Freitagabend in Genf, Anfang November: Der FC Aarau läuft in der zweiten Halbzeit gegen Étoile Carouge einem Rückstand hinterher. Dann schwappen für einen kurzen Moment auf der Aarauer Bank die Emotionen über. Der Grund: Ein Ballkind lässt sich ewig Zeit, um beim Einwurf den Ball an einen Aarauer Spieler auszuhändigen. Kurze Zeit später passiert eine ähnliche Aktion: Ein Balljunge wartet endlos lange, um das runde Leder Nikola Gjorgjev zu übergeben.
Keine Frage: Die Ballkinder in Carouge wussten genau, was zu tun ist, um ihrem Verein mit etwas Spielverzögerung zu helfen. Es ist im Fussball schliesslich keine Seltenheit, dass die Heimteams ihre Helferlein genau instruieren, was in welchem Fall zu tun ist. Wachsame Ballkids können das Spiel beschleunigen, aber auch verlangsamen und somit dem Heimteam einen zusätzlichen Vorteil verschaffen.
Der Vollständigkeit halber soll erwähnt sein, dass es diesbezüglich auch beim FC Aarau schon einen speziellen Vorfall gab. Im Mai 2021 massregelte der damalige Trainer Stephan Keller einen Aarauer Balljungen, weil dieser den Ball einem Gästespieler vor einem Einwurf zu schnell zugeworfen hatte. Die Geschichte sorgte für Schlagzeilen. Der Junge weinte wegen des scharfen Tons, Keller verwies auf vereinsinterne Instruktionen an die sogenannten Ballkids – und entschuldigte sich.
Das Thema mit den Ballkids ist gewiss nicht das grösste Problem in der Fussballwelt. Und doch bahnt sich eine spannende Entwicklung an. Denn seit vergangenem März werden in der englischen Premier League die Bälle nur noch auf Hütchen rund ums Spielfeld platziert. Diese Aufgabe erledigen weiterhin die Ballkinder. Allerdings entsteht dadurch kein direkter Kontakt mehr mit den Spielern, die Profis müssen sich selbst den Ball holen. Dadurch ist der «Heimvorteil Ballkinder» nicht mehr gegeben. Eine Ausnahme gilt nur noch für die Goalies: Sie können weiterhin Bälle von den Ballkindern entgegennehmen.
Martial telling ball boy to slow down 😂🇫🇷
— UtdPlug (@UtdPlug) August 23, 2022
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Ein ähnliches Vorgehen wurde inzwischen für die Serie A beschlossen. Und auch in Deutschland setzen bereits vier Bundesligisten (Bayer Leverkusen, Augsburg, Holstein Kiel und Hoffenheim) auf ein ähnliches Prinzip. Ob es künftig in der ganzen Liga einheitlich wird, ist noch offen. Derzeit beschäftigt sich die «Deutsche Fussball Liga» mit der Thematik.
Und wie sieht es in der Schweiz aus? Auf Anfrage teilt Mediensprecher Philippe Guggisberg mit, dass man sich zurzeit noch nicht mit dem Thema beschäftigt habe. Es sei auch noch kein Wunsch der Klubs geäussert worden. Die Handhabung könnte jedoch künftig auch für die Swiss Football League interessant sein.
Markus Mahler, Präsident des FC Aarau, würde die Hütchen-Regelung begrüssen. Er selbst war in Carouge vor Ort und ärgerte sich über das offensichtliche Zeitspiel, das die Ballkinder betrieben. «Natürlich gibt es solche Auffälligkeiten bei heimischen Ballkindern immer mal wieder, aber so ausgeprägt wie in Carouge habe ich das schon lange nicht mehr gesehen.»
Der Präsident führt aus: «Ich denke, wenn sich das Hütchen-Prinzip auch international etabliert, sollte es auch bei uns zum Thema werden. Ich sehe auch nichts, was dagegensprechen würde. Die Ballkinder können ja weiterhin Teil des Spiels sein und sind den Emotionen der Spieler auch nicht mehr direkt ausgesetzt. Damit wäre doch allen geholfen.»
Gleicher Meinung ist FCA-CEO Sandro Burki. Er war zwar in Carouge nicht dabei, hat aber auch schon absurde Situationen auf den Plätzen erlebt: «Wir hatten mal ein Auswärtsspiel in Chiasso, da lagen wir im Rückstand, und plötzlich verschwanden die Ballkids auf einer Seite. Unsere Spieler mussten dann selbst die Bälle holen.»
Burki fügt an: «Es passiert immer wieder, dass sich Heimteams mit ihren Ballkindern einen Vorteil verschaffen. Auch bei uns ist das schon so geschehen. Aber inzwischen hat sich das geändert. Unsere Ballkinder behandeln alle Spieler gleich. Einen solchen Vorfall wie 2021 wollen wir nicht mehr.»
Burki ist selbst Mitglied des SFL-Komitees und könnte sich vorstellen, den Vorschlag an der nächsten Sitzung auf den Tisch zu bringen: «Für mich klingt das nach einer guten Anpassung, mit der wir uns im Komitee beschäftigen sollten, damit es auf allen Plätzen mit gleicher Fairness zu- und hergeht.» (aargauerzeitung.ch)