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WM 2022 in Katar: Arbeiter leiden trotz Versprechen der FIFA weiter

Doha looks like one big construction site preparing for the World Cup A city filled with construction sites and workers ahead of the World Cup in Doha, Qatar on April 1, 2022. In Doha, construction is ...
Die Bedingungen der Arbeiter in Katar haben sich trotz neuer Gesetze und Versprechen nicht massgeblich verbessert.Bild: imago

«Wenn wir könnten, würden wir alle gehen» – Arbeiter rund um WM in Katar leiden weiter

Am 20. November findet das Eröffnungsspiel der Fussball-WM zwischen Katar und Ecuador statt – in einem brandneuen Stadion. Dass die Bedingungen rund um die Bauarbeiten schlecht sind, ist bereits länger bekannt. Nun zeigt eine Reportage des «Guardian», dass sich dies trotz Versprechen der FIFA nicht verbessert hat.
21.09.2022, 18:40
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In knapp zwei Monaten beginnt die WM in Katar. Der Austragungsort steht seit der Vergabe im Dezember 2010 unter starker Kritik. Erst recht, als bekannt wurde, dass bereits über 6500 Menschen bei Bauarbeiten zu den Stadien und der weiteren Infrastruktur ums Leben kamen.

Die FIFA sowie das Organisationskomitee der WM versprachen zwar, dass das Turnier die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter verbessern würde. Doch eine Reportage der englischen Zeitung «Guardian» bewies nun das Gegenteil.

Die Bedingungen der Gastarbeiter sind demnach weiterhin sehr schlecht. Sie schlafen zu fünft oder zu sechst in kleinen Hütten auf einer Farm, die rund 40 Minuten vom Arbeitsplatz entfernt liegt. Keine der Hütten hat ein Fenster, alle waren beim Besuch eng und schmutzig. Bei einigen Stockbetten hingen Tücher, um wenigstens etwas Privatsphäre zu haben. Der Reporter schreibt: «Das Lager ist so verwahrlost wie kein anderes, das ich in den neun Jahren meiner Berichterstattung aus Katar gesehen habe.»

«So viel könnte ich auch in Indien verdienen.»
Ein Gastarbeiter in Katar

Auch die «Standards für das Wohlergehen der Arbeiter», welche für Angestellte im Zusammenhang mit der WM gelten sollten, würden nicht wirklich beachtet, wie mehrere Arbeiter berichteten. Vermittler in Bangladesch, Nepal und Indien kassierten illegale Gebühren, damit sie den Arbeitern die Stellen beschaffen. Ein Arbeiter aus Bangladesch sagte, er habe umgerechnet fast 3000 Franken bezahlt. Nur schon, um diese Summe wieder einzufahren, müsse er ein Jahr arbeiten.

Die meisten von der englischen Zeitung interviewten Arbeiter verdienen monatlich knapp 250 Franken. Für Essen und Unterkunft sorgt ihr Arbeitgeber Al Sulaiteen Agricultural & Industrial Complex (SAIC).

Gastarbeiter leben am 7. Mai 2015 in einem Arbeiterlager in der Industrial City in Katar in Umständen, die von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert werden. Im Jahr 2022 wird in dem Emirat di ...
Ein Arbeiterlager im Jahr 2015.Bild: imago

Es ist der gesetzlich festgelegte Mindestlohn in Katar. Doch die Arbeiter haben aufgrund der Einstellungsgebühr und den damit verbundenen Schulden Probleme, ihren Familien Geld zu senden. «Das Gehalt ist sehr tief und das macht es sehr schwierig. So viel könnte ich auch in Indien verdienen», sagt einer der Arbeiter. Das Problem ist nur: Er kann seinen Job nicht wechseln. Obwohl Katar im Jahr 2020 ein neues Gesetz verabschiedete, welches das Kafala-System verbieten sollte.

