Gratulation. Sie wurden vor wenigen Wochen 30 Jahre alt. Wie haben Sie den Geburtstag gefeiert?
Barthélémy Constantin: Danke. Ich habe im engsten Kreis gefeiert und einen schönen Abend in Verbier verbracht. Ohne die Spieler, nur mit der Familie und Freunden.
In wenigen Tagen können Sie ein weiteres Fest feiern: zehn Jahre Sportdirektor des FC Sion.
Der dienstälteste der Super League. (Lacht.) Verrückt, dass es schon zehn Jahre sind.
Sie begannen als Lehrling, mittlerweile sind Sie etabliert. Wie haben Sie sich verändert?
In jedem Job macht man Erfahrungen. Daran gilt es, zu wachsen, egal ob diese positiv oder negativ sind. Ich war ja schon als Teenager Teambetreuer beim FC Sion, habe mit Agenten, Spielern und Vorgesetzten zu tun gehabt und so das Business kennengelernt. Aber natürlich war ich vor zehn Jahren nicht der Sportdirektor und nicht der Mensch, der ich heute bin.
Was mussten Sie lernen?
Wie man Menschen führt und dass man immer im Interesse des Vereins handeln muss. Mir war schnell klar, dass ein Sportdirektor eine Botschaft vermitteln muss, welche die Spieler und die Mitarbeitenden des Klubs vertrauen.
Erinnern Sie sich noch an die Situation, als Ihr Vater sagte: «Barth, du wirst mein Sportchef?»
Klar. Es war in unserem Hotel La Porte d'Octodure, wo sich die Geschäftsstelle des FC Sion befindet und wo ich auch jetzt sitze. Das war kurz vor Weihnachten. Sion war letzter, Papa hatte den Trainer entlassen und sagte: Jetzt holst du uns einen neuen Trainer und drei neue Spieler. Es ist ein Traum, im Bereich seiner Passion arbeiten zu dürfen. Wer ein solches Angebot nicht annimmt, ist verrückt.
Sie holten Trainer Didier Tholot und die erfahrenen Spieler Reto Ziegler, Veroljub Salatic und Elsad Zverotic. Am Ende hielt Sion die Klasse und gewann den Cup.
Nicht schlecht, oder?
Wie haben Sie als Sportchefnovize die erfahrenen Spieler überzeugt?
Mein Vater hat mich mit seinem Netzwerk unterstützt, aber er hat mich machen lassen. Bei Reto Ziegler war es so, dass er bei Juventus zu dieser Zeit kaum spielte. Also schrieb ich seinem Nati-Kollegen und meinem Bekannten Gelson Fernandes, ob er mir seine Nummer geben könnte, und konnte ihn dann im Gespräch überzeugen. Auch mit Elsad und Vero ist eine Beziehung entstanden, die heute noch gut ist.
Wer ausser Ihrem Vater hat Ihnen sonst noch das Sportchef-Business beigebracht?
Der damalige Spielerberater und heutige FCZ-Sportchef Milos Malenovic hatte immer ein offenes Ohr für mich. Er ist direkt, ehrlich und selbstbewusst. Das sind wichtige Führungsqualitäten. Auch als ich kurzzeitig nicht Teil des FC Sion war, hat er sich jede Woche bei mir erkundigt.
Sie meinen, als Ihr Vater Sie wegen Meinungsverschiedenheiten rund um Spielertrainer Gennaro Gattuso rausschmiss?
So kann man es auch sagen. Ich wollte nicht, dass er Gattuso entlässt. Es krachte und ich musste mit der Konsequenz leben, fürs Erste nicht mehr Teammanager zu sein. Ein Fehler, aus dem ich viel gelernt habe.
Weil Sie im Anschluss einen normalen Job auf der Gemeinde Martigny hatten und für zehn Franken am Tag schufteten.
Strassen räumen, putzen, Lampen montieren ... Diese Erfahrung hat mir geholfen, meinen Weg zu finden.
Der Sie beinahe nach Italien geführt hätte.
Richtig. Ich war in Kontakt mit Novara, das damals in der Serie B spielte. Dort hätte ich innert dreier Jahre Sportchef werden können, ich hätte nur noch unterschreiben müssen. Aber mein Vater meinte, es sei zu kompliziert, ich solle in Sion bleiben und wieder Teammanager sein.
Die Schule haben Sie mit 15 Jahren abgebrochen. Gab es einen Plan B?
Da muss ich etwas ausholen. Die Trennung meiner Eltern hat mir damals stark zugesetzt. Ich war kein schlechter Schüler, aber ich sah während der Pubertät keinen Sinn darin, rumzusitzen und zuzuhören. Denn mir war klar, dass ich eines Tages im Fussball oder im Schauspiel-Business arbeiten will. Deswegen habe ich die Schule abgebrochen und wäre im Anschluss gerne an eine Schauspielschule nach Paris gegangen. Aber ohne Geld und als Minderjähriger war das nicht so einfach. Also jobbte ich bei den Bergbahnen von Verbier.
