Sport
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Lukas Goes Nuts

Das Velo, Lukas und endloses Afrika: So radelt er in 100 Tagen in die Schweiz. bild: lukas biry

Interview

Der Abenteurer, der mit einer Nuss in die Schweiz radelt und dabei im Bambus-Knast landet

Lukas hat verrückte Ideen. Erst radelte er 18 Monate mit dem Velo um die Welt. Jetzt bringt er gerade eine Kola-Nuss von Kamerun in die Schweiz – ebenfalls mit dem Drahtesel. Während der letzten drei Monate erlebte er viele spezielle Situationen. Er hat aber auch etwas ganz Wichtiges gelernt.



Lukas Biry ist auf einer Mission: Er will die Kola-Nuss von Kamerun mit dem Velo in die Schweiz bringen. Rund 10'000 Kilometer legt er dabei in 100 Tagen zurück. Am 8. April möchte der 31-Jährige beim Urban Bike Festival in Zürich einrollen. Wir haben ihn kurz vor dem spanischen Party-Mekka Lloret de Mar erreicht.

Lukas' ungefähre Route durch Afrika:

Lukas, wir fangen grad mit dem schlimmsten Erlebnis an: Du wurdest in Guinea-Bissau zwei Tage ins Gefängnis gesteckt. Was geschah?
Lukas Biry:
Ich wollte von Guinea nach Guinea-Bissau. An der zweiten Barriere beim Grenzübergang hatte es dubiose Typen, die wollten mein Gepäck durchsuchen. Sie waren auf Geld aus. Ich wollte kein Schmiergeld bezahlen. Da haben sie mich zu fünft überwältigt und in einen Knast mit Bambusgitter gesteckt. 

«Lukas Goes Nuts»

Die Getränkefirma Vivi Kola suchte jemanden, der die Kola-Nuss von Kamerun in die Schweiz holt. Denn die Legende besagte schon 1938 auf der Etikette, dass die Mineralquelle Eglisau in den 1930er-Jahren Männer nach Kamerun, ins «Land der Kolanüsse» schickten, um die Nuss zu finden.

Die Tour von Lukas von Kamerun in die Schweiz kann unter dem Motto «Lukas Goes Nuts» auf Instagram und Facebook mitverfolgt – oder jetzt kurz vor dem Ende eher – nachgelesen werden. Sein Ziel ist es, am 8. April am Urban Bike Festival in Zürich anzukommen.

Am Sonntag, 9. April sind dann alle eingeladen, um das das letzte Teilstück von Zürich nach Eglisau mitzufahren. Start ist um 13 Uhr an der Geroldstrasse 17 in Zürich.

Wie kamst du aus der Situation raus?
In der zweiten Nacht konnte ich die Wächter überzeugen, dass ich draussen am Feuer schlafen möchte. Im Knast lag überall Abfall herum und es stank schlimm – auch weil meine Vorgänger und ich die Notdurft in einer Ecke verrichten mussten. Ich schlief am Feuer, wachte um 4 Uhr auf und merkte, dass die Wächter auch eingeschlafen waren. Da nutzte ich die Situation und ich rannte durch den Dschungel ins gut sieben Kilometer entfernte Quebo.

Und dann?
Ich suchte meinen Taxifahrer, der bis zur Kontrolle mit mir war und mein Velo aufgeladen hatte. Er hatte alles Gepäck von mir und konnte an der Grenze abhauen. Es war ein «Scheissgefühl», das wünsche ich niemandem. Aber ich habe es überlebt und habe alles noch.

So konnte Lukas aus dem Gefängnis flüchten:

Wolltest du die Reise dann abbrechen?
Nein, das nicht. Aber ich machte mir natürlich schon Gedanken. Mauretanien und die West-Sahara liess ich danach aus. Auch weil die Sicherheit da nicht gewährleistet ist. Ich flog von Senegal nach Marokko. 

Die Sicherheit ist in deinen bereisten Gegenden Afrikas für «Otto Normalbürger» eh nicht gewährleistet.
Ich habe mich über jedes Land auf der Website des EDA informiert und das Ganze mit einem Sicherheitsexperten angeschaut. Zudem habe ich einen viermonatigen Selbstverteidigungs-Kurs besucht, bei welchem ich auch lernte, mich mit einem Holzschlagstock zu verteidigen. Der gilt nicht als Waffe und ich habe ihn immer dabei. Er hilft auch, wenn Hunde mir nachrennen – denn Tollwut wäre das Letzte gewesen, was ich brauchen konnte. Aber ich musste den Stock zum Glück nie einsetzen. Grundsätzlich hilft es am meisten, wenn ich mit den Einheimischen spreche. Wenn es für sie sicher ist, fühle ich mich auch sicher.

