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Interview

Mountainbike-Nationalcoach: «Ohne Urteil gilt Flückiger als unschuldig»

Nationaltrainer Bruno Diethelm vom Schweizer Mountainbike Team, aufgenommen am Montag, 3. Mai 2021, in Landquart. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Bruno Diethelm glaubt an die Unschuld von Mathias Flückiger.Bild: keystone
Interview

Mountainbike-Nationalcoach: «Ohne Urteil gilt Flückiger als unschuldig»

Der Dopingfall Mathias Flückiger hallt an der Mountainbike-WM in Les Gets nach. Bruno Diethelm, der Nationaltrainer der Männer, wehrt sich gegen eine Vorverurteilung seines Schützlings.
26.08.2022, 07:59
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Die Mountainbiker kämpfen in diesen Tagen in den Bergen südlich des Genfersees um die WM-Titel. Nino Schurter kann am Sonntag seinen zehnten WM-Titel im olympischen Cross-Country erringen, und auch Filippo Colombo gehört bei den Männern zum Kreis der Medaillenanwärter. Doch das Klima im Schweizer Team ist gestört.

Im Interview spricht Männer-Nationaltrainer Bruno Diethelm über den Dopingfall Mathias Flückiger und den britischen Ausnahmekönner Thomas Pidcock.

Über der WM liegt durch den Dopingfall Flückiger ein Schatten. Welche Position nehmen Sie in der Angelegenheit ein?
Bruno Diethelm: Niemand hat gerne einen Nestbeschmutzer im Team, aber in meinen Augen ist Mathias keiner. Ich mag es nicht, wenn man Leute vorverurteilt. Im Moment steht die Anschuldigung im Raum, dass er etwas Unerlaubtes genommen hat. Ein Dopingfall ist es erst, wenn etwas bewiesen ist. Ich stelle Mathias keinen Persilschein aus, aber so wie ich und viele andere ihn kennen, kann ich mir schlicht nicht vorstellen, dass er vorsätzlich gedopt hat. Solange kein Urteil existiert, gilt Mathias als unschuldig. Diese Herangehensweise nimmt auch etwas Druck von ihm.

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Bei Mathias Flückiger wurde eine positive Dopingprobe nachgewiesen. Bild: www.imago-images.de

Für den betroffenen Athleten ist die Situation schlimm. Flückiger selbst hat sich noch nicht öffentlich geäussert. Wie geht es ihm?
Wer wird schon gerne beschuldigt, wenn er sich keiner Schuld bewusst ist? Mathias leidet. Ich hoffe, er kann das verarbeiten – auch dank der psychologischen Unterstützung, die er erhält. Zu sehen, wie es jemandem die Seele zerreisst vor Schmerz, tut weh. Natürlich stellt sich Mathias im Moment allerhand Fragen, wie es zu dieser positiven Probe kommen konnte. Dass er im Moment aber schweigt, passt zu seinem Wesen. Mathias redet, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen. Egal, was er im Moment sagen würde, es wäre eh nicht richtig. Die jetzige Aufgabe von Mathias und seinem Umfeld ist, sauber zu analysieren, wie es dazu kam.

Die Angelegenheit geht auch an Flückigers Mannschaftskollegen im Nationalteam nicht spurlos vorbei. Wie sollen sie damit umgehen?
Es bleibt ihnen nichts anderes, als das Ganze bestmöglich auszublenden. Natürlich beschäftigt es sie, aber es bringt nichts, das Thema laufend anzusprechen. Sicherlich zeigt ihnen der Fall auf, wie heikel das Umfeld ist, in dem sie sich im Leistungssport mit den Dopingtests bewegen. Die Thematik ist auch mit ein Grund, weshalb wir hier in Les Gets selber kochen und das schon an anderen Orten getan haben. An Grossanlässen haben wir ausserdem jeweils einen eigenen Arzt dabei. So ist die Herkunft der bei Krankheiten und Unfällen eingesetzten Medikamente gesichert.​

