DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Ueli Steck war einer der weltbesten Extrembergsteiger.

Die eine Expedition zu viel – mir sagte Ueli Steck einst: «Ich will zurückbuchstabieren»

Der Schweizer Bergsteiger Ueli Steck stirbt 40-jährig während der Vorbereitung zu einem neuen Rekordversuch. watson ordnet in einem Nachruf frühere – etwas überraschende – Aussagen Stecks in den aktuellen Kontext ein.



Meinen ersten Kontakt überhaupt mit Ueli Steck habe ich Anfang Juni 2015. Steck will mit einem befreundeten Bergsteiger alle 82 Viertausender der Alpen erklimmen – an einem Stück und in 80 Tagen. «82 Summits» heisst das Projekt, ich als damaliger Praktikant in der zweiten Arbeitswoche solle das Unterfangen journalistisch begleiten, heisst es vom Sportchef.

«Beim Bergsteigen kann man die abnehmende körperliche Fitness lange durch mehr Risiko ausgleichen.»

Ueli Steck im «Tages-Anzeiger»

So kommt es also, dass ich – mit der Bergwelt und ihren Tücken mehr oder minder vertraut – nach einigen Stunden Recherche zum Telefon greife und die Nummer von Ueli Steck wähle. Der gebürtige Emmentaler ist ob der Tatsache, mir nun von seinem Projekt zu erzählen, nicht übermässig begeistert. Das anschliessende Gespräch ist dann aber sehr interessant. Steck, nach einigen Minuten warm gelaufen, gibt plötzlich bereitwillig Auskunft. Dass die das Projekt begleitende Agentur ihn dazu ermuntert hat, kommt mir entgegen.

Bild

Extrembergsteiger Ueli Steck erhielt 2014 den Piolet d'Or – den Oscar des Alpinismus. Bild: NARENDRA SHRESTHA/EPA/KEYSTONE

Wir unterhalten uns über eine alpinistische Idee, die so anders ist als die meisten bisherigen Pläne, die der Extrembergsteiger in seiner langen Karriere bisher ausgeheckt hat. Die regelrecht abweicht von seinem eigentlichen Erfolgsdenken. Ueli Steck war ein Getriebener, einer, der sich keine Pause gönnte, einer, der konsequent nach dem heutigen Motto der olympischen Spiele agierte: Citius, altius, fortius, zu Deutsch: schneller, höher, stärker.

Das Erlebnis stand im Vordergrund

In einem vielbeachteten Interview mit dem Tages-Anzeiger sagte Steck: «Mit meinem Leistungsdenken setze ich mich unter Druck, weil ich immer besser werden will. Entsprechend viel Risiko gehe ich dann ein». Der Schweizer bekräftigt diese Aussage, als er auf sein Alter angesprochen wird: «Beim Bergsteigen kann man die abnehmende körperliche Fitness lange durch mehr Risiko ausgleichen. Also erreichst du weiter Topresultate. Doch die Entwicklung ist dann absehbar: Irgendwann riskierst du so viel, dass es knallt.»

Dieses Risiko war bei «82 Summits» viel weniger im Fokus als beispielsweise bei Stecks Geschwindigkeitsrekord an der Eiger-Nordwand oder bei seiner Solo-Besteigung der Annapurna. 82 viertausend Meter hohe Gipfel zu erklimmen in 80 Tagen, das tönt für den Freizeit-Wanderer, der am Sonntag die Rigi in Angriff nimmt, zwar nach einem Mega-Projekt, nicht aber für Ueli Steck.

«Ich bin persönlich an einem Punkt wo ich sagen muss, immer höher, immer weiter, immer extremer, das ist nicht möglich.»

Ueli Steck zu seinem Projekt «82 Summits»

«Es geht uns nicht um einen Rekord, es geht ums Erlebnis, darum, zweieinhalb Monate unterwegs sein zu können», sagte mir der gelernte Zimmermann am Telefon. Steck hat seinen Plan damals übrigens viel schneller in die Tat umgesetzt als geplant – nach 62 Tagen waren die 82 Viertausender bestiegen.

ZUM TOEDLICHEN UNGLUECK DES SCHWEIZER BERGSTEIGERS UELI STECK AM MOUNT EVEREST STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Swiss mounainteer Ueli Steck photographed at the foot of a climbing wall in Wilderswil, Canton of Berne, Switzerland, on September 11, 2015. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Ueli Steck kommt mit 40 Jahren ums Leben.  Bild: KEYSTONE

«Will zurückbuchstabieren»

Ich schreibe in meinem Artikel damals von Ruhe und Bescheidenheit, die der gelernte Zimmermann auf seinen Expeditionen am Himalaya vermisse, lasse mir von Steck erklären, dass er und sein Alpin-Partner bei diversen Gipfeln bewusst die interessanteren, die technischen Routen wählten und zitiere ihn folgendermassen: «Ich bin persönlich an einem Punkt, wo ich sagen muss, immer höher, immer weiter, immer extremer, das ist nicht möglich. Das ist eine Sackgasse. Mit ‹82 Summits› will ich zurückbuchstabieren.»

