Die Stimmung in Deutschland halte sich in Grenzen, wurde vor der Fussball-Europameisterschaft gemunkelt. Die Frankfurter Allgemeine urteilte vor dem Turnier, die Atmosphäre sei nicht «gelöst wie 2006», als Deutschland mit der WM das letzte Grossturnier ausrichtete. Noch weiter ging die NZZ: «Im Land vermag bis jetzt kaum Turnierstimmung aufzukommen – und das hat seinen Grund. Zu trübe waren die letzten Jahre im deutschen Fussball, zu wechselhaft die Leistungen, zu gross die Enttäuschungen», schrieb die Zeitung kurz vor EM-Start. Niemand schien wirklich daran zu glauben, dass das Turnier dem Sommermärchen 2006 auch nur annähernd das Wasser reichen wird.
Was die Prognostizierenden bei ihren sinistren Voraussagen aussen vor liessen: Eine EM steht und fällt nicht nur mit dem Gastgeberland, sondern auch mit den Fans, die anreisen, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Und genau diese Fans sorgen in Kombination mit den perfekten Bedingungen, die sie im Gastgeberland vorfinden, seit Tag eins für ein rauschendes Fussballfest, das in dieser Form im Männerfussball schon lange nicht mehr gefeiert werden konnte.
Wer sich in diesen Tagen in Berlin, Gelsenkirchen, München, Leipzig, Dortmund, Frankfurt, Hamburg, Köln, Stuttgart oder Düsseldorf bewegt, wird die Strassen bunter vorfinden als auch schon. Fans in den Trikots ihrer Nationalmannschaft bevölkern die Stadien, die Fanzonen, die Bars und die öffentlichen Plätze. Europa tanzt, singt und trinkt gemeinsam und die patriotischen Gefühle, von denen ein Turnier wie eine Europameisterschaft naturgemäss lebt, scheinen die Anhänger der verschiedenen Lager eher zu verbinden, als zu trennen.
England fans having a dance with a German lady this afternoon. 🕺🏴🇩🇪#EURO2024 pic.twitter.com/9WPhvcfD9z
— Euro 24 Hub (@Euro24Hub) June 19, 2024
In Zeiten von Social Media verbreiten sich die Szenen, die sich in diesen Tagen auf den deutschen Strassen abspielen, schnell. Und so können wir auch aus der Ferne mitverfolgen, wie albanische Fans mit deutschen Polizisten tanzen, italienische Fans mit zerbrochenen Spaghetti geärgert werden oder muntere Engländer eine ältere Dame zum Tanz bitten.
German police join Albanian fans in a dance! 🇩🇪❤️#EURO2024 | #CROALB#KuqeZi 🦅 | #ForcaShqipëri 👐 pic.twitter.com/xUyw7RcMvH
— Kosovar Football 🇽🇰 (@kosovarfootball) June 19, 2024
Besonders präsent sind in Deutschland die Fans aus Schottland. Beim Spiel gegen die Schweiz bevölkerten sie die gesamte Kölner Innenstadt und läuteten mit ihren Dudelsäcken die Schlacht gegen die Nati ein. Dass Schottland und die Schweiz auf dem Platz gegeneinander antraten, schien die Fans nicht davon abzuhalten, gemeinsam für gute Stimmung zu sorgen. Lässt man sportliche Argumente aussen vor, so erhofft man sich als neutraler Zuschauer fast, dass das schottische Fussballfest erst im Final endet.
Doch jenseits der europäischen Fussball-Heiterkeit gibt es auch an der EM in Deutschland Momente, in denen der Patriotismus in Rassismus umschlägt. So wurde der serbische Fussballverband mit einer Strafe belegt, weil die Fans rassistische Gesänge an die Spieler der englischen Nationalmannschaft gerichtet hatten. Serbien seinerseits droht mit einem Austritt aus dem Turnier, weil aus den kroatischen und albanischen Fansektoren Sprechchöre mit Morddrohungen gegen Serbien zu hören gewesen seien.
Auch rund um die Partie zwischen Deutschland und Ungarn in Stuttgart kam es zu Auseinandersetzungen und wüsten Gesten. Bei der Polizei gingen mehr als 30 Strafanzeigen wegen Körperverletzungen und Verstössen gegen das Sprengstoffgesetz ein. Ungarische Fans hätten zudem den Hitlergruss gezeigt.
Wie schmal der Grat ist, auf dem sich die Fans an einem Grossanlass bewegen, der auf einem Kräftemessen verschiedener Nationen beruht, erklärt der Soziologe Michael Mutz. An Fussball-Länderspielen werde eine Nation erlebbar, wie man es aus dem normalen Alltag eigentlich nicht kenne, was dazu führe, «dass auch die Identifikation mit dieser Gruppe ansteigt». Dieser Zusammenhalt, der dabei entstehe, so Mutz, sei gewissermassen «das letzte Lagerfeuer der Nation».
Fussball ist aber nicht immer nur ein gemütliches Lagerfeuer der Nation, sondern ruft auch Fans auf den Plan, die sich auf eine Art und Weise mit ihrer Nationalmannschaft identifizieren, die nicht zu einem rauschenden Fest, sondern zu gehässigen Feindseligkeiten mit anderen Nationen führen. Eine EM, so beschreibt es Michael Mutz, habe nämlich auch «die Tendenz, nationalistische Einstellungen zu fördern». Auf dass die Lagerfeuerstimmung an diesem Turnier gewinnen möge.
Nicht vergessen, in ein paar Jahren findet die WM in Saudi Arabien statt. Mal schauen, ob dann wieder tausende, angetrunkene Holländer Arm in Arm friedlich durch die Strassen tanzen. Ich bezweifle es.