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Reportage: Marokkaner verabschieden sich mit Tränen und Stolz vom Traum

Marokko Frankreich Casablanca
Farid (Mitte, blaue Jacke) hat sich mit seinem Nachbarn während des Spiels Frankreich-Marokko angefreundet.Bild: watson

Marokkaner verabschieden sich mit Tränen und Stolz vom Traum

Die zahlreichen Gäste des Cafés «Les Champs-Elysées» in Casablanca haben am Mittwoch bei der 0:2-Niederlage gegen Frankreich im WM-Halbfinal alle Emotionen durchlebt. watson war dabei.
15.12.2022, 07:2715.12.2022, 13:10
Yoann Graber, Casablanca
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Farid brach am Ende des Spiels gegen Portugal zusammen, weil er vom Stress übermannt wurde. Diesmal hat er also vorausschauend gehandelt, um das Schlimmste zu verhindern. «Ich habe eine Tablette mitgenommen», gesteht er vor diesem Halbfinal gegen Frankreich.

Glücklicherweise wird er sie an diesem Mittwochabend letztendlich nicht brauchen. Sein Herz hat ihn in Ruhe gelassen, zumindest so weit, dass es ihm nicht so schlecht geht wie beim letzten Mal. Aber die Emotionen sind da, sogar sehr stark. «Ich fühle grossen Stolz auf die marokkanische Mannschaft, was für eine aussergewöhnliche Leistung», klatschte er mit zugeschnürter Kehle und feuchten Augen. Einem jungen Mann, der zwei Tische weiter sass, liefen bereits die Tränen über die Wangen. Doch als er seine Gefühle in Worte fassen will, verwandelt sich auch seine Traurigkeit in Stolz.

Gebet, Zigaretten und Respekt

Zwei Minuten zuvor hatte der Schiedsrichter Cesar Ramos mit dem Abpfiff dieses Halbfinals den Traum und die verrückte WM-Reise der Marokkaner beendet. Frankreich hatte 2:0 gewonnen. Unmittelbar nach diesem fatalen Pfiff applaudierte das gesamte Café «Les Champs-Elysées» seinen besiegten Helden, anstatt sie zu bemitleiden oder gar zu kritisieren. Und dann verliessen drei Viertel der Gäste innert Sekunden das Lokal und lösten sich in der Nacht von Casablanca in Luft auf. Ein Dutzend von ihnen hatte es bereits nach dem zweiten französischen Tor in der 79. Minute verlassen.

Marokko Frankreich Casablanca
Totale Konzentration aufs Spiel.Bild: watson

Aber alle, selbst diese seltenen Deserteure, glaubten lange Zeit an eine Heldentat. Die 100 Gäste, die auf Holzstühlen Platz genommen hatten, die eigens für die Veranstaltung wie im Kino aufgereiht waren, fieberten bei den Chancen ihrer Mitspieler mit. Sie standen auf und schrien bei Jawad El-Yamiqs akrobatischem Fallrückzieher, den Hugo Lloris mit den Fingerspitzen abwehrte, und jedes Mal, wenn der Ball gefährlich nahe an das französische Tor kam.

Ausnahmslos alle, von der ersten Reihe, die mit der Nase am Bildschirm klebte, bis zum hintersten Teil des Saals, liessen den Fernseher nicht aus den Augen. Keiner zückte während des Spiels ein Smartphone, ausser in der Halbzeitpause. Selbst das lange und spektakuläre Gestikulieren eines Aussenseiters im Rahmen der geöffneten Tür störte ihre Konzentration nicht. Ausserdem war die Strasse hinter den Glasscheiben menschenleer. Es ist sicher, dass ganz Marokko seine Aktivitäten für das Spiel der Atlas-Löwen aufgegeben hat.

Es riecht nach Grossvaters Fussball

Einige beteten nervös, wie mein sympathischer Nachbar, mit dem ich mich dabei ertappte, wie ich einen marokkanischen Spieler anpöbelte, der mit seinem Torschuss zu lange zögerte. Andere, vor allem das Dutzend junger Leute in den ersten beiden Reihen – die etwas heisser waren als der Rest des Cafés –, ärgerten sich über Fehlpässe oder verlorene Bälle (sogar ein zweites Mal während der Zeitlupen). Und viele rauchten. Sie kauften ihre Zigaretten einzeln beim Kellner, der die (Kilo-?)Meter in Schlangenlinien durch die Reihen zurücklegte.

In der Tat stank dieses Café genauso sehr nach Zigaretten (ja, in Marokko wird in geschlossenen öffentlichen Räumen nach wie vor geraucht) wie es nach Grossvaters Fussball roch. Der Fussball, zu dem sich Alt und Jung im Restaurant versammeln, um das Spiel zu sehen, wie es ein Grossteil der Casablancaer getan hat. Das, bei dem einem das Herz für die eigene Mannschaft aufgeht, ohne den Gegner zu beleidigen. Den ganzen Abend über gab es absolut keine anti-französischen Gesten oder Worte, selbst wenn die Fans von Les Bleus triumphierend in Grossaufnahme auftauchten. Die Marseillaise wurde vollständig respektiert, es gab keine Worte oder Pfiffe, die sie übertönten.

Stolz auf die Löwen vom Atlas

Dieser Abend hätte den Schweizer «Alles geht zum Teufel»- und «Früher war alles besser»-Liebhabern wahrscheinlich sehr gut gefallen. Vielleicht mit einer Ausnahme, zumindest für einige von ihnen: Statt Pfefferminztee und Kaffee einen Kübel Bier oder ein Glas Rotwein zu trinken. Denn ja, die Gäste der «Champs-Elysées» sind der Beweis dafür, dass man sich auch ohne einen einzigen Tropfen Alkohol für Fussball begeistern kann.

Und was ist mit Frauen? Sie waren nur zu zweit, ganz hinten im Saal. «Ich bin kein grosser Fussballfan, aber ich habe mit der Nationalmannschaft mitgefiebert», sagt Hasnaa, eine elegante Dame. Wie alle Menschen, die sie im «Casa» getroffen hat, ist sie stolz auf die Atlas-Löwen, «auf das, was sie für das Land, die arabisch-islamische Welt und Afrika getan haben». Und die Niederlage gegen Frankreich wird daran absolut nichts ändern.

Marokko Frankreich Casablanca
Wie bei allen Marokkanern überwiegt bei Hasnaa nach der Niederlage gegen Frankreich der Stolz.Bild: watson

Hakimi, Ziyech und ihre Teamkollegen haben also Millionen von Menschen zusammengebracht und zum Träumen gebracht, darunter auch die hundert im «Champs-Elysées» in Casablanca am Mittwochabend. Sie werden dies auch weiterhin tun, und zwar nicht nur aufgrund eines Gefühls der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Sie waren bei weitem nicht die Favoriten, aber sie haben an sie geglaubt. Das war in der Tat das grosse Geheimnis ihres verrückten Epos. Und in dieser Hinsicht werden sie für jeden von uns ein Vorbild bleiben, weit über ein Fussballfeld hinaus.

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