früher Prügel für den Busfahrer – und jetzt erstmals Gold für alle?

Geht heute nach 45 Jahren eine Wanderung durch die Hockey-Welten mit dem WM-Titel zu Ende? Ein Rückblick auf eine verrückte Reise der Schweizer von einer Lach- und Skandalnummer mit prügelnden Nationaltrainern zum Titelanwärter. Die wundersamste Entwicklung in der Geschichte des gesamten helvetischen Teamsportes.
31.05.2026, 15:0731.05.2026, 15:07

Zum dritten Mal in Serie im WM-Final. Verrückt und Zeit, kurz innezuhalten und zurückzuschauen, woher wir eigentlich im internationalen Eishockey kommen. Die Erinnerungen sind noch wach an eine Zeit, als wir die Lach- und Skandalnummer des internationalen Hockeys waren.

Die erste WM bringt dem Chronisten einen Rat fürs ganze Leben und viel, viel Unterhaltung. Er reist mit einem klapprigen «Döschwo» (das Zeilengeld war schon damals knapp) zur Berichterstattung nach Ortisei in Italien. B-WM 1981 mit einem Berggeist als Maskottchen. Dem offiziellen Programm ist zu entnehmen, dass unser WM-Team von Cheftrainer Arne Strömberg – damals Klubtrainer in Langnau – geführt wird. Er kommt in Ortisei nie an. Sein Hilfscoach Lasse Lilja, damals in Arosa an der Bande, organisiert auf der Fahrt ins Grödner Tal einen Kaffeehalt bei Feldkirch und sorgt dafür, dass der Bus ohne Arne Strömberg weiterfährt.

Maskottchen 1981
Das Maskottchen von 1981.Bild: kza

Nun ist Lasse Lilja alleiniger Herr und Meister. Der fleissige Chronist wohnt natürlich jedem Training bei. Nach einer Übungseinheit kommt der Teambus eine halbe Stunde zu spät zum Stadion. Der Fahrer steigt aus und bevor er ein Wort der Entschuldigung vorbringen kann, fliegt er nach einem Faustschlag von Lasse Lilja gegen den Bus. Toll! Eine wunderbare Skandalgeschichte! Da nimmt ein erfahrener Chronist den jungen, übereifrigen Schreiberling zur Seite, legt ihm den Arm um die Schulter und sagt väterlich: «Es gibt Begebenheiten, über die man nicht schreibt.» Die Lehre habe ich beherzigt und ich werde im Laufe der Jahre über vieles nicht schreiben. Delegationsleiter Kurt Burgunder schenkt dem Busfahrer eine schöne Schweizer Uhr. Die Schweizer kommen immerhin auf Rang drei. Aufstieg? Unmöglich. Weltmeister? Verrückt geworden?

Ein Jahr später retten sich die Schweizer erst durch ein abgemachtes Unentschieden gegen Rumänien (3:3) vor dem Abstieg in die C-WM. Der Verlierer wäre abgestiegen, aber bei einem Remis verfällt China der Relegation. Auf Anweisung von Lasse Lilja inszeniert Köbi Kölliker in den Schlussminuten eine Schlägerei. Damit alles echt aussieht. Aber eben: Über gewisse Dinge schreibt man nicht. Köbi Kölliker (72) ist als einziger aus dieser Zeit heute noch aktiv. Er coacht nächste Saison den SC Lyss in der MyHockey League, unserer höchsten Amateurliga.

1986 gelingt unter Simon Schenk in einem heute schon fast vergessenen ersten «Swissness-Versuch» der Aufstieg in die A-WM. Simon Schenk ist nebenher auch noch Trainer des Amateurklubs Thun-Steffisburg (1. Liga) und Lehrer in Konolfingen. Das ist so, wie wenn Patrick Fischer nebenbei auch noch Seewen in der MyHockey-League gecoacht und in Zug Schulmeister gewesen wäre. Kurz vorher musste der Verband saniert werden, der gerade noch über ein Barvermögen von 40 Franken verfügt hatte.

Am 21. April 1987 wird mir in der Wiener Stadthalle klar: Weltmeister werden wir nie. Schweden zerlegt uns 12:1. Nach zwei Dritteln steht es 10:0, gegen die Sowjets verlieren wir 2:12 und punktelos steigen wir gleich wieder ab (26:71 Tore in 10 Spiele).

Die Titelseite des Programms der B-WM 1981.
Die Titelseite des Programms der B-WM 1981.Bild: kza

Fünf Jahre später, im Prager Hockeyfrühling von 1992, wird zaghaft erstmals das Undenkbare gedacht: Vielleicht könnten wir doch ganz nach oben kommen. Die Schweizer spielen mutig, organisiert, fast modern. Der berühmte «Schweizer Riegel» aus dem Fussball funktioniert auf Kufen. Im Viertelfinal bodigen wir die Deutschen (3:1), im Halbfinal wartet Schweden – und führt nach zwanzig Minuten bereits 3:0. Endstand 4:1. Die Erkenntnis ist ernüchternd: Wir werden nie Weltmeister. Nicht in fünfzig Jahren.

