Der FC Thun und das Wunder, das zur Routine wurde
Schon Mitte März nahm «Sporttip» keine Wetten mehr über den Ausgang der Schweizer Fussballmeisterschaft an. Schon da war allen klar: Der FC Thun wird es machen. Darin steckt mehr als nur eine schöne Geschichte.
Nun ist die Sensation Tatsache – auch wenn es den vierten Anlauf dafür brauchte. 128 Jahre nach seiner Gründung wird der Berner Oberländer Fussballklub erstmals Schweizer Meister. Als Aufsteiger!
So spektakulär diese Errungenschaft ist, so unspektakulär war der Verlauf der Meisterschaft. Auch darin liegt seine historische Bedeutung. Denn Thun hat nicht einfach mit viel Glück der Konkurrenz einen Titel stibitzt. Thun ist ihr mit Siebenmeilenstiefeln enteilt und holt den Meisterpokal höchst verdient.
Der FC Thun zeigte eindrücklich, was sich auch in der heutigen Zeit – zum Glück – immer noch erreichen lässt, wenn auf und neben dem Rasen vieles zusammenpasst und ein Fussballklub nicht nur von Tag zu Tag denkt und handelt. Thun hat keine zusammengekaufte Mannschaft junger Talente, die schon bei der Verpflichtung an den nächsten Schritt denken.
Thun hat stattdessen eine eingespielte Mannschaft, die nach dem Aufstieg im vergangenen Sommer nicht gross verändert wurde. Als Königstransfers entpuppten sich Michael Heule (24), der von Stade Lausanne-Ouchy kam und Kastriot Imeri (25), der von den Young Boys ausgeliehen wurde, der entthronten Nummer 1 im Kanton Bern.
Captain Leonardo Bertone (32) überzeugte im Karriereherbst als Leitwolf im Mittelfeld, der so oft traf wie nie in seiner Karriere. Goalie Niklas Steffen (25) erwies sich als starker Rückhalt, Stürmer Elmin Rastoder (24) wurde dank seiner Tore für Thun Nationalspieler von Nordmazedonien. Die Liste von Spielern, die auf sich aufmerksam machten, liesse sich weiterführen. Aus Namenlosen wurden Meisterhelden für die Ewigkeit.
Den womöglich grössten Anteil am Triumph hat der Trainer: Mauro Lustrinelli. Der 50-jährige Tessiner schoss Thun einst als Stürmer in die Champions League, nun bewies er sein Talent an der Seitenlinie. Gemeinsam mit Präsident Andres Gerber, vor zwei Jahrzehnten beim legendären Höhenflug ein Teamkollege, sorgt «Lustrigol» für Stabilität und Kontinuität.
Wenn ein Aufsteiger die Liga derart zerlegt, muss das den Gegnern umso mehr zu denken geben. Es gibt Klubs, die die Wirtschaftlichkeit über den sportlichen Erfolg stellen. Das kann man niemandem vorwerfen, aber das oberste Ziel etwa eines FC Basel sollte doch der Meistertitel sein und nicht, junge Talente aus aller Welt nach einem Jahr mit Gewinn weiterzuverkaufen.
Und so schwingt in diesem Titelgewinn des FC Thun auch Hoffnung mit: dass Super-League-Klubs ihre Position als Durchlauferhitzer hinterfragen, neue Wege suchen und wieder zuallerst versuchen, auf dem Rasen so gut wie möglich zu sein. Das Thuner Märchen ist eine wunderschöne Geschichte – an der die Gegner fleissig mitgeschrieben haben.
