Am Sechzehner hält ein Mitglied der Schweizer Delegation einen Ballsack. Das ist das Ziel. Xherdan Shaqiri nimmt kurz Anlauf. Zwei, drei Schritte für ungefähr 30 Meter Distanz. Er schiesst, ein Mix aus Schlenzer und Bogenlampe soll es werden. Und jubelt. «Nochmals», sagt jemand auf der Trainerbank. Shaqiri lächelt, mag aber nicht mehr.
«Nochmals.» Doch Shaqiri hat genug und läuft in Richtung Kabine. «Nochmals, come on.» Hmm. Shaqiri blickt zurück, kehrt zurück. Also gut. Das Leder fliegt 25 Meter weit. Jetzt ist Shaqiri angestachelt, man spürt es. Kurze Konzentration. Schlenzer-Bogenlampe. Er trifft. Und jubelt. Ein kurzer Kommentar. Abgang. Ciao.
Das sind am vergangenen Sonntagmittag im Stadion an der Waldau zwei Minuten von Xherdan Shaqiri. Sie könnten für ein ganzes Leben stehen, die Sequenz sagt so viel aus über diesen Mensch. Über Anstacheln und Neckerein, die im Fussball in derart hohem Masse vorkommen. Über einen 32-jährigen Mann, der mit seinem Spielgerät immer etwas zum Kind wird und sich das bis heute bewahrt. Und sie sagt auch, dass Shaqiri gegen Ungarn beim 3:1 auf dem Rasen keine Rolle bekam. Es trainieren nur jene Schweizer, die nicht in der Startformation standen; Shaqiri kam überhaupt nicht zum Einsatz.
Manchmal möchte man eine Wanze sein im Zimmer von Shaqiri, Mäuschen spielen. Oder schlicht in sein Denkzentrum gelangen. Um zu erfahren, was in solchen Stunden und Tagen tatsächlich in seinem Kopf vorgeht. Natürlich hat er eben erst geredet im Basiscamp, es war eine Shaqiri-Pressekonferenz, wie nur wenige sie im Schweizer Team geben können. Eigentlich nur er. Die Bühne gehörte ihm, es kamen auch Fragen von ausländischen Journalisten. Weil einer wie Shaqiri, der seit 2014 neben Cristiano Ronaldo als einziger europäischer Spieler bei jedem Grossanlass mindestens ein Tor erzielt hat, international eben interessiert.
Es kamen ebenfalls aufschlussreiche Antworten, aber sie waren vor dem ersten EM-Spiel. «Es gibt keine abgesprochene Rolle. Wir schauen von Partie zu Partie. Der Trainer entscheidet, wie er taktisch in ein Spiel hineingehen möchte. Ich als Joker? Wir werden sehen, aber jeder muss seine Rolle akzeptieren.» Man wird sehen. Wie war das mit der Wanze, mit dem Mäuschen spielen?
Tatsache ist, dass es für Shaqiri in Zukunft schwierig bleiben könnte in der Nati. Murat Yakin hält gewiss viel von seinem Kreativspieler. Aber jetzt haben sich die Zeiten geändert, das Schweizer Spiel musste sich verändern. Es ist nochmals schneller geworden, nochmals vertikaler, insbesondere solidarischer, gerade hinsichtlich dem defensiven Verhalten. Verträgt es da auf dem Platz den einzigen Individualisten, den es im Kader gibt?
Es ist nicht das allerbeste zu hören über den körperlichen Zustand, über Werte hinsichtlich Fitness, Kraft und Sauerstoff. Wobei auch nicht das allerbeste zu hören ist über die Liga, in der Shaqiri spielt. Die Major League Soccer machte ihn zwar reicher, aber das sportliche Glück hat er bei Chicago nicht gefunden. Deshalb möchte er den Klub verlassen, auch wegen des Status in der Nati. Es scheint gar möglich, dass dies trotz Vertrag bis Ende 2024 bereits jetzt im Sommer sein könnte; zumal Chicago ohne Shaqiri besser spielt und die vergangenen vier Partien nicht verloren hat. Mit Shaqiri hatte es davor vier Niederlagen in Serie gegeben.
Yakin will keinen Wirbel um seine Nummer 23. Auch beendet er keine Nati-Karrieren. Aber lässt er jene von Shaqiri ausfransen? Ganz Diplomat sagte der Trainer nach dem Auftaktsieg: «Wir bringen die formstarken Spieler. Shaq ist wichtig, man spürt, dass er Verantwortung übernimmt. Er lebt für diese Mannschaft. Ich werde ihn irgendwann brauchen. Wir wissen, wann wir ihn bringen können. Und er trainiert vorbildlich, ist diszipliniert.» Auch das ist in den Stuttgarter Tagen sichtbar: Shaqiri trägt in der Tat viel zur harmonischen Stimmung bei und freute sich extrem über die ersten drei Punkte.
Abschreiben sollte man einen Shaqiri nicht, auch nicht bei seiner siebten Endrundenteilnahme. Er hat die meisten Titel aller Schweizer überhaupt gewonnen – oftmals in einer Nebenrolle – und ist stets wieder zurückgekommen. Sogar als es zwischen ihm und dem damaligen Nationaltrainer Vladimir Petkovic zwischenmenschliche Störungen und eine Funkstille gab.
Damals verpasste der Zauberfuss nach dem Final Four im Sommer 2019 in der Nations League insgesamt 16 Monate mit der Nati und damit die gesamte EM-Qualifikation für die auf 2021 verschobene Endrunde. Wäre das nie passiert, hätte Shaqiri heute mehr als 123 Länderspiele mit 31 Toren und wäre jetzt der Rekordspieler. Und nicht Granit Xhaka mit derzeit 126 Auftritten.
Warum also nicht gegen Schottland, oder Deutschland? Shaqiri selbst sieht sich kaum als Ersatzspieler, als solcher ist seine Ausbeute ja auch Magerkost. Er ist der Akteur mit den genialen Momenten und Einfällen auf dem Platz. Und als die Schweizer im Basiscamp im Hotel ankommen, ist Shaqiri der Akteur, der fast als einziger sich für die Menschen so richtig Zeit nimmt. Autogramme verteilt, Fotos macht. Spass hat, nahbar ist. Die Leute mögen ihn, vor allem die Kinder. Weil ihn das Spitzbübische und der Spieltrieb auf dem Platz weiterhin begleiten. Und sei es nur an einem Sonntagmorgen, in einem kleinen Stadion in Stuttgart.