«Komplettester aller Trainer» – Schweizer Fussball-Promis adeln Mauro Lustrinelli
Lange hätte das niemand für möglich gehalten: Der FC Thun wird Schweizer Meister! Als Aufsteiger! So wie den gesamten Klub aus dem Berner Oberland neigt man auch bei seinem Trainer dazu, ihn zu unterschätzen. Oder hätten Sie gewusst, dass Mauro Lustrinelli einst mit der Schweizer Nati an die WM fuhr? Und jetzt ist der 50-jährige Tessiner Urvater der grössten Sensation der Schweizer Fussballgeschichte. Was steckt hinter der Fassade? Prominente Weggefährten über den Mensch Mauro Lustrinelli.
Alex Frei
Mit Lustrinelli von 2005 bis 2006 gemeinsam in der Schweizer Nati
«Uns verbindet in der öffentlichen Wahrnehmung die 117. Minute im WM-Achtelfinal 2006 gegen die Ukraine: Ich wurde kurz vor dem Penaltyschiessen für ihn ausgewechselt, was ich damals nicht wirklich nachvollziehen konnte, da ich eigentlich als einigermassen sicherer Schütze galt. Ich habe mich aber loyal verhalten, wie es sich in einem solchen Moment gehört. Selbstverständlich auch gegenüber Mauro, er konnte ja überhaupt nichts dafür.
Wir waren ein Jahr lang Teamkollegen in der Nationalmannschaft – und Mauro war von Anfang an bestens integriert und jederzeit für einen Spass zu haben. Das war nicht selbstverständlich, denn der Kern der Nati war ein verschworener Haufen und schon lange zusammen. Das spricht für seine Sozialkompetenz und dass er die Rolle annahm, die ihm zugedacht war. Keine Spur von One-Man-Show. Ich habe ihn als Menschen in Erinnerung, der sich für das Leben seiner Mitspieler interessierte. Er hat die Dinge anders gewichtet als die meisten Fussballer.
Weil er kein Lautsprecher ist, mag es sein, dass man dazu neigt, Mauro zu unterschätzen. Das wäre ein Fehler: Für mich ist er eine intelligente Person mit hoher Sozialkompetenz – und mit der nötigen Prise Gelassenheit. Obwohl ich seine Arbeit als Trainer im Detail nicht kenne, behaupte ich: Sein Anteil am bevorstehenden Meistertitel des FC Thun ist riesig. Mit Spielern zu arbeiten, die ins Berner Oberland gewechselt sind, um ihre Karriere neu zu lancieren – dafür braucht es unglaublich viel Feingefühl vom Trainer. Das Resultat ist beeindruckend: Nicht nur in der Tabelle, auch wie Mauro jeden Spieler beim FC Thun besser macht.
So wie ich den FC Thun aus der Distanz wahrnehme, ist es ein Miteinander zwischen Führung und Trainerstab. Als es auch im zweiten Jahr nicht mit dem Aufstieg klappte, hielt der Klub an Mauro fest. Im Gegenzug identifiziert er sich mit der Philosophie, Spieler zu entwickeln und als Kollektiv aufzutreten. Vorbildlich!»
Davide Callà
2003 bis 2004 Teamkollege von Lustrinelli beim FC Wil
«Als ich mit 18 Jahren zum FC Wil kam, war Mauro Stürmer Nummer 1 und ich hatte die Aufgabe, ihn mit guten Flanken zu füttern. Er war fordernd, aber keinesfalls in Form von lautem Geschreie, sondern mit klaren Worten und jederzeit respektvoll. Die Show in der Kabine überliess er anderen, vielmehr konzentrierte er sich auf das, was er selber und wir als Team besser machen können.
In der Winterpause der Saison 2003/04 wechselte er zum damaligen Aufsteiger FC Thun. Auf den ersten Blick war das kein Aufstieg auf der Karriereleiter – wie sich später heraustellte, hat er alles richtig gemacht. Gut, wir gewannen mit Wil ein halbes Jahr später sensationell den Cup, aber stiegen halt auch wieder in die Challenge League ab. Mauro wurde in Thun Vizemeister, qualifizierte sich für die Champions League, reiste mit der Nati an die WM und bekam einen Vertrag beim grossen Sparta Prag. Er hatte schon als Spieler ganz genaue Vorstellungen und setzte diese konsequent um.