In Abwesenheit des letztjährigen Gesamtweltcupsiegers Flückiger kann Nino Schurter in Les Gets seinen zehnten WM-Titel erringen. Der grosse Favorit ist aber der Brite Tom Pidcock.
Die Strecke mit zwei langen Aufstiegen und technisch anspruchsvollen Abfahrten passt zu meinen Fahrern. Hier können wir Pidcock mehr Paroli bieten als auf der vergleichsweise einfachen EM-Strecke in München. Mit seiner hohen Startnummer braucht Pidcock hier wahrscheinlich länger, bis er vorne ist. Durch diesen Druck wird er vielleicht eher zu Fehlern gezwungen – wie letztes Jahr hier im Short Race.

epa10136170 Nino Schurter from Switzerland, 1st, crosses the finish line during the UCI Cross Country Team Relay Mountain Bike World Championship, in Les Gets, France, 24 August 2022. EPA/MAXIME SCHMI ...
Nino Schurter will seinen zehnten WM-Titel in Angriff nehmen.Bild: keystone

Die Devise muss am Sonntag also sein, für Unruhe zu sorgen?
Ja. Wir haben das Glück, dass Pidcock weiter hinten startet und vor ihm viele Schweizer liegen. Die muss er zuerst alle überholen. Es soll ihn natürlich keiner behindern, aber es gibt viele Passagen, in denen du gar nicht vorbeikommst. Unter Stress ist die Gefahr von Defekten und Ausrutschern noch einmal grösser, als sie in Les Gets ohnehin schon ist. Wenn Pidcock einmal vorne weg ist, wird es schwierig. Dann kann er seine Power in den Aufstiegen voll ausspielen und die technischen Passagen sauber bewältigen.​

Was macht den 23-jährigen Engländer so stark?
Was Ausnahmefahrer wie Tom Pidcock und Nino Schurter vor allem auszeichnet, ist die Bereitschaft, das Talent maximal auszuschöpfen. Da steckt reine Knochenarbeit dahinter. Pidcock bringt von der Strasse eine besondere Härte mit. Er ist überdies sehr vielseitig veranlagt. Er ist ein sauberer Techniker und verfügt über eine ausserordentliche Power. Sein Speed und auch seine intelligente Fahrweise helfen ihm auch. (abu/sda)

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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bokl
26.08.2022 08:31registriert Februar 2014
"Ein Dopingfall ist es erst, wenn etwas bewiesen ist."

Eine positive A-Probe ist ein erster Beweis. Darum ja auch die Sperre. Nun kann der Athlet noch versuchen seine Unschuld zu beweisen. Entweder mit einen anderen Resultat der B-Probe (sehr selten) oder einer Erklärung, wie die Substanz in den Körper kam (praktisch unmöglich).
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Jureitis
26.08.2022 08:12registriert Januar 2022
Ein wenig Selbstkritik täte auch ihm gut. Er mag nicht, wenn Leute vorverurteilt werden. Andere mögen es nicht, wenn Sportler die Fans verarschen. Ein positive A-Probe ist kein Kavaliersdelikt!
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firedeep
26.08.2022 08:34registriert März 2014
Bin da nicht einverstandem mit dem Nationaltrainer. Bei positiven Dopingproben gilt eine Beweislastumkehr, daher ist es verständlich, dass man Flückiger als schuldig betrachtet. Er müsste beweisen, dass er unschuldig ist - was wohl schwierig werden dürfte..
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Vieles stimmt positiv – wäre da nicht diese Baustelle und eine gefährliche Abhängigkeit
Auch wenn die Schweiz am Sonntagabend gegen Titelverteidiger Kanada mit 2:3 die erste Niederlage im sechsten Spiel an der laufenden WM in Tschechien hat hinnehmen müssen, stimmt im Hinblick auf den Viertelfinal vom Donnerstag vieles zuversichtlich.

Die siebte Viertelfinal-Qualifikation der Schweizer Hockey-Nationalmannschaft in Serie stand schon nach 14 gewonnenen Punkten in den ersten fünf Partien fest. Das unterstreicht, dass Nationaltrainer Patrick Fischer seit der Amtsübernahme im Dezember 2015 das Team auf ein neues Level gebracht hat. Doch sind dadurch auch die Ambitionen selbstredend gestiegen. Ein Scheitern im Viertelfinal am Donnerstag wäre umso mehr eine Enttäuschung, als die Schweizer auf dem Papier wohl so stark besetzt sind wie noch nie.

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