Der Chronist lernt bei diesem Turnier wieder etwas für sein weiteres Leben: Verbandsportdirektor Erich Wüthrich hat nach dem missglückten Olympischen Turnier Nationaltrainer Juhani Tamminen gefeuert und durch John Slettvoll ersetzt. Als Assistent wird ihm SCB-Meistertrainer Bill Gilligan zur Seite gestellt. Aus einer im Rückblick unerklärlichen Fixierung auf den SCB schreibt der Chronist beharrlich und boshaft von Nationaltrainer Bill Gilligan. Im Kabinengang treffe ich zufällig auf John Slettvoll. Der Schwede ist darüber, dass er in der Berichterstattung ignoriert wird, so erbost, dass er mich am Kragen packt, an die Wand drückt und einen Ringkampf beginnt. Bis der kräftige Nationalverteidiger Doug Honegger herbeieilt, uns beide trennt und beruhigt. So wie es Linienrichter bei zwei Raufbrüdern auf dem Eis zu tun pflegen. Ich habe mich natürlich später mit John Slettvoll versöhnt.

Cheftrainer und Assistent der Schweizer Nationalmannschaft an der WM 1992.
Cheftrainer und Assistent der Schweizer Nationalmannschaft an der WM 1992.

Dann kommt Ralph Krueger und vertreibt wenigstens die Ehrfurcht vor grossen Tieren. 1998 scheint in Zürich plötzlich alles möglich. Gespielt wird nach einem kuriosen WM-Modus mit Halbfinal und Final in zwei Partien. Doch gegen Schweden folgt im Halbfinal ein 1:4 und ein 2:7. Wieder Weltmeister Schweden. Nicht in hundert Jahren werden wir wie die Schweden. Aus Hoffnung wird Resignation.

Erst die jahrelange Präsenz in der Weltelite veränderte langsam das Denken. Die Schweiz begann aufzubegehren. 2013 folgt in Stockholm ein 3:2 gegen Schweden – der WM-Auftakt zu einem wundersamen Lauf bis in den Final. Dort wartete wieder Schweden. Die Schweiz führte 1:0 und verlor 1:5. Wir können gegen Schweden einfach nicht gewinnen.

Danach festigt sich eine fast religiöse Verehrung des schwedischen Modells. Ausbildung wie die Schweden, Taktik wie die Schweden, Denken wie die Schweden. Als wäre Hockey eine nordische Offenbarungslehre.

Doch dann geschieht etwas Entscheidendes. Die Schweizer hören dank Patrick Fischer ab Herbst 2015 nach und nach auf, eine schlechte Kopie der Schweden sein zu wollen. Sie entwickeln ihren eigenen Stil. Der Final von Kopenhagen geht 2018 erst in der Penalty-Entscheidung verloren.

Der Kompass zeigt seit 2018 auf der Wanderung ganz nach oben nicht mehr nach Norden. Wir haben eine eigene, starke Hockeykultur entwickelt. Viermal WM-Silber, Triumphe in der Champions League, Millionäre in der NHL und ein WM-Team, das in allen Bereichen das beste der Gruppenspiele war und nun zum fünften Mal um Geld spielt. Und der Verband hortet heute in den Geldspeichern gut und gerne 14 Millionen.

Das Eishockey, das wir in diesen Tagen in Zürich sehen, ist also das Produkt eines langen, unglaublichen Entwicklungsprozesses, einer langen Reise, seit der Nationaltrainer 1981 beim Kaffeehalt vergessen worden ist und der Teambus-Fahrer Prügel kassiert und eine Schweizer Uhr erhalten hat.

Das Schweizer Nationalteam von 1981.
Das Schweizer Nationalteam von 1981.Bild: kza

Schweden ist soeben im Viertelfinal zum ersten Mal besiegt worden. Ein WM-Titel am Sonntagabend wäre wie die Ankunft nach 45 Jahren, nach einer langen, langen Reise. Ein Wunder. Aber ein beharrlich erarbeitetes, ein erdauertes und deshalb auch ein logisches, aber eben doch unglaubliches Wunder, das in Erinnerung an die Anfänge im Grödner Tal und im Miterleben immer noch schier unfassbar scheint. Keine andere Hockey-Nation hat seit 1981 den Aufstieg aus dem Keller der B-WM in die Weltspitze geschafft.

Schweizer Uhren gibt es jetzt, anders als 1981, nicht mehr für den misshandelten Busfahrer. Sondern nach jeder WM-Partie für den besten Spieler.

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quelle: keystone / andreas becker
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