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Der ehemalige FIFA-Präsident vor der Bundesanwaltschaft in Zürich, Schweiz, am Montag, 9. August 2021.
Der ehemalige FIFA-Präsident vor der Bundesanwaltschaft in Zürich, Schweiz, am Montag, 9. August 2021.Bild: keystone

Sepp Blatter übt Kritik: «Vielleicht hat Infantino einen Ball an den Kopf bekommen»

Im Interview mit der Sonntagszeitung nimmt der ehemalige Fifa-Präsident Stellung zur dubiosen WM-Vergabe nach Katar und die gegen ihn gerichteten Anklagen.
21.11.2021, 05:3021.11.2021, 12:48

Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter hat einiges durchgemacht. Er überlebte eine Covid-Erkrankung und eine Herzoperation, nach der er fünf Wochen auf der Intensivstation lag. Danach verbrachte der 85-Jährige noch insgesamt drei Monate in Kliniken, bis es ihm besser ging. Kaum war es soweit, wurde er von der Bundesanwaltschaft offiziell angeklagt. Im Interview mit der «Sonntagszeitung» spricht er über die WM in Katar und gegen die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden.

Sepp Blatter über...

... Boykottforderungen der WM in Katar:

«Ein Boykott bringt nichts – das hat schon die Vergangenheit bewiesen. Ich erinnere mich sogar an 1956 zurück, als die Schweiz wegen der Ungarn-Krise nicht an die Olympischen Spiele in Melbourne fuhr. Das hat man damals international kaum zur Kenntnis genommen. Nicht teilnehmen ist nie die Lösung.»

... Spieler, die an der WM gegen die Unterdrückung der Frauen und Homosexuellen protestieren:

«Man sollte Sport und Politik nie vermischen. Das hat auch die WM 2018 gezeigt, als die Geschichte mit dem Doppeladler zu einer grossen Sache aufgebauscht wurde. Unsere Fussballer sollen in Katar das tun, was sie am besten können: Fussball spielen.»

... über die mutmasslich gekaufte WM-Vergabe nach Katar:

«Die WM-Vergabe war nicht gekauft, aber politisch und wirtschaftlich gesteuert. Von den Gesprächen im Élysée-Palast erfuhr ich erst kurz vor der Vergabe.»

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... über den ursprünglichen Plan:

«Unser Plan war, die WM 2018 in Russland und 2022 in den USA abzuhalten, sodass sich die Supermächte näherkommen, was meine Idee gewesen war. Doch dann rief mich Platini eine Woche vor der Wahl an und sagte: Sepp, das geht leider nicht mehr. Sein Staatspräsident habe ihn auf einen Kaffee eingeladen und eine Empfehlung zugunsten von Katar abgegeben.
Damit war unser Vorhaben nicht mehr realisierbar. Ich fragte, warum er sich daran halten müsse. Platini sagte: Was würdest du denn machen, wenn dich der Präsident deines Landes um so etwas bitten würde? Ich antwortete, eine solche Frage stelle sich mir gar nicht, weil wir in der Schweiz keinen Staatspräsidenten hätten.»

... über die Anklage der Bundesanwaltschaft – er soll dem damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini 2 Millionen Franken bezahlt haben, damit dieser nicht gegen ihn als Fifa-Präsident kandidiert:

«Dieser Vorwurf ist haltlos – wird von den Medien aber immer wieder unreflektiert wiedergegeben. Es ist unglaublich, dass man für diesen Fall so viele Jahre brauchte und dann zu einer Anklage kommt, obwohl die Zahlung auf einem Vertrag basiert und von allen Fifa-Gremien abgesegnet wurde. Ich musste diesen Sommer an vier Tagen zur Einvernahme, obwohl ich nicht gut zwäg war.
Es hiess, ich sei ein Betrüger, ein Erpresser, auch der ungetreuen Geschäftsführung wurde ich beschuldigt. Und als man sonst nichts mehr wusste, kam sogar noch Urkundenfälschung hinzu, weil das Schreiben, mit dem Platini seine Lohnforderung geltend gemacht hatte, gefälscht sein soll. Wissen Sie, was das Schlimmste ist? Dass die Fifa Mitanklägerin ist. Ich glaube nicht, dass die Fussballwelt weiss, dass die Fifa ihren ehemaligen Präsidenten verklagt. Das ist respektlos und schmerzt mich ganz persönlich.»
Weist alle Vorwürfe von sich: Sepp Blatter.
Weist alle Vorwürfe von sich: Sepp Blatter.Bild: keystone

... über seine Meinung zu diesen Vorwürfen:

«Wenn ich so ein schlechter Mensch wäre, wie es in der Anklageschrift heisst, würde ich mich schon lange irgendwo verstecken. Es gibt nicht den Hauch eines Beweises für die Unterstellungen, das sagt auch mein Anwalt Lorenz Erni. Der zuständige Staatsanwalt Thomas Hiltbrand ist eine kuriose Person, er kommt wie ich aus Visp, wohnt in Wien und hat schon beim Fall um die Sportvermarktungsfirma ISL erfolglos gegen mich ermittelt. Offenbar ist er auf einer persönlichen Mission.»

