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Katars Botschafter in der Schweiz wehrt sich gegen Kritik an der WM

Two men exchange Panini collectible stickers for their Qatar 2022 World Cup albums at a square in Buenos Aires, Argentina, Saturday, Sept. 24, 2022. (AP Photo/Natacha Pisarenko)
«Doppelte» werden getauscht: Panini-Bilder auf den Pausenplätzen zeigen an, dass bald eine Fussball-WM stattfindet.Bild: keystone

Mit welchem Vergleich sich Katars Botschafter in der Schweiz gegen Kritik wehrt

Bei einem Empfang in der katarischen Botschaft freuen sich alle auf die umstrittene Fussball-WM. Botschafter Mohammed Al Kuwari verteidigt sein Land, und auch ein SVP-Nationalrat verliert kaum ein kritisches Wort.
29.09.2022, 10:3229.09.2022, 13:30
Dominic Wirth / CH Media

Draussen, in der weiten Welt, ist es gerade garstig für die FIFA und Katar. Etwa zwei Monate noch, dann geht es los mit der Fussball-WM, die so umstritten ist wie keine vor ihr. Es ist schon länger beachtlich, in welchem Takt Kritik und Kontroversen auf den Anlass einprasseln. Jetzt, wo die WM näher rückt, wird er noch höher.

Da waren zuletzt zum Beispiel: Nationalteams, die ankündigen, dass ihre Captains in Katar, wo Homosexualität strafbar ist, per Armbinde für Toleranz werben werden. Da war eine deutsche Talkshow, in der sich Katar-Gegner und Katar-Verteidiger – namentlich Uli Hoeness – medienwirksam fetzten. Da war David Beckham, der sich von Ex-Teamkollege Eric Cantona anhören musste, was für ein Fehler es sei, als Botschafter für diese WM unterwegs zu sein.

Doch an diesem Abend in Bern bleibt das alles vor der Türe - oder genauer: vor den Zeltwänden, die bei der Residenz des katarischen Botschafters aufgebaut sind. Der heisst Mohammed Al Kuwari und hat zu einem Empfang geladen. Der Anlass, natürlich: die WM in Katar.

In diesem Zelt, das sich im Verlauf des Abends in eine Art katarische Kapsel verwandelt, werden Häppchen und Wein gereicht. Darin stehen Modelle aller WM-Stadien hinter Plexiglas und Banner mit ihren Abbildungen. Im Hintergrund funkelt die Skyline der Hauptstadt Doha.

Die FIFA freut's: Katar ist bereit

Alles neu und glänzend und in kühnen Linien und geschwungenen Kurven in den Wüstensand gebaut. Um die WM-Infrastruktur aus dem Boden zu stampfen, die Stadien, die Strassen, die Hotels, den neuen Flughafen, sind Hunderttausende Arbeitsmigranten nach Katar gekommen. Berichte darüber, wie es ihnen dabei ergangen ist, machen seit Jahren Schlagzeilen. An diesem Abend aber wird das Wort Arbeiter kein einziges Mal fallen.

Der offizielle Teil beginnt mit einer Moderatorin, die vom Enthusiasmus berichtet, der vor der WM um die Welt gehe. Es folgen ein paar Sätze aus dem FIFA-PR-Handbuch, etwa: Der Fussball bringe Menschen zusammen.

Botschafter Al Kuwari mit Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura (Mitte).
Botschafter Al Kuwari an der Seite von FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura (Mitte).Bild: PD

Dann spricht Fatma Samoura. Sie ist so etwas wie der Star des Abends. Die FIFA-Generalsekretärin lobt Katar dafür, als erster Ausrichter der Geschichte schon sechs Monate vor der WM bereit zu sein. Und sie betont, was zuvor schon der katarische Botschafter herausgestrichen hat: Dass die WM erstmals in einem arabischen Land stattfindet, es vieles zu entdecken gebe, die Menschen nach Katar kommen sollen.

Die launige Rede des SVP-Nationalrats

Im Publikum stehen Männer in Anzügen und Frauen in schicken Kleidern, es sind Diplomaten darunter, Botschaftspersonal, Leute vom OK in Katar, von der FIFA. Auch Pascal Zuberbühler ist da, der frühere Nationalgoalie, der nun für den Weltfussballverband arbeitet. Eingeladen wäre auch die Schweizer Politik. Doch gekommen ist nur eine Handvoll der 246 National- und Ständerätinnen, vier Vertreter der SVP, darunter Parteipräsident Marco Chiesa – und auch Lars Guggisberg.