Lukas Goes Nuts

Lukas macht Pause, seinen Schlagstock hat er dabei immer griffbereit. bild: lukas biry.

Hattest du nie Angst?
Ich wurde in Kambodscha einst überfallen und landete jetzt in Guinea-Bissau im Knast. Aber Angst habe ich deswegen nicht. Ich habe grundsätzlich kein Misstrauen gegenüber Fremden und versuche immer, das Gute in den Leuten zu sehen. Natürlich gibt es den einen oder anderen «Arsch» auf der Welt, was auch immer sein Motiv ist. Darum fordere ich das Risiko auch nicht heraus.

Was für ein Ort für das Nachtlager!

Wie meinst du das?
Ich vertraue den Menschen zwar grundsätzlich, aber wenn ich hier jeweils im Zelt übernachtete – was ich so alle vier bis fünf Tage machte – dann versuchte ich, das meist versteckt zu tun und ich mache die Leute nicht noch darauf aufmerksam, dass hier ein Europäer mit Velo und technischen Geräten schläft.

Welches war dein speziellstes Erlebnis?
Da gibt es sehr viele. Einmalig war mein Coiffeurbesuch auf der offenen Strasse im Senegal. Der war ca. eine Stunde mit mir beschäftigt, weil er wohl noch nie «europäische Haare» geschnitten hatte. Und dann, als der Muezzin zu singen anfing, kniete er sich wortlos gegen Mekka und betete ca. 15 Minuten lang. Auch die anderen Mitarbeiter und Kunden machten mit. Ich sass einfach auf meinem Stuhl, schloss die Augen und genoss den Moment.

Openair-Coiffeur in Dakar. bild: lukas bisy

Wie bist du eigentlich auf die Idee für die verrückte Velofahrt gekommen?
Eigentlich wollte ich Afrika schon auf meiner ersten langen Velofahrt besuchen, doch dann ergab sich ein Projekt in der Schweiz und ich kehrte zurück. Dann suchte die Getränkefirma «Vivi Kola» jemanden, der die Kola-Nuss, die in Kamerun sehr verbreitet ist, in die Schweiz holt.

Und, hast du die Nuss noch dabei?
Ja. Allerdings ist sie mittlerweile schwarz und klein geschrumpft. Aber ich hab mir im Senegal noch weitere besorgt. Die ist frisch und knackig. Und ich habe auch schon eine Nuss gepflanzt. Bisher gedeiht das Bäumchen.​

Lukas Goes nuts

Kola-Nuss-Nachschub in Senegal besorgt. bild: lukas biry

Du kanntest Afrika vorher nicht. Wie hast du dich vorbereitet?
Neben dem EDA-Check und dem Sicherheitsbeauftragten nicht gross. Ich las auch keine Bücher von Leuten, die schon Ähnliches machten. Das beeinflusst zu sehr und ist dann ein bisschen wie «Lonely-Planet-Reisen». Ich gehe lieber vor Ort und rede mit den Einheimischen, die wissen alles. Zudem ist es schwierig, sich über die besuchten Regionen im Internet zu informieren. Da findest du praktisch nichts. Ich war hier in absoluten Traumlodges, aber im Internet hätte ich die niemals gefunden.

Das hat immer geklappt?
Nun, umdrehen musste ich nie, weil eine Strasse plötzlich aufhörte. Aber geflucht habe ich manchmal natürlich schon.

Lukas Goes Nuts neu

Statt auf der viel befahrenen Nationalstrasse auf einer ruhigeren Schotterpiste unterwegs. Aber nach sechs Stunden Dschungelpiste hat man es dann auch irgendwann gesehen. Bild: lukas biry

Die Strässchen führten also immer irgendwo hin.
Ja, eigentlich schon. Allerdings gab es auch schräge Augenblicke. An der Grenze von der Elfenbeinküste nach Guinea zeigte mein Garmin ein Dorf an. Aber da war alles ausgestorben. Das war im ersten Moment etwas doof, weil ich da auf Verpflegung gehofft hatte. Vielleicht war die Ebola-Epidemie vor ein paar Jahren schuld, ich fand auf jeden Fall nicht heraus, warum niemand mehr da war.

