In der Vorrunde der Fussball-Europameisterschaft in Deutschland vermochte weder der WM-Finalist Frankreich noch der ewige Geheimfavorit Belgien zu überzeugen. Blutleer ihre Auftritte, mager die Torausbeute – beide Teams schossen in der Gruppenphase gerade mal zwei Tore. Besonders bitter die französische Bilanz: Das Team hat an diesem Turnier noch kein Tor aus dem Spiel heraus erzielt. Gegen Österreich reichte ein Eigentor Maximilian Wöbers für den Sieg, gegen Polen traf Kylian Mbappé vom Elfmeterpunkt.
Im Spiel der beiden Teams fehlt derzeit das Feuer – umso aufgeheizter ist vor der Achtelfinalpartie dafür die Stimmung in den Medien. Auf der einen Seite das grosse Frankreich, auf der anderen Seite das kleine Belgien, das mit dem Nachbarn nicht nur die Grenze, sondern auch eine Sprache teilt – 40 Prozent der Belgierinnen und Belgier sprechen Französisch. Die belgischen Medien gehen nach der enttäuschenden Vorrunde mit der eigenen Nationalmannschaft hart ins Gericht – kommt die Kritik vom Nachbarn Frankreich, stösst sie aber sauer auf.
Eine Aussage, die in Belgien besonders schlecht ankam, tätigte Eric Blanc im Sport-Talk L'Equipe du Soir. Der ehemalige Rugby-Spieler liess kein gutes Haar an der Mannschaft von Domenico Tedesco: «Belgien ist heute ein Gebrauchtwagen. Und es gibt nur einen Taxifahrer, Kevin de Bruyne. Wenn Frankreich ihn ausschalten kann, bleibt niemand mehr. Es ist eine Tristesse», meinte er und kippte gleich noch mehr Öl ins Feuer: «Auch wenn ich vom Spiel der Franzosen nicht begeistert bin, ist es dennoch ein Unterschied wie Tag und Nacht. Tut mir leid, wir sind besser als diese Jungs. Belgien ist ein grosses Nichts.»
Diese Aussagen, so die belgische Zeitung De Morgen, zeugten von der französischen Fussballarroganz und könnten der belgischen Mannschaft im Duell gegen das Team von Didier Deschamps als zusätzlicher Ansporn dienen. Apropos Deschamps: Auch ein Video des französischen Nationaltrainers, in welchem er vor der belgischen Offensive warnt, sorgt in Belgien derzeit für Spott. Seine Ignoranz, was die Aussprache der Namen betrifft – in Deschamps Mund wird de Bruyne nämlich zu «Debrune» –, sei das Produkt mangelnden Respekts.
Les Français: "On respecte beaucoup les Belges!"
— Pierre Scheurette (@PierreScheu) June 30, 2024
Also les Français: pic.twitter.com/WL9AS0y9Hv
Für beide Nationen steht heute Abend viel auf dem Spiel. Es geht nicht nur um die Qualifikation für den Achtelfinal, sondern auch darum, die schwachen Leistungen aus der Vorrunde vergessen zu machen und Fans und Kritiker milde zu stimmen. «Das Duell zwischen den Cousins ist für Frankreich die beste Möglichkeit, alles wiedergutzumachen und dem Schafott zu entgehen», schreibt Eurosport.
Besonders Belgien dürfte auf Wiedergutmachung aus sein, mussten die Roten Teufel doch im Nations-League-Halbfinal 2021 und – noch schmerzhafter – im Halbfinal der WM 2018 zwei bittere Niederlagen einstecken. Nach der Niederlage an der WM in Russland sorgte unter anderem Eden Hazards Aussage, dass er «eher mit diesem Belgien verlieren als mit diesem Frankreich gewinnen» würde, dafür, dass Belgien beim südlichen Nachbarn als schlechter Verlierer dasteht.
Das von den französischen Medien betriebene «Belgien-Bashing» gehe aber zu weit, so der Tenor in den belgischen Zeitungen. Und tatsächlich ist die Kritik aus dem Süden zuweilen harsch. So sagte Christophe Dugarry, der mit Frankreich Europa- und Weltmeister wurde, gegenüber RMC Sport: «Diese armen Belgier, ihnen zuzuschauen, hat mir wirklich Schmerzen bereitet. Ich denke, sie verfehlen hier völlig das Wesentliche. Könnte mir mal jemand das taktische System von Tedesco erklären? Wenn wir gegen diese Belgier verlieren, haben wir bei dieser Europameisterschaft nichts zu suchen.» Ein Sportjournalist meinte zudem, dass «die Belgier sehr bald wieder zu Hause Pommes essen werden».
Die Rivalität beschränkt sich aber nicht nur auf die Medien. So haben sich zehn belgische Grenzstädte dazu entschieden, Strassen, welche die beiden Länder verbinden, während und nach dem Spiel zu schliessen. «Der Nationalstolz ist in Frankreich noch viel grösser als hier. Wir wissen aus Erfahrung, dass sie nach einem französischen Sieg gerne ‹les petits Belges› provozieren», erklärte der Bürgermeister der Stadt Wervik die Massnahme.
Dass diese Sticheleien seitens der Medien nicht ganz so ernst gemeint sind und in erster Linie dazu dienen, die Stimmung vor dem Achtelfinal anzuheizen, weiss auch «De Morgen» und hält fest, dass die französische Mannschaft «mehr Respekt zeigt», wenn sie über den heutigen Achtelfinalgegner spricht.
Doch nicht nur bei den französischen Medien, sondern auch bei den eigenen Fans hat die belgische Mannschaft einen schweren Stand. So wurde das Team beim enttäuschenden 0:0 gegen die Ukraine von den eigenen Fans ausgepfiffen, worauf der Captain Kevin de Bruyne seine Mitspieler dazu anhielt, nach dem Schlusspfiff nicht zu den Fans zu gehen.
Vor dem Achtelfinal war der 33-Jährige aber auf Versöhnung aus. Er verstehe die Frustration der Fans, hoffe aber im Achtelfinal trotzdem auf ihre Unterstützung: «Wir brauchen diese Fans, wir brauchen sie gegen Frankreich», meinte er.
In Belgien erinnert man seinen Nachbarn derweil gerne an den 28. Juni 2021, «als der vermeintlich unantastbare Weltmeister Frankreich im Achtelfinal überraschend gegen die Schweiz verlor» und rezitiert eine Aussage von José Mourinho, der auch nicht gerade für seine Bescheidenheit bekannt ist: «Frankreich hat die Chance, einen weiteren EM-Titel zu gewinnen, durch seine Arroganz verpasst. Frankreich hatte eine bessere Mannschaft als England und Italien, aber der Fussball hat beschlossen, sie dafür zu bestrafen, wie sie feiern», sagte er nach dem Schweizer Sieg gegen den Weltmeister.