Der vergessene Schweizer Revolutionär, der das Skispringen für immer verändert hat
Andreas Däscher aus Clavadel bei Davos gewinnt an einer WM oder bei Olympischen Spielen nie eine Medaille. Seine beste Klassierung auf der Olympischen Bühne ist der 6. Rang bei den Spielen von 1956 in Cortina. Aber er hat auf seinen Sport mehr Einfluss genommen als der vierfache Olympiasieger Simon Amman.
Er revolutionierte in den 1950er Jahren die Sprungtechnik grundlegend. Bis dahin war es üblich, die Hände im Flug nach vorne zu strecken. Andreas Däscher aber erkannte, dass eine aerodynamischere Haltung – mit eng am Körper angelegten Armen – den Luftwiderstand reduziert und zu stabileren und weiteren Sprüngen sowie zu einer sichereren Landung führt.
Dieser neue Stil, der sich später als «Däscher-Stil» weltweit durchsetzt, ist ein Meilenstein in der Geschichte des Skispringens.
Andreas Däschers Revolution ist also die Basis des heutigen Skispringens. Er hatte seinen Stil durch Beobachtungen und einem Gespür für Aerodynamik entwickelt – lange bevor die Sportwissenschaft sich mit dem Thema befasste und Windkanaltests im Skispringen Einzug hielten.
Aber dieser neue Stil widersprach den damals gültigen ästhetischen Vorstellungen des Skispringens. Die Wertungsrichter beurteilten Sprünge nicht nur nach Weite, sondern stark nach «Haltung», «Schönheit» und «Tradition» und die Punkte für die Weite wurden mit den Punkten für die Bewertung des Stils addiert.
Gut bewertet wurde ausdrücklich der klassische Stil mit nach vorne gestreckten Armen. In Norwegen entwickelt und von Birger Ruud als Olympiasieger von 1932 und 1936 erfolgreich umgesetzt.
Die Haltungsnoten für den Schweizer fielen also schlechter aus. Sein neuer, ja revolutionärer Stil galt zunächst als «unsauber» oder «unkonventionell», setzte sich aber durch.
In den 1980er-Jahren entwickelt Jan Boklöv Andreas Däschers Erfindung zum modernen V-Stil weiter. Aber auch er wurde – wie einst Andreas Däscher – von den Punktrichtern bestraft, die den V-Stil als «schlecht» klassierten. Und auch der Schwede gewann – wie Andreas Däscher – nie bei einer WM oder auf der Olympischen Bühne eine Medaille, aber immerhin 1989 den Weltcup.
Andreas Däschers und Jan Boklövs Geschichte zeigt ein gängiges Muster der Sportgeschichte: Innovation wird meist erst skeptisch beurteilt. In seiner DNA sind die Gralshüter des Sports konservativ und bilden so das Gegengewicht zur Dynamik der Jugend.
Nach seiner Karriere baute Andreas Däscher in Meilen ZH ein Sanitär-Geschäft auf. Er starb am 4. August 2023 im Alter von 96 Jahren im Alterszentrum des Ortes. Als «vergessener» grösster Pionier und Revolutionär des Skispringens.
