Knapp 50 Kilometer südwestlich vom englischen Festland liegen die Isles of Scilly oder Scilly-Inseln. Trotz der eher geringen Distanz befindet man sich auf der aus fünf Hauptinseln bestehenden Inselgruppe in einer «anderen Welt», wie es auf der Tourismus-Website der Isles of Scilly heisst. Hier sei alles anders – einfacher, freundlicher, unschuldiger. Auch deshalb sind die Inseln ein beliebtes Reiseziel, nicht nur für Vogelliebhaber, welche auf den Scilly-Inseln oftmals seltene Arten bestaunen können.
Doch immer mehr, vor allem Junge, verlassen die Inseln in Richtung des englischen Festlands – mit Auswirkungen auch auf den Fussball: Bis in die 1950er-Jahre gab es auf den Scilly-Inseln noch einen Inter Island Cup, an dem Teams von allen fünf Inseln teilnahmen, wie einer der heutigen Fussballer bei «Copa90» erzählt. Übrig geblieben sind nur die Gunners und die Wanderers. Und auch deren Spieler werden immer älter, Junge kommen kaum nach, da sie nach dem 11. Schuljahr aufs Festland müssen, falls sie studieren oder sonstige weiterführende Ausbildungen absolvieren wollen.
Noch wird auf St. Mary's von Oktober bis im Frühling aber wöchentlich gegeneinander gekickt. Von Fischern über Verkäufer bis zu Polizisten und Feuerwehrleuten sind alle dabei. Da kommt es auch einmal vor, dass ein Spieler während der Partie zum Einsatz gerufen wird und sein Team in Unterzahl weiterspielen muss. Gibbo, einer der Innenverteidiger, stellt sich gar nach seiner Nachtschicht im Supermarkt jeden Sonntag auf den Fussballplatz. «Für Schlafen ist keine Zeit, nur für ein Frühstück und vielleicht ein Bier», berichtet Gibbo.
Bis zu 18 Ligaspiele stehen auf dem Spielplan, die Zuschauerzahlen bewegen sich jeweils im niedrigen zweistelligen Bereich. In der Spielzeit 2022/23 benötigten die Woolpack Wanderers aber nur 14 Runden, um sich die Meisterschaft zu sichern. Zusätzlich bietet sich den Teams in mehreren Cup-Wettbewerben die Chance auf einen Titel. Der League Cup wird gar mit Hin- und Rückspiel ausgetragen, die Auswärtstorregel galt dabei jedoch nie, da beide Klubs ihre Heimspiele auf demselben Feld austragen. Sonntags vor den Spielen müssen jeweils die Linien neu gezogen und einige Löcher im Rasen gestopft werden.
Immer klappt das jedoch nicht. Aufgrund von Wasseransammlungen auf dem Rasen musste das Rückspiel des League Cups in diesem Jahr abgesagt werden, weshalb den in der Liga unterlegenen Garrison Gunners ein 4:2-Sieg zum Erfolg reichte. Neben dem League Cup gibt es auch noch den Scillonian Cup und den Charity Shield. Letzterer ist der Supercup zwischen Meister und League-Cup-Sieger. Gewinnt ein Team beide Titel, spielt es gegen den Zweitplatzierten – das Duell ist also auch hier immer das gleiche.
Langweilig wird es aufgrund der wöchentlichen Spiele gegen denselben Gegner aber nicht. «Wir kennen uns sehr gut, so ist es eine Herausforderung, neue Wege zu finden, um den gleichen Gegner auszutricksen», erzählte einer der Spieler 2008 in einem Filmprojekt von Adidas. Zumal die Teams vor jeder Saison von zwei Captains neu gewählt werden – wie früher auf dem Pausenplatz. Wichtig ist dabei nicht nur die Qualität der Spieler, sondern vor allem auch, dass sie häufig verfügbar sind. Immer ist dies nämlich nicht der Fall. So konnte einer der vermeintlich besten Spieler der Gunners nur zu Beginn der letzten Saison mitspielen, da er im Winter einen Job in den Schweizer Alpen bekam, wie Will Lethbridge der BBC sagte.
Der auf den Isles of Scilly aufgewachsene Lethbridge hat in seinen vielen Jahren als Spieler der kleinsten Liga der Welt einige unterhaltsame Anekdoten erlebt. Beispielsweise wurde einmal ein Bauer während eines Spiels angerufen, da seine Kühe ausgebüxt seien. Zu dem Zeitpunkt lag dessen Team 2:0 in Führung, in Unterzahl verlor es dann aber noch 2:3. «Am Ende stellte sich heraus, dass es nicht einmal seine Kühe waren», ergänzte Anthony Gibbons, ein weiterer erfahrener Hobby-Fussballer.
Gibbons war auch dabei, als die Isles of Scilly einem grösseren Publikum vorgestellt wurden. Im Vorfeld der Europameisterschaft 2008 schickte Adidas eine Filmcrew und Weltstars wie David Beckham, Steven Gerrard oder Michael Ballack auf die Insel, um die Schulkinder zu überraschen und auf ein Spiel gegen das Erwachsenen-Team vorzubereiten.
Seither kamen immer wieder verschiedene Medienvertreter, um die kleinste Liga der Welt zu besuchen. Die Isles of Scilly finden gar im FIFA-Museum in Zürich Erwähnung. Wegen der kleinsten Trophäe der Welt: der Lyonesse Trophy. Diese geht jeweils an den Sieger des Duells der Scilly-Auswahl und des Amateur-Teams Dynamo Choughs aus Penzance, der Stadt in der Grafschaft Cornwall, von welcher die Fähren nach St Mary's losfahren.
Die Trophäe, von der eine Replik in Zürich steht, ist nicht einmal einen Zentimeter gross. Dennoch würden die Sieger jeweils versuchen, diese mit Bier zu füllen, sagt Gibbons und fügt an: «Aber es ist ein kleines Getränk.» Perfekt für die Isles of Scilly.