«Bin ich auf dem Everest, kann ich jederzeit abbrechen. Das Risiko ist also eher gering. Für mich ist es primär ein physisches Projekt. Entweder komme ich durch – oder habe keine Kraft zur ganzen Überquerung.»

Ueli Steck erläuterte gegenüber dem «Tages-Anzeiger» seine geplante Besteigung

Wieso hat Ueli Steck trotzdem wieder nach vorne buchstabieren müssen? Wieso wollte er eine Dopppelbesteigung des Mount Everest und des Lhotse in Angriff nehmen, die bisher von keinem anderen Bergsteiger weltweit realisiert worden war, geschweige denn in den angestrebten 48 Stunden und ohne Sauerstoff?

Natürlich: Der Emmentaler gehört zu einer globalen Elite von Extrem-Alpinisten die ihresgleichen sucht. Es hätte uns auch nicht erstaunt, wenn Steck den höchsten und den vierthöchsten Gipfel unseres Planeten in der angestrebten Zeit und Route erfolgreich bestiegen hätte, weil wir uns seiner Husarenstreiche und pulverisierter Rekorde in den letzten 20 Jahren bewusst sind. Und trotzdem fragt sich die Bergsteiger-Szene: War es die eine Expedition zu viel?

Dem Tod ins Auge geschaut

Der 40-Jährige war in seiner Karriere schon einige Male mit dem Tod konfrontiert. Etwa im April 2013, als Steck und befreundete Bergsteiger am Mount Everest nach einem Streit von 100 aufgebrachten Sherpas attackiert werden und nur die Hilfe einer amerikanischen Bergsteigerin eine Tragödie verhindern kann.

Oder im Mai 2007, als der Schweizer alleine die Annapurna-Südwand zu besteigen versucht, von einem Stein getroffen wird, bewusstlos in die Tiefe fällt und nur mit viel Glück überlebt.

Ueli Steck – sein Alpinisten-Leben in Bildern

1 / 16
Ueli Steck – sein Alpinisten-Leben in Bildern
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Nun ist Ueli Steck während den Vorbereitungen zur Mount-Everest-Lhotse-Besteigung 1000 Meter in die Tiefe gestürzt und ums Leben gekommen. Im erwähnten Interview mit dem Tages-Anzeiger sagte der Emmentaler punkto Einordnung des Projekts: «Bin ich auf dem Everest, kann ich jederzeit abbrechen. Das Risiko ist also eher gering. Für mich ist es primär ein physisches Projekt. Entweder komme ich durch – oder habe keine Kraft zur ganzen Überquerung.»

Laut eigenen Aussagen war Steck perfekt vorbereitet, er sei beispielsweise in einem Monat 240 Kilometer gerannt, dazu kommen 16'000 Höhenmeter.

Der traurige Fakt ist: Es hat nicht sollen sein – und ich erinnere mich zurück an den Moment, an welchem mir der Extrembergsteiger vor knapp zwei Jahren am Telefon glaubhaft versicherte: «Ich bin persönlich an einem Punkt, wo ich sagen muss, immer höher, immer weiter, immer extremer, das ist nicht möglich. Das ist eine Sackgasse.»

Das könnte dich auch interessieren:

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«The Beast» ist der stärkste Mann der Welt – dabei wäre er letztes Jahr fast gestorben

Der Brite Eddie Hall hat sich am Wochenende beim «2017 World's Strongest Man» in Botswana zum stärksten Mann der Welt gekürt. Seine Leidenschaft hätte er im letzten Juni bei einem Weltrekordversuch beinahe mit dem Leben bezahlt.

Eddie Hall ist der stärkste Mann der Welt. Der 29-jährige Brite hat sich beim «2017 World's Strongest Man» hauchdünn vor dem Isländer Hafthor Julius Björnsson durchgesetzt. Der aus der TV-Serie «Game of Thrones» als «Mountain» bekannte Kraftprotz verpasste den Sieg auch bei seinem siebten Anlauf und fühlte sich danach betrogen.

Nur ein Pünktchen fehlte dem 2,06-Meter-Hünen (205 kg) zum ersten Titel, weil die Jury seine letzte Wiederholung an der Viking Press als irregulär taxierte. Er soll bei …

Artikel lesen
Link zum Artikel