Gab es nie einen Moment, in dem du dich fragtest: Was mache ich hier eigentlich?
Doch, im Flugzeug von Zürich nach Kamerun (lacht). Auf dem Velo hatte ich gar keine Zeit, mir zu viele Gedanken zu machen. Du bist die ganze Zeit mit Staunen und Erleben beschäftigt. Und sowieso: Ich wusste, die Schweiz liegt vor mir, anders als mit weiterfahren würde ich eh nie ankommen. Den «Anschiss» hatte ich nie.

Unterwegs in Marokko. Bild:

Was macht das Velofahren für dich aus?
Du bist mittendrin. Keine Autoscheibe, die dich von der Umwelt trennt. Du hörst die Umgebung, du riechst sie und du erarbeitest dir das Ziel. Das ist ein super Gefühl. Dieses «Ich habe es geschafft», so ein bisschen das Höhlenmensch-Gefühl – das ist unbezahlbar. Ich hatte manchmal Tränen des Glücks in den Augen und konnte nicht aufhören zu smilen.

Und was nimmst du von der Reise für dein Leben mit?
Was mich schon bei der letzten Reise massiv nachhaltig
geprägt hat, ist die Ruhe, die ich in mir drin habe. Wir haben in der Schweiz immer Angst um die Sicherheit. Aber ich weiss, es kommt schon gut.

Lukas Goes Nuts

Während 100 Tagen unterwegs in Afrika: Lukas Biry. bild: lukas biry

Hast du keine Bedenken, dass du zurück in der Schweiz in ein Loch fällst?
Nein. Ich habe eine Arbeit, die mir Spass macht und ich habe mich in den letzten Jahren etwas aus dem Hamsterrad befreit, das sich immer um Geld, Besitztum und Ansehen dreht. Klar habe ich noch immer eine Wohnung und so, aber seit ich reise, mache ich mir nie mehr einen Stress oder Angst. Ich nehme mir Zeit, mein Leben zu organiseren und das zu machen, was ich will.

Würdest du eine solche Reise zur Nachahmung empfehlen?
Vermutlich nicht jedermann. Aber es muss ja nicht gleich so etwas Grosses sein. Eine Velotour für zwei bis drei Wochen kann ich allen ans Herz legen.

Einige Radeln durch Afrika, andere durch die ganze Schweiz – das Best-of der «Tour dur d'Schwiiz»