Auch als Trainer verfolgt er einen klaren Plan. Obwohl mittlerweile gefühlt die ganze Welt weiss, wie der FC Thun spielt. Aber die Spieler setzen die Vorgaben von Mauro so gut um, dass die anderen Teams in der Super League dem bislang nichts entgegenzusetzen haben. Eine Kunst ist es auch, einen Fussball spielen zu lassen, der zum Klub passt. Thun gilt als unaufgeregter Arbeiterverein – diesen Charakter erkenne ich in ihrer Spielweise sofort wieder.
Anfang März sagte Mauro nach dem 1:2 gegen den FCZ, dass diese Niederlage genau zum richtigen Zeitpunkt komme und die Sinne seiner Spieler wieder schärfe. Diese Worte aus dem Mund eines Trainers direkt nach einem verlorenen Spiel – das ist alles andere als alltäglich, braucht Mut und zeugt vor allem von viel Selbstüberzeugung. Ich fand das sackstark. Und ich bin ehrlich: In der Winterpause hätte ich nicht auf den FC Thun als Schweizer Meister gesetzt – umso grösser meine Bewunderung für die Arbeit im Berner Oberland!»
Hanspeter Latour
2004 Lustrinellis Trainer beim FC Thun
«Als sich während der Saison 2003/04 der Abgang von Milaim Rama anbahnte, machte ich Druck bei unserem Sportchef Werner Gerber: Warum hast du noch keinen neuen Stossstürmer? Er antwortete mir, er hätte einen, der aber kein klassischer Stossstürmer sei: Mauro Lustrinelli vom FC Wil. Ich dachte: Der ist zwar nicht gross, aber er schiesst Tore. Also haben wir ihn verpflichtet.
Mauro hat sich, obwohl er während der Saison in ein funktionierendes Team kam, sofort integriert. Weil er schon damals ein wissensdurstiger und positiv eingestellter Mensch war. Seine mangelnde Körpergrösse hat er mit Schlauheit wettgemacht. Ich erinnere mich an ein Kopfballtor gegen den FC Basel, im Duell mit den Riesen Murat Yakin, Marco Zwyssig und Pascal Zuberbühler.
Er war ein Schlitzohr, aber nur auf dem Platz. Als Spassvogel habe ich ihn nicht in Erinnerung, dafür war ihm der Fussball dann doch zu wichtig. Sein Engagement und seine Arbeitsmoral waren immer vorbildlich, in diesem Punkt sind wir uns ähnlich. Andres Gerber und Nelson Ferreira wurden schnell seine besten Freunde im Team, sie waren unsere Führungsspieler. Es ist kein Zufall, dass die Drei noch heute zusammen arbeiten.
Als Mauro mich vor einem Spiel fragte, ob er wegen einer Familienangelegenheit zwei Tage ins Tessin dürfe, erlaubte ich ihm das selbstverständlich. Und ich garantierte ihm, dass er trotz Trainingsabwesenheit am Sonntag in der Startelf stehen werde. Mauro hat sich dafür im Nachhinein herzlich bei mir bedankt.
Er wohnt mit seiner Familie schon viele Jahre in Steffisburg. Er ist mittlerweile einer von hier. Wir sind über die gemeinsame Zeit beim FC Thun in Kontakt geblieben. Wenn wir uns sehen, herrscht vor allem Freude über das Wiedersehen. Lustig ist: Als ich als Co-Kommentator der Nati-Spiele bei Radio SRF aufhörte, wurde Mauro mein Nachfolger.
