Sport
Kommentar

Argentinien ist Weltmeister: Hach Fussball, du wunderschönes Spiel!

Argentina's Angel Di Maria celebrates scoring his side's second goal during the World Cup final soccer match between Argentina and France at the Lusail Stadium in Lusail, Qatar, Sunday, Dec. ...
Angel di Maria feiert seinen Treffer zur 2:0-Führung Argentiniens.Bild: keystone
Kommentar

Fussball, gopf, was bist du doch für ein wunderschönes Spiel!

Was ist das für ein WM-Final! Argentinien wird in einer dramatischen Entscheidung zum dritten Mal Fussball-Weltmeister. Es schlägt Frankreich im Penaltyschiessen, nachdem es nach 124 Minuten 3:3 steht.
18.12.2022, 19:5619.12.2022, 10:29
Ralf Meile
Folge mir
Mehr «Sport»

Wird es Lionel Messi vergönnt sein, seine einzigartige Laufbahn mit einem WM-Titel zu krönen? Das ist die ganz grosse Frage vor diesem Final. Lange sieht es danach aus. Argentinien führt mit 2:0, Frankreich bringt kaum ein Bein vors andere und den Ball nie gefährlich aufs gegnerische Tor.

Hätte der Final nicht um 16 Uhr Schweizer Zeit angefangen, sondern um 21 Uhr – vermutlich wäre manch ein Zuschauer nach einer Stunde ins Bett, in der festen Überzeugung, nichts mehr zu verpassen.

Die Ereignisse überschlagen sich

Doch dann drückt irgendwo ein Fussball-Gott auf ein Knöpfchen. «Spannung» steht darauf, vielleicht auch «Mbappé».

Denn plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Nicolas Otamendi hält Randal Kolo Muani zurück: Penalty für die «Équipe Tricolore». Kylian Mbappé, zuvor kaum gesehen, behält die Nerven. Zwar ahnt Goalie Emiliano Martinez die Ecke, aber der Schuss des Franzosen ist zu präzise.

Die Argentinier wissen nicht, wie ihnen geschieht. Derart hatten sie das Spiel im Griff – und nun darf Frankreich noch einmal hoffen? Aber es bleibt gar keine Zeit, um nachzudenken. Denn schon steht es 2:2! Wieder trifft Mbappé, dieses Mal mit mit einer Direktabnahme. Wahnsinn!

Aus dem Marianengraben auf den Gipfel des Mount Everest?

Frankreich ist ein klinisch toter Patient, der auf wundersame Weise auferstanden ist. Dramatischer kann das wichtigste Fussballspiel der Welt nicht mehr werden. Das Momentum gehört den Franzosen. Sollten sie es wirklich schaffen, innert Minuten aus dem Marianengraben den Gipfel des Mount Everest zu stürmen?

Die Argentinier retten sich in die Verlängerung. Immerhin. Durchatmen. Sortieren, was durcheinander geraten ist.

Argentina's head coach Lionel Scaloni motivates his players in extra time of the World Cup final soccer match between Argentina and France at the Lusail Stadium in Lusail, Qatar, Sunday, Dec. 18, ...
Trainer Lionel Scaloni erteilt noch einmal Anweisungen. Bild: keystone

Messi und Mbappé sind nicht zu stoppen

Die erste Halbzeit der Zusatzschicht ist fast vorbei, da rutscht Dayot Upamecano gerade noch rechtzeitig in einen Schuss von Lautaro Martinez. Seitenwechsel. Das Pendel schlägt wieder auf die andere Seite – weil Messi bei einem Abpraller goldrichtig steht und tatsächlich das 3:2 erzielt. 3:2! Der zweite Treffer von Lionel Messi in diesem Final.

Aber Kylian Mbappé kennt wohl den deutschen Komiker Otto Waalkes, der nach einem Witz stets zu sagen pflegte: Einen hab' ich noch. Nach einem Handspiel von Gonzalo Montiel gibt es wieder einen Penalty, Mbappé läuft an, und wieder trifft der Franzose. Sein drittes Tor heute, sein viertes Tor in einem WM-Final – das ist neuer Rekord.

France's Kylian Mbappe celebrates scoring from the penalty spot his side's third goal during the World Cup final soccer match between Argentina and France at the Lusail Stadium in Lusail, Qa ...
Mbappé feiert sein drittes Tor in diesem Spiel.Bild: keystone

Football, bloody hell!