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • whatthepuck 07.04.2017 12:22
    Highlight Highlight Find ich cool, dass er sich nicht zu schade ist zuzugeben, dass er sich intensiv auf den Trip vorbereitet hat und auch die Sicherheitslage abgecheckt hat, ja sogar einen Selbstverteidigungskurs besucht hat.
    Viele Backpacker werden auf der Suche nach dem Kick und der absoluten Freiheit etwas leichtsinnig und versnobbt; wer sich zu viele Gedanken macht wird schnell mal als Langweiler, der sich noch nicht vom Leben in Europa lösen konnte, belächelt. Dabei ist das einfach nur Vernünftig. Wer auf der Reise auf der Strecke bleibt, hat im Nachhinein ja auch nichts mehr davon.
  • sheshe 07.04.2017 09:28
    Highlight Highlight Find ich ne super Story, und eine interessante Route. Aber wenn man in Afrika unterwegs ist, durchquert gefühlt jeder Zweite den Kontinent mit dem Velo. Ich persönlich trampe lieber oder bin auf dem Pferd unterwegs. Aber jedem das Seine...
  • Snowy 07.04.2017 08:57
    Highlight Highlight Grossartig.
    Habe eine ähnliche Tour (Schweiz, Marokko, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Cote Ivoire, Ghana) mit dem Auto gemacht. Zurück mit dem Flugzeug - Auto in Mali verkauft.
    Mit Sicherheit das grösste Abenteuer meines Lebens bis jetzt.
    P.S.: Auf Mauretanien hättest Du weniger verzichten müssen als auf Mali/Senegal). In Mauretanien hatte ich Begleitschutz (inkl gratis Übernachtung auf Polizeistationen..:) auf allen Überlandfahrten.
  • Einstürzende_Altbauten * 07.04.2017 08:24
    Highlight Highlight Wow, chapeau, was für eine Reise.
    Ich wüsste gerne sein Geheimnis, wie die Sattel- und Lenkertaschen nach so einer Fahrt noch fast wie neu aussehen, gibts da einen Spray?
  • 's all good, man! 06.04.2017 22:51
    Highlight Highlight Geile Siech! Ich liebe solche Geschichten. Merci!
  • Papa Swappa 06.04.2017 22:26
    Highlight Highlight Haare schneiden in Senegal (oder meinem Fall Gambia) kann ein sehr interessantes Erlebniss werden - in meinem Fall auch ein ziemlich schmerzhaftes, wenn die Klinge alt und rostig ist und der Coiffeur noch nie was anderes als krauses Haar geschnitten hat... die unzähligen Kinder um mich herum hatten jedenfalls ihren Spass
    • 's all good, man! 06.04.2017 22:50
      Highlight Highlight Bei mir in Malawi. Der hat so auf die Lehmwand seines »Salons« die Preise für die Haarschnitte gekritzelt. Dann bin ich rein und habe mir den Schädel rasieren lassen. Einmal schaue ich kurz zu Boden und sein Kumpel erzählt irgend eine Story, genau in dem Moment hat ein Dritter einen Zettel über die bisherigen Preise an der Wand geschrieben. Alles wie vorher, nur gab es jetzt eine neue Preiskategorie »Europeans / Americans« - drei Mal so viel. 😂
  • Kstyle 06.04.2017 22:15
    Highlight Highlight Und wieso fährt er taxi?
    • Reto Fehr 07.04.2017 03:19
      Highlight Highlight Die Grenzregion da war sehr schwierig zu passieren mit diversen Flussübergängen,das wäre ganz alleine schwierig geworden. Kein Vergleich zu Grenzen in Europa😀
  • Kstyle 06.04.2017 22:14
    Highlight Highlight Ich frag mich immer wovon solch "verrückte" menschen leben. Sponsoring? Ja das jetzt war vivi kola aber sonst?
    • Jill 07.04.2017 08:01
      Highlight Highlight ist sicher einer dieser "sozialschmarotzer" :P
      ich frag mich immer wieso es eine Rolle spielt, ist doch seine Sache. Wenn man es in der Schweiz schlau macht reicht es wenn man das halbe jahr arbeitet.
    • sheshe 07.04.2017 09:25
      Highlight Highlight Ich war 5 Jahre unterwegs. In der Schweiz 3-5 Monate gearbeitet, 10k auf die Seite gelegt und 6-10 Monate gereist. Hat immer gereicht. Das Leben im Ausland ist viel billiger als hier, und wenn man hier nichts hat, was kostet, kommt man schon gut durch. Hab dafür viel im Zelt geschlafen und als ich zu Hause war im Elternhaus. Wenn man will, gehts immer irgendwie!
    • crik 08.04.2017 11:29
      Highlight Highlight @sheshe: Persönlich entschied ich mich meist für das einfache Hotel, aus dem einfachen Grund, dass dieses Geld fast immer ganz direkt bei einer einheimischen Familie ankam. Irgendwo neben dem Dorf zelten fand ich daher doof. Flug, Ausrüstung usw. belasten zwar das Reisebudget, das Geld bleibt aber in der Schweiz. Vielerorts kriegt man ja schon für weniger als ein Zehnernötli ein Bett, lange muss man dafür in der Schweiz nicht arbeiten (klar, kommt auf's Land an).
  • Commander 06.04.2017 21:46
    Highlight Highlight Toll, dass es solche "Verrückten" (im positiven Sinn) noch gibt! Lese total gerne solche Geschichten. Pass auf dich auf und ziehs durch.
    • Kstyle 06.04.2017 22:17
      Highlight Highlight Mach es doch selbst wenn du es so toll findest.
    • Datsyuk * 08.04.2017 14:13
      Highlight Highlight Kstyle, schreib doch einfach nichts, wenn du etwas nicht so toll findest.
  • JonSerious 06.04.2017 19:57
    Highlight Highlight Hooooly shit.. das esch mol e Story!
    Met dere chaner de kontere wenn weder eine afoht devo verzelle, was för en krasse Siech är ide RS gsii esch..

    - "..ond denn hani voll so gäg de Kadi em Legistötzduell gwonne..."
    - "Jo weisch ond denn beni voll so vode bewaffnete, korrupte fake zöllner abghaue..
    - 😶
    - 😏

    Nächstes Mal bitte nicht in Mundart kommentieren.
    • SilWayne 06.04.2017 21:51
      Highlight Highlight Liebe Kommentarkontrolleure
      In diesem Fall war Mundart ein berechtigtes Stilmittel. Die geschilderte Szene klingt in breitem Lozärner-Dialekt einfach viel plausibler...und LUSTIGER!
    • JonSerious 06.04.2017 21:57
      Highlight Highlight DankeSilWayne!
      ..habe nämlich auf Hochdeutsch begonnen und es dann aber wieder gelöscht - aus den von dir genanmten Gründen. :)
      ..und weil er es im Video selber ja auch auf Schweizerdeutsch geschildert hat.

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