Ob er nach dem Meistertitel den FC Thun auf dem Höhepunkt verlassen soll? Ich bin Ehrenmitglied, der Klub liegt mir am Herzen. Darum kann ich das nicht objektiv beurteilen. Aber: Eine Trainer-Karriere dauert in der Regel länger als die eines Spielers. Mauro hat noch viel Zeit vor sich, ihm läuft nichts davon. Er ist ein intelligenter Mensch, hat sogar studiert – und wird wie schon so oft in seinem Leben das Richtige tun.»
Andres Gerber
früher Mitspieler und heute Lustrinellis Präsident in Thun
«Mauro vergleiche ich gerne mit Asterix: Nicht besonders gross, nicht besonders stark – aber schlau, charmant, spitzbübisch und er kann gut reden. Er war der Typ Stürmer, der mit Instinkt und Schlauheit seine körperlichen Nachteile mehr als wettgemacht hat. Einer, der das Gespür für die Situation hatte. Ein Opportunist im positiven Sinn, der auch aus diesem Grund häufiger als andere aus dem Offside zurückgepfiffen wurde.
Wir haben in der Freizeit immer wieder mal etwas gemeinsam unternommen. Ich erinnere mich an eine Wanderung aufs Stockhorn, die wir – Mauro, Nelson Ferreira, Silvan Aegerter und ich – gemeinsam mit unseren Partnerinnen gemacht haben. Als wir ein Schwein auf der Weide sahen, war es Mauro, der zu einem Gruppenfoto mit dem Tier animierte. Das Spitzbübische hat er sich bis heute bewahrt, obwohl er für mich mittlerweile ein Monsieur ist.
2012 kehrte er als Co-Trainer von Bernhard Challandes zum FC Thun zurück. Ich war damals Sportchef. Und vielleicht hat er es mir ein bisschen übel genommen, dass wir ihm 2017 Marc Schneider vorgezogen haben, als es um die Besetzung des Cheftrainer-Postens ging. Aber Mauro hat mir das nie nachgetragen, sich mir gegenüber immer korrekt verhalten. Und erst recht hat er den Kopf deswegen nicht hängen lassen.
2022, unterdessen war ich Präsident, war es dann so weit: Wir verpflichteten Mauro als Cheftrainer. Einerseits, weil er als U21-Trainer einen hervorragenden Job gemacht hat. Andererseits brauchten wir einen Trainer, der nicht nur taktisch auf der Höhe, sondern auch empathisch und kommunikativ top ist. Mauro, da waren Sportchef Dominik Albrecht und ich uns einig, ist die beste Option.
Trotzdem funktionierte es nicht auf Anhieb. Obwohl Mauro längst als Thuner angesehen wurde, stand er in den ersten beiden Saisons immer wieder im Gegenwind. Das ging nicht immer spurlos an ihm vorbei. Denn er hat auch eine sensible Seite. Also kam es während Heimspielen in der Challenge League schon mal vor, dass er mit einer Geste auf die Kritik von den Rängen reagierte. Aber nie in Form eines Mittelfingers.
Dank den Schwierigkeiten in Thun hat er sein Profil noch mehr geschärft. Das macht ihn natürlich zu einem begehrten Mann auf dem Transfermarkt. Aber deswegen habe ich keine schlaflosen Nächte. Wenn er für sich entscheidet, woanders arbeiten zu wollen, dann ist es so. Aber ich habe natürlich nichts dagegen, wenn alles bleibt, wie es ist.
Mauro ist der vielleicht kompletteste Trainer, den ich in über 40 Jahren als Fussballer, Sportchef oder Präsident erlebt habe. Ich vergleiche ihn gerne mit Hanspeter Latour. Auch Latour hat die menschliche Seite stark gewichtet. Auch er war ein Perfektionist, der die Fünf nicht gerne gerade sein liess. Und sowohl Lustrinelli wie auch Latour strahlen diese natürliche Autorität aus. Was zusätzlich für Mauro spricht.: Er kann sich in fünf Sprachen – Deutsch, Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch – verständigen. Kurz: Er ist ein Trainer, der vielleicht erst jetzt, durch den bevorstehenden Meistertitel, die Anerkennung bekommt, die er längst verdient gehabt hätte.» (aargauerzeitung.ch)