Sie begannen auch eine Maurer-Lehre, bis ein Arzt Ihnen ein Fake-Attest ausstellte.
(Lacht.) Die Geschichte geht so. Nachdem die Skisaison in Verbier wegen warmen Wetters frühzeitig beendet war, sagte mein Vater, ich solle von März bis Mai bei der Instandsetzung der Wanderwege mithelfen und Geld verdienen, dann Urlaub machen und im August die Lehre fortsetzen. Doch dann wurde Gennaro Gattuso verpflichtet, es gab viel zu tun, und ich half im Klub aus.
Und dann?
Als der Sommer sich dem Ende zuneigte, musste ich eine Lösung finden. Ich hatte Angst, mich mit einem Schlag in die Wand selber zu sehr zu verletzen, also kratzte ich mir nur das Handgelenk auf. Es war leicht rot, und ich behauptete, ich wäre in der Dusche gestürzt. Meine Mutter war noch nie so wütend auf mich, ich hatte ein schlimmes Wochenende. Am Montag riss sie mich dann um 5 Uhr aus dem Bett und schickte mich auf die Baustelle.
Dennoch machten Sie die Lehre nicht lange weiter.
Nein. Ich machte einen Spezialisten ausfindig, der gerne Wein trinkt und kurz vor der Pensionierung stand. Ihm brachte ich sechs Flaschen mit, worauf er mir ohne Untersuchung bestätigte, dass ich mit meinem angeschlagenen Handgelenk nicht als Maurer arbeiten kann.
Wo lernt ein Schulabbrecher Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch?
Ich lerne Sprachen zum Glück schnell. Ich schaue Netflix in Originalsprache und übe in den vielen Gesprächen mit unterschiedlichen Nationalitäten in meinem Job.
Hat Ihr Vater Sie mit dem Job beim FC Sion gerettet?
Jeder Mensch, der einem anderen zu Arbeit verhilft, ist in irgendeiner Form ein Retter. Zu diesem Zeitpunkt tat es mir gut, wenigstens bei der Arbeit nahe bei meinem Vater zu sein. Denn nach der Trennung meiner Eltern lebte ich bei Mama. Heute bin ich aber all meinen Chefs dankbar, dass sie mir eine Chance gegeben haben. Denn all diese Erfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Wie oft kracht es heute noch beruflich zwischen Vater und Sohn?
Wir haben beide unseren Kopf und kommen aus unterschiedlichen Generationen. Da war es vor allem zu Beginn nicht immer einfach, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ich wollte alles auf meine Weise machen, er auf seine.
Hat Ihr Vater immer noch kein Whatsapp?
Doch. Wunder geschehen, aber er hat noch kein Instagram. (Lacht.) Ich muss sagen: Heute arbeiten wir sehr professionell zusammen. Christian ist ein guter Zuhörer, wir kommunizieren viel und finden fast immer einen Konsens. Auch wenn wir den ganzen Tag zusammenarbeiten, rufe ich ihn noch dreimal an.
Beim FC Sion entscheidet die Familie Constantin. Was sind da die Vorteile gegenüber Klubs mit gängigen Gremien wie einem Verwaltungsrat?
Wir können schneller entscheiden, und die Wege von der Chefetage zu den Mitarbeitern und den Spielern sind kürzer.
Dafür sind die Entscheidungen emotionaler?
Ja, wobei auch wir uns jeden Schritt gut überlegen.
Aber am Schluss hat CC das letzte Wort.
Er bezahlt. Darum respektiere ich es auch, dass er das letzte Wort hat.
Wie liefen die Sportdirektor-Vertragsverhandlungen zwischen Vater und Sohn?
Das ging ganz schnell. Und es ist auch nach zehn Jahren immer noch der gleiche Vertrag. Vielleicht sollte ich dort mal nachverhandeln (lacht).
Haben Sie vor, den FC Sion eines Tages zu verlassen und für einen anderen Klub zu arbeiten? Oder übernehmen Sie irgendwann das Präsidentenamt Ihres Vaters?
Ein anderer Klub ist durchaus eine Option. Es gab 2017 auch schon ein Angebot aus der Serie A. Was ich sicherlich nicht kann, ist den Verein so zu führen wie mein Vater. Dazu fehlt mir das Geld. Aber wenn es eine sinnvolle Lösung gibt, in der ich Präsident bin, schliesse ich das nicht aus.
Woher kommt Ihre unbändige Liebe zum FC Sion?
Die existiert einfach. Der FC Sion ist wie die Frau fürs Leben. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Sie wohnen seit elf Jahren alleine in Martigny. Viele Ihrer Kollegen sind unterdessen bereits Eltern. Wollen auch Sie eines Tages eine Familie gründen?
Der FC Sion ist meine Frau. (lacht) Stand heute ist das kein Lebensziel für mich. Der Fussball gibt mir einfach so viele Emotionen. Kein Mensch in meinem Leben kann solche Gefühle auslösen wie der Fussball. Und ich brauche diese Gefühle.