SVP-Politiker Guggisberg (mit Shaqiris Nummer 23) gehört dem FC Nationalrat an.

Der Berner Nationalrat hält eine kurze, launige Rede. Er hat den Gedanken mitgebracht, dass Fussball mehr sei als ein Sport, eine Sprache, und dass er Türen öffne für Gespräche, den Austausch unterschiedlicher Meinungen. Konkreter wird es nicht. Kein Wort zu den Arbeitern, keines über Menschenrechte.

Reicht das, wenn man als Parlamentarier an einem solchen Anlass auftritt? Guggisberg antwortet, dass er ja auf die Funktion des Fussballs als Türöffner für Diskussionen hingewiesen habe. Wie es den Arbeitern in Katar ergeht, könne er zu wenig beurteilen. Die Kritikpunkte seien aber bekannt.

Der Gotthard-Vergleich des Botschafters

Als sich der Empfang dem Ende zuneigt, nimmt sich Botschafter Al Kuwari Zeit für ein paar Fragen. Dabei klingt mit, was vorher schon andere katarische Vertreter erwähnten: Dass man findet, die Fortschritte würden zu wenig gewürdigt, gerade im Bereich des Arbeitsrechts.

Tatsächlich ist in Katar einiges passiert. Selbst Gewerkschafter attestieren dem Land, der Vorreiter im arabischen Raum zu sein. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass geregelte Arbeitszeiten und Pausen, Mindestlöhne und die freie Wahl des Arbeitgebers für alle Arbeiter erst nach immensem Druck im katarischen Recht verankert wurden. Bis heute kritisieren NGO zudem, dass es mit der Umsetzung zuweilen hapere.

Und dann ist da die Sache mit den Toten. Dass Hunderte, gar Tausende Arbeiter auf den Baustellen für die WM-Infrastruktur gestorben sein sollen, wie das Medien und NGO berichtet haben, weist Al Kuwari zurück. Er spricht von drei verstorbenen Arbeitern auf Stadionbaustellen und 35 ohne Bezug zur Arbeit. Es ist eine Zahl, die auch FIFA-Präsident Gianni Infantino schon genannt hat und die nur die Arbeiter berücksichtigt, die beim Bau der Stadien involviert waren; nicht aber jene beim Rest der WM-Infrastruktur.

Im Verlauf der Diskussion dreht Al Kuwari den Spiess um. Fragt, warum man sich so auf Katar einschiesse. Sagt, dass Todesfälle bei grossen Bauprojekten vorkämen. Und ob man als Schweizer wisse, wie viele Italiener einst beim Tunnelbau in der Schweiz gestorben sind.

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24 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fruchtzwerg
29.09.2022 12:09registriert Oktober 2017
Ich möchte die toten Arbeiter beim Gotthardtunnelbau nicht leichfertig billigen, aber ich bin ziemlich sicher, dass diese keine Arbeitssklaven waren, denen die Pässe weg genommen wurden. Im Gegenteil, sie streikten ob der miesen Arbeitsbedingungen und viele reisten nach dem Streik 1875 wieder ab.
Aber wenn der Botschafter die Verhältnisse von 1875 mit jenen von heute vergleicht, sagt das ja schon mehr als genug aus…
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vescovo
29.09.2022 11:52registriert Januar 2018
Mit dem Vergleich zum Bau des Gotthardtunnels im 19. Jahrhundert gibt der Botschafter also zu, dass Katar dem Westen in Sachen Arbeitsrecht 150 Jahre hinterherhinkt?
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Tobes
29.09.2022 12:15registriert Oktober 2017
Ja es sind viele gestorben beim Bau des Gotthardtunnels. Ist aber auch über 100Jahre her, da hat sich einiges getan im Bereich der Automation und Gerätschaften die der Sicherheit dienlich sind (siehe Bau Basistunnel). Oder gibt Al Kuwari etwa offen zu, dass Katar der Zeit um mehr als 100Jahre hinterher hinkt?
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