Nach dem Spiel kann Naomi Luyet ihre Freude vor dem TV-Mikrofon nicht verbergen. Soeben hat die Schweiz das grosse Frankreich 2:1 geschlagen, den Siegtreffer erzielte die 18-Jährige mit einem traumhaften Schlenzer. Luyet sagt dazu: «Das ist natürlich sehr speziell, vor allem gegen einen solchen Gegner.»
Und wenn es auch nur ein Freundschaftsspiel war, so ist die Bedeutung für die Nati gross. «Wir haben gezeigt, dass wir auch die grössten Teams schlagen können», so Luyet. Frankreich hat bei den Frauen zwar nicht das gleich hohe Standing wie bei den Männern, gehörte in den letzten Jahren aber immer zu den besten Nationalteams der Welt. An WM und Olympia erreichten die «Bleues» jeweils den Viertelfinal, an der EM vor zwei Jahren standen sie sogar im Halbfinal.
Die nächste Europameisterschaft findet im nächsten Sommer in der Schweiz statt. Ein solches Ergebnis vor über 10'000 Zuschauerinnen und Zuschauern in Genf ist mit Blick auf das Heimturnier natürlich sehr wertvoll. Oder wie Luyet sagt: «Es macht Freude zu sehen, dass wir viel Potenzial und Qualität im Team haben, und dass wir fähig sind, jeden Gegner zu schlagen.»
Die Walliserin ist in der Schweiz so etwas wie die Fussballerin der Stunde. Mit YB steht sie in der Women's Super League an der Spitze, ausserdem führt sie mit acht Toren die Torschützenliste an, dazu kommen vier Assists. Schon in der letzten Saison lieferte Luyet, die im Mai 2022 bereits im Alter von 16 Jahren debütierte, mit 23 Skorerpunkten (18 Tore, 5 Assists) in 22 Spielen starke Leistungen. Diese wurden bei YB mit einem Profivertrag und im Juni dann mit ihrem ersten Nati-Aufgebot sowie gleich dem ersten Einsatz belohnt.
Einen Monat später stand die Flügelspielerin in der Türkei dann erstmals in der Startformation und steuerte beim 2:0-Sieg einen Assist bei. Bei Naomi Luyet geht es derzeit steil nach oben – und natürlich ist da auch ein Wechsel ins Ausland ein Thema. Derzeit überlasse sie die Anfragen anderer Klubs noch ihrem Agenten, damit sie sich voll auf die Saison bei YB fokussieren könne, wie sie gegenüber «Blue Sport» sagt, doch: «Klar ist es ein Ziel von mir, den Sprung ins Ausland zu schaffen.»
Dann dürfte Luyet sich auch voll auf den Sport konzentrieren können. Derzeit arbeitet die 18-Jährige, die im letzten Jahr das Gymnasium mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Recht abgeschlossen hat, noch in einem 25-Prozent-Pensum als Büroangestellte bei ihrem Klub. Über ihren Lohn als Spielerin sagt sie: «YB bezahlt uns die Unterkunft und so reicht es aus, um davon zu leben.» Für den Moment passe es, «aber wenn ich an die Zukunft denke, dann ist es nicht genug».
Deshalb soll es in einem Jahr oder spätestens nach Ablauf des Vertrags im Sommer 2026 mit dem Transfer ins Ausland klappen. Da sind gute Leistungen im Nationalteam, vor allem dann bei der EM im nächsten Jahr, natürlich enorm wichtig. Aktuell scheint Luyet unter Trainerin Pia Sundhage gesetzt – wenn auch auf der für sie ungewohnten Aussenbahn neben der Dreierkette. Bei YB spielt sie jeweils auf dem linken Flügel, in der Nati muss sie sich also auch defensiv stärker einbringen als im Klub.
Von Nati-Trainerin Sundhage gab es schon nach dem 1:1 gegen Australien am letzten Freitag, bei dem Luyet ebenfalls in der Startformation stand, ein Lob. Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. So dürfte die Schwedin auch ein Grund sein, weshalb die junge Spielerin in der Nati so schnell Fuss fassen konnte. «Pia ist eine Person, die es dir sehr einfach macht, dich nicht unter Druck setzt und dir Freiheiten gibt, so zu spielen, wie du es am besten kannst.»
Unter Sundhage läuft es der Nati bisher herausragend. In zehn Spielen gab es sieben Siege und nur zwei Niederlagen. Es ist ein herber Kontrast zu den Leistungen unter Vorgängerin Inka Grings. Und neben den etablierten Stars wie Ramona Bachmann, Lia Wälti oder Ana Maria Crnogorcevic kommen auch Jungstars wie eben Luyet oder die gleichaltrige Iman Beney zum Zug. Die Leistungen in den letzten Spielen gegen Topteams wie Australien und Frankreich machen Hoffnung auf die EM in der Schweiz.
Nach dem Spiel vom letzten Freitag sagte Luyet noch: «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich im Moment eine so grosse Rolle spiele.» Doch sie wolle zeigen, dass sie ihren Platz im Team haben wolle. Mit dem Traumtor gegen Frankreich hat sich ihr Standing sicher nicht verschlechtert.