Das klingt stark nach Sucht.
Fussball ist meine Droge. Ich könnte aber nie Spielerberater sein, weil mir dann die Emotionen der Spiele am Wochenende fehlen. Und mein fussballerisches Talent reicht nur für die 4. Liga.
Schämen Sie sich, wenn Sie nach dem Spiel Szenen von sich sehen, wo Sie rumbrüllen und wild mit den Armen gestikulieren?
Nein. Ich schaue immer nur die Taktik-Kamera. Die Momente, in denen die Emotionen übergekocht sind, wie bei Rolf Fringer (Für die Worte: Ich bringe dich um, wurde Constantin 2017 fünf Spiele gesperrt. Anm. d. Red.), habe ich persönlich mit den Betroffenen geklärt. Da ist nichts hängen geblieben.
Haben Sie je versucht, ruhiger zu werden?
Nein. Ich werde immer sagen, was ich denke, und die vielen Emotionen, die ich habe, müssen ab und an raus. Mit allem, was bisher deswegen passiert ist, kann ich leben. Ich bereue nichts.
Nach Niederlagen geht man Ihnen aber am besten aus dem Weg.
Da kapsle ich mich selber ab und schütze meine Umgebung vor meiner Laune. Ich gehe dann nach Hause und nehme ein Bad, um runterzukommen. Dann schaue ich das Spiel nach, um mich nochmals aufzuregen.
Gab es je eine Situation, in der Sie von einem Klub oder einem Spieler wegen des Alters oder Ihrer Emotionen nicht ernst genommen wurden?
Nein.
Sprechen wir über die aktuelle Saison. Sion ist als Aufsteiger Achter. Zufrieden?
Im Grossen und Ganzen schon. Wir sind der Aufsteiger und wir wollen uns stabilisieren und souverän die Klasse halten. Auf der anderen Seite war ich nach einigen Spielen auch frustriert, weil mehr dringelegen wäre.
Wann haben Sie begriffen, dass ein Trainer, der Zeit bekommt, erfolgreicher arbeiten kann? Der vierte Anlauf von Didier Tholot als Sion-Trainer dauert schon anderthalb Jahre.
Didier ist wie ein grosser Bruder für mich. Er hat mich aufwachsen sehen, und wir haben eine sehr starke Bindung. Er hat als Spieler in meinem ersten Spiel im Tourbillon das 1:0 gegen Bulle geschossen, wir haben 2015 zusammen mit Sion in Basel den Cup gewonnen, und wir arbeiten auch jetzt seit anderthalb Jahren wieder sehr gut Seite an Seite.
Am Mittwoch traf Sion im Cup-Achtelfinal wieder auf den FC Basel und schied dramatisch nach Elfmeterschiessen aus. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des aktuellen Leaders?
Die Niederlage, vor allem die Art und Weise, schmerzt. Aber es freut mich, dass Basel wieder oben steht, da ich schon immer Sympathien für den FCB hatte. Als ich als Kind mit dem Fussball sozialisiert wurde, spielten dort die besten Spieler der Schweiz.
Sie sind mit Xherdan Shaqiri eng befreundet, warum spielt er heute nicht für Sion?
Wir haben uns von Beginn an gut verstanden und trinken immer wieder einen Kaffee, wenn wir in der Nähe sind. Es ist gut, dass er wieder für den FCB spielt. Da gehört er hin. Aber das Tor gegen uns hätte er sich aber sparen können.
Sie haben also nicht versucht, ihn nach Sion zu locken?
Nein. Ich habe keinen Versuch gewagt.
Ihren ersten Transfer machten Sie mit 15 Jahren in Marokko.
Ja. Papa schickte mich mit einem Rucksack in den Flieger nach Casablanca, wo ich mit einem Berater und einem Spieler den Vertrag unterschreiben liess. Der Spieler ist zwar nicht lange in Sion geblieben. Aber der Transfer kam zustande.
Welcher Transfer war Ihr bester?
Der von meiner Mutter ins Hotel.
Wie bitte?
Ich wollte sie schon immer an meine Seite holen, und unser Hotel braucht jemanden, der sich darum kümmert. 2022 konnte ich sie überzeugen, mit mir die Leitung zu übernehmen. Das freut mich sehr, weil ich so mit Mama und Papa zusammenarbeite und die Familie trotz der Trennung meiner Eltern näher zusammengerückt ist.
Und den besten Spieler?
Belassen wir es doch bei Mama. Sie wird sich freuen, wenn sie das liest.
Sie denken wie Ihr Vater gerne gross: Wie realistisch ist der Traum von der Champions League im neuen Stadion?
Träumen darf man immer. Das neue Stadion sollte Stand heute 2030 fertig sein. Daran glaube ich. Das mit der Champions League ist ein Traum, der etwas weiter entfernt liegt. Aber mit guter Arbeit ist viel möglich.