Doch noch immer sagen die Arbeiter, dass ihr Arbeitgeber sich weigere, sie freizugeben. «Um den Job zu wechseln, müsste man nach Hause gehen, sein Visum aufgeben und ein neues beantragen.» Ein Arbeiter lacht über den Vorschlag: «Wenn wir unsere Stelle wechseln könnten, würden wir alle gehen.» Das Organisationskomitee der WM teilt mit: «Wir wissen, dass die SAIC-Beschäftigten weiterhin mit Herausforderungen seitens ihrer Arbeitgeber konfrontiert sein können.» Die Arbeiter sollen sich bei einer Beschwerde-Hotline melden.

Die leeren Versprechen der FIFA

Fussball gespielt wird im Winter, weil die Thermometer in Katar im Sommer auf bis zu 50 Grad steigen – im Schatten. Geschuftet wird trotzdem, obwohl die Arbeiter sagen, dass die Bedingungen ab sieben Uhr morgens nicht mehr auszuhalten seien. Ein vom «Guardian» befragter Arbeiter wusste nicht, dass er bei einem WM-Stadion arbeiten würde, als er nach Katar kam. Doch es schien ihn auch nicht zu interessieren: «Ich freue mich nicht auf die WM. Ich denke nicht, dass wir überhaupt ins Stadion gehen dürfen.»

«Katar ist ein reiches Land, aber sie bezahlen so wenig für unsere Arbeit.»

Ihn beschäftigt einzig sein Gehalt. Aber dieses reiche kaum aus, um seine Familie zu versorgen. «Katar ist ein reiches Land, aber sie bezahlen so wenig für unsere Arbeit.» Die WM-Verantwortlichen im Land sagen, dass sie ihrer Verpflichtung zu dauerhaften sozialen Veränderungen für die Arbeiter sowie Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen nachkämen. Sie hätten eine Reihe von Massnahmen ergriffen. Wie zum Beispiel die Verbesserung der Unterkünfte, die Arbeiter weniger Hitze auszusetzen oder die Einführung eines Mindestlohns.

220812 -- DOHA, Aug. 12, 2022 -- Photo taken on Aug. 8, 2022 shows the exterior view of Khalifa International Stadium which will host the 2022 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball matches i ...
Das Khalifa International Stadium in Doha.Bild: imago

Ausserdem würden «individuelle Fälle von Fehlverhalten kein vollständiges Bild von den Veränderungen in Katar zeichnen». Die FIFA fügte an, dass sie in Kontakt mit dem Organisationskomitee vor Ort stand und sie auf weitreichende Arbeitsreformen, welche für alle Firmen und Projekte in Katar gelten und alle Arbeiter betreffen sollen, gedrängt hätten. Die Reportage des «Guardian» zeigt nun, dass die Gastarbeiter selbst noch nicht viel davon spüren. (nih)

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Alle Stadien der WM 2022 in Katar
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Alle Stadien der WM 2022 in Katar
Lusail Iconic Stadium in Lusail – Kapazität: 86'250 Zuschauer – 2022 eröffnet.
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Neuer Rekord auf einem Mountainbike – Mann rast mit 273 km/h über Rennstrecke
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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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uicked
21.09.2022 21:55registriert Oktober 2017
Es ist Sklaverei. Eine Schweinerei. Schande für all jene die dieses Turnier unterstützen, schauen oder hingehen. Fans, wie Mannschaften. Man sollte es den Nationen verbieten.
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zaunkönig
21.09.2022 20:05registriert November 2015
Die FIFA ist unter Infantino tatsächlich noch ekliger geworden wie bei Blatter. Die Verlogenheit dieser Institution ist grenzenlos. Die Fussball WM ist für mich seit der WM in Russland komplett uninteressant geworden. Ich werde mir jedenfalls kein Spiel der WM in Katar ansehen. Das nützt den ausgebeuteten Arbeitern zwar keinen Deut... wenn aber keiner mehr hingeht und die Public Viewings leer bleiben... werden sich die Ekelzwerge der FIFA zwar nicht ändern... aber ein erstes Zeichen wäre gesetzt. Es lebe der Amateurfussball!
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Soul Rebel
21.09.2022 20:56registriert Juli 2018
Danke an alle, welche diese WM boykottieren. Ihr macht den Unterschied!
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