... über die Lohneinforderung Platinis – zehn Jahre nach seiner Beratertätigkeit:

«Ich hatte mit ihm von Anfang an einen Handschlag-Vertrag, dafür gibt es Zeugen. Als Platini Ende der Neunziger zu uns kam, kostete er eine Million, doch wir konnten das damals nicht zahlen. Wir wussten also, dass noch etwas offen ist, als er Jahre später viermal 500’000 Franken forderte.»

... über die Arbeit Platinis:

«Er arbeitete unter anderem einen internationalen Kalender aus, der den Spielern und Clubs sechs Wochen Erholung im Jahr garantierte. Er gab Entwicklungskurse. Und er begleitete mich auf meinen Reisen. Wenn Sie jemanden fragen, ob er als ehemaliger Weltfussballer die Million wert ist, würden alle mit Ja antworten. Auch ich sagte ihm, on y va, wir zahlen das. Er kam dann einfach erst mit Verzögerung mit der Lohnforderung.»

... über seinen Antritt zur Uefa-Präsidenten-Wahl 2015:

Das war nicht mein bester Entscheid. Heute weiss ich das. Platini wusste schon damals, dass etwas mit der Wahl nicht stimmte. Er sagte am Vortag des Kongresses meinem Bruder, dass ich die Wahl absagen oder verschieben solle – sonst würde ich von der Polizei abgeführt.
«Ich wurde überall als korrupt dargestellt – so was bringt man nicht mehr weg. Doch die Ermittlungen haben nichts ergeben. Die US-Justiz bezeichnete die Fifa als Mafia und wollte unsere Gelder beschlagnahmen – heute klassifiziert sie uns als Opfer und zahlte die in Amerika konfiszierten Gelder zurück.»

... über Dinge, die er sich vorzuwerfen hat:

«Was das Strafrecht betrifft: nein. In der Primarschule verabreichte ich einem Mitschüler einmal eine Ohrfeige, doch sonst bin ich mit meinem Gewissen im Reinen und habe nie irgendwo Geld angenommen. Nur einmal hat man es versucht.
Als ich noch Generalsekretär war, steckte mir einmal ein Funktionär eines Verbandes aus dem Nahen Osten ein Couvert in den Mantel. Da waren 50’000 Dollar drin, offenbar wollte er Einfluss nehmen auf die Berufung eines Schiedsrichters für ein wichtiges Qualifikationsspiel.»

«Ich gab das Geld unserem Buchhalter und sagte, er solle damit unter dem Namen des Funktionärs bei der Bank ein Konto eröffnen. Und der Mann holte sein Geld wieder ab.»

... über seinen Nachfolger, Infantino, und die Gründe, weshalb dieser alles anders machen möchte:

«Vielleicht hat er einen Ball an den Kopf bekommen. Als er anfing, soll bei der Fifa alles schlecht gewesen sein. Dabei konnte er sich in ein gemachtes Nest setzen. Als ich aufhörte, hatte die Fifa 1,4 Milliarden Franken Reserven, einen Cashflow auch fast in Milliardenhöhe, die Verträge mit den TV-Anstalten und Sponsoren waren langfristig abgeschlossen. Jetzt will er eine WM alle zwei Jahre, eine Club-WM jedes Jahr und den Sitz der Fifa nach Paris verlegen, in ein Haus, das übrigens den Katarern gehört. Er will überall noch mehr Geld rauspressen.»

... über die Kommerzialisierung des Fussballs:

«Natürlich soll der Fussball lukrativ sein, mit meinem Unternehmergeist habe ich das immer gefördert, darauf bin ich auch immer noch stolz. Aber was jetzt passiert mit dem vielen Geld, macht mich traurig und nachdenklich. Als die Fifa wirtschaftlich immer erfolgreicher wurde, sagte mir mein Vorgänger Joao Havelange: Sepp, tu as construit un monster. Da kommst du nicht mehr raus.»

... über die Frage, ob er ein Monster kreiert habe:

«Ja, ein Monster, das fast nicht mehr kontrollierbar ist. Wenn Angebot und Nachfrage alles bestimmen, geht dem Fussball das Wichtigste verloren. (Blatter nimmt die Fifa-Statuten hervor und liest vor:) ‹To improve and promote the game of football.› Es geht beim Fussball in erster Linie um den Sport, das Miteinander, die Kultur, die Menschlichkeit – also den sozialen und gesellschaftlichen Aspekt.»

(saw)

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quelle: keystone / natacha pisarenko
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