Die Schweiz – eine weltmeisterliche Mannschaft aus kaltem Feuer
Eine kurze historische Zusammenfassung hilft uns, die Gegenwart, den Final von 2026 besser zu verstehen.
Patrick Fischer hat den Schweizern seit seiner Amtsübernahme im Herbst 2015 nach und nach das Fliegen bis in Finalhöhen beigebracht. Ein wenig war er ein Romantiker und Träumer, aber viel mehr noch ein Visionär, der das grosse Denken in unsere Hockeykultur gebracht hat, das die Voraussetzung für grosse Taten ist. Die Schweizer sind schneller, mutiger und frecher geworden. Drei Finals unter Patrick Fischer (2018, 2024, 2025). Aber eben auch drei Niederlagen.
Als Patrick Fischer kurz vor der WM über die Affäre rund um das gefälschte Covid-Zertifikat stolpert und die vorzeitige Amtsübernahme von Jan Cadieux zustande kommt, kommen da und dort Zweifel auf. Der Charismatiker hinaus, der Pragmatiker hinein. Der Prophet wird durch den Buchhalter der Realität ersetzt.
Jan Cadieux ist nicht der Mann, der das Eishockey neu erfindet. Er ist der Mann, der vollendet, was Patrick Fischer begonnen hat. Der Schwung, das Selbstvertrauen und die spielerische Eleganz aus der Fischer-Ära sind geblieben.
In den Partien gegen Schweden (3:1 im Viertelfinal) und Norwegen im Halbfinal (6:0) ist in Zürich etwas Neues dazugekommen: Die Schweiz spielt seriöser. Nicht langweiliger. Nicht defensiver. Einfach erwachsener. Wie ein talentierter Student, der irgendwann merkt, dass Prüfungen nicht allein mit spielerischem Charme bestanden werden.
Die Schweizer gleiten durch die Vorrunde wie Schmetterlinge an einem lauwarmen Sommerabend. Elegant, beinahe schwerelos. Die Scheibe läuft. Die Beine laufen. Das Spiel läuft. Die Stöcke sind nicht Werkzeuge. Sie sind Zauberstäbe. Sieben Siege in Serie.
Die Schönheit ist nun – anders als 2013, 2018, 2024 und 2025 – kombiniert mit Härte und einer nie gesehenen Reife. Die Schweizer spielen im Viertelfinal gegen die Schweden nicht einfach hart. Sie spielen einschüchternd hart. Ein ewiges Vorurteil landet in der Brockenstube der Hockey-Geschichte: Die Schweizer seien zu weich, um Weltmeister zu werden.
Gegen die Norweger haben sie die zweite Meisterprüfung bestanden: Sie haben Demut gelernt. Die Fallhöhe war ja maximal. Vielleicht so hoch wie noch nie in der Geschichte des gesamten helvetischen Teamsportes: Gegen den tapferen «Hinterbänkler» Norwegen den Final im eigenen Land verpassen? Die gefährlichste aller Fallen. Nicht taktischer Natur. Psychologischer Natur. Der vermeintlich leichte Gegner. Das Spiel, das man im Kopf schon gewonnen hat und auf dem Eis noch verlieren kann.
Es ist Jan Cadieux' ganz grosse Qualität, dass die Schweizer die Norweger nicht eine Sekunde unterschätzt haben. Dass die ganze Angelegenheit nie dramatisch geworden ist. Die Schweizer behandelten die Norweger mit Respekt. Mit Ernsthaftigkeit. Sie arbeiteten sie am Anfang erst einmal beharrlich sie vom Eis. Keine Arroganz. Keine Show. Keine unnötigen Risiken. Aber hochkonzentriert und mit kontrollierten Emotionen. Zum Tanz ist erst aufgespielt worden, als die Sache entschieden war. Ein Team aus kaltem Feuer.
Wer Weltmeister werden will, muss lernen, auch die unspektakulären Arbeiten gewissenhaft zu erledigen. Und nun stehen die Schweizer also dort, wo sie bereits viermal standen. Im Final. Aber eben: Nichts ist mehr wie 2013, 2018, 2024 und 2025.
- Der Final von 2013 unter Sean Simpson kam völlig unerwartet nach einer missglückten WM 2012. Eine schmähliche Niederlage gegen Frankreich (2:4) kostete im Vorjahr die Viertelfinals und IIHF-Präsident René Fasel musste, weil er eine Wette verloren hatte, in der Kabine der Franzosen die Marseillaise singen. Nun war der Final wie ein völlig unerwarteter Lottogewinn. Vom WM-Titel hatte ja zuvor noch nie jemand zu träumen, geschweige denn zu sprechen gewagt. Der Glaube an das Unmögliche fehlte und Energie am Ende des Turniers sowieso. Trotz einer 1:0-Führung waren die Schweizer gegen Schweden chancenlos.
- Beim Final von 2018 kamen die Schweizer dem Titel bisher am nächsten: Sie taumelten durch die Vorrunde (der Viertelfinal konnte erst im letzten Vorrundenspiel gegen Frankreich gesichert werden), mit dem Viertelfinalsieg gegen die vom neuen Zug-Trainer Laur Marjamäki miserabel gecoachten Finnen bekamen sie Wind unter die Flügel und nach dem sensationellen Triumph über Kanada im Halbfinal bestritten sie den Final gegen die arroganten Schweden und erreichten die Penalty-Entscheidung. In der Verlängerung hatte Kevin Fiala die Entscheidung auf dem Stock. Zum ersten Mal hatten die Schweizer an den Titel geglaubt.
- Der Final von 2024 war der erste «richtige» Final: Die Schweizer sind in Prag von den Tschechen nie eine Sekunde unterschätzt worden, zum ersten Mal spielten sie auf Augenhöhe mit dem Gegner um den WM-Titel und verloren ein ausgeglichenes Spiel 0:2. Der zweite Gegentreffer fiel erst, als Patrick Fischer den Torhüter durch einen 6. Feldspieler ersetzt hatte. Zum ersten Mal hatte man den Schweizern realistische Titelchancen eingeräumt.
- Den Final von 2025 verloren die Schweizer gegen die USA (die sie in der Vorrunde 3:0 besiegt hatten) als heimlicher Favorit. Zum ersten Mal machten sich tiefe Enttäuschung (nur Silber…) und eine leise Resignation breit: Es wird wohl nie reichen, wenn wir einfach nicht dazu in der Lage sind, in einem Final mindestens einen Treffer zu erzielen. Die heimliche Favoritenrolle hatte eine Spur Passivität ausgelöst – und die Schweizer waren gegen die Nordamerikaner auch nicht hart genug.
Der Final von 2026 ist in jeder Beziehung anders: Die WM im eigenen Land und der WM-Titel von allem Anfang an das einzige Ziel, das zählt. Zum ersten Mal zeigen die Schweizer in der Vorrunde und dann im Viertelfinal gegen Schweden und im Halbfinal gegen Norwegen alle Qualitäten, die es braucht, um Weltmeister zu werden. Erstmals auch die offensiven: Noch nie zuvor hatte die Schweiz an einer WM statistisch bessere Offensivspieler – vorne und an der blauen Linie. Und nie zuvor waren sie taktisch besser ausbalanciert.
Der nüchterne Jan Cadieux hat die Emotionen – das romantische Erbe seines Vorgängers – nicht vertrieben. Er hat ihnen lediglich ein Fundament gegeben. Er hat aus Begeisterung Disziplin gemacht. Aus Talent Verlässlichkeit. Aus Hoffnung eine Möglichkeit.
Er hat eine Mannschaft wie aus kaltem Feuer geformt.