Der Puls schnellt weiter in die Höhe, nicht nur in Paris, Lyon und Marseille, nicht nur in Buenos Aires, Cordoba oder Messis Geburtsstadt Rosario. Sondern rund um den Globus. Dieses Spiel ist fesselnd, mitreissend. «Football, bloody hell!», wie einst Sir Alex Ferguson meinte, der kauzige und kultige Erfolgstrainer von Manchester United.

Denn das ist immer noch nicht die letzte Pointe gewesen in diesem Spiel, das 80 Minuten lang so einseitig ist und mit einem Mal hoch dramatisch wird. Die Verlängerung ist schon fast vorbei, da taucht Kolo Muani noch einmal vor Martinez auf. Ganz alleine ist der 24-Jährige, es kann der grösste Moment seiner Karriere werden.

Aber er wird es nicht. «Die Spinne» nennen sie Argentiniens Stürmer Julian Alvarez, aber in dieser Szene leiht sich der Goalie diesen Spitznamen aus. Emiliano Martinez, den sie alle «Dibu» rufen, fährt blitzschnell sein linkes Bein aus und rettet sein Team in der 123. Minute.

Der eingewechselte Kolo Muani vergibt gegen Martinez den Matchball.Video: streamja

Wenn schon Drama, dann maximal und bis zur letzten Sekunde

Und nicht nur das: Wie einst der FC Watford in einem legendären Playoffspiel stürmt nun noch einmal Argentinien nach vorne und hat mit einem Konter selber die Chance auf die Entscheidung vor der Kurzentscheidung aus elf Metern.

Doch wieder drückt irgendwo einer einen Knopf und lässt Lautaro Martinez verziehen. Wenn schon Drama, dann maximal und bis zur letzten Sekunde.

Es kommt zum Penaltyschiessen und in diesem gehen die beiden grossen Figuren der beiden Mannschaften, die beiden überragenden Spieler dieses WM-Turniers, voran. Mbappé bringt Frankreich in Führung, Messi gleicht aus.

epa10372695 Lionel Messi (L) of Argentina and Kylian Mbappe of France react during the FIFA World Cup 2022 Final between Argentina and France at Lusail stadium, Lusail, Qatar, 18 December 2022. EPA/Ge ...
Man erwartete viel von ihnen und beide drückten dem Final ihren Stempel auf: Lionel Messi und Kylian Mbappé.Bild: keystone

Martinez und Montiel schreiben Geschichte

Und dann schlägt der nächste glorreiche Moment in der Karriere von Torhüter Damian Emiliano Martinez, geboren am 2. September 1992 in Mar del Plata. Er wehrt den Versuch von Kingsley Coman ab. Und weil danach der nächste französische Schütze, Aurélien Tchouaméni, den Ball auf der falschen Seite des Pfostens vorbei setzt, hat wenig später Gonzalo Montiel die Möglichkeit, Argentinien zum dritten WM-Titel zu schiessen.

Montiel ist Verteidiger beim FC Sevilla, in 22 Länderspielen hat er aus dem Spiel noch nie einen Treffer erzielt. Lloris entscheidet sich für die eine Ecke, Montiel für die andere – Argentinien ist Weltmeister.

Gäbe es den Ausdruck «Herzschlag-Final» nicht schon, man müsste ihn für dieses Endspiel im Lusail Iconic Stadium in Katar erfinden. Fussball, gopf, was bist du doch für ein wunderschönes Spiel!

Und Lionel Messi ist es vergönnt, Weltmeister zu werden. Mit 35 Jahren hat er seine Mannschaft zum Titel geführt, er hat in der Gruppenphase getroffen, im Achtelfinal, im Viertelfinal, im Halbfinal und im Final getroffen. Das ist der kitschig-schöne Abschluss einer Fussball-WM, die an einem falschen Ort stattgefunden, aber den richtigen Sieger erhalten hat.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
So jubeln Lionel Messi und Argentinien über den WM-Titel
1 / 27
So jubeln Lionel Messi und Argentinien über den WM-Titel
Argentinien ist Weltmeister 2022!
quelle: imago
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Das ist am Fussball so schei**e!» – watsons Fussball-Laien schauen ikonische WM-Szenen
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
67 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
R10
18.12.2022 20:12registriert Juli 2016
Das beste WM-Spiel aller Zeiten. Messis letzter ganz grosser Auftritt, Mbappés unglaubliche Leistung, Martinez‘ Parade, ein absolut fehlerfreies Schiedsrichter-Team, diese ganze Dramatik, schlicht ein Jahrhundertspiel.
19917
Melden
Zum Kommentar
avatar
Rumpelstilz
18.12.2022 20:09registriert Mai 2014
Bester. WM-Final. Ever. Danke, adieu.
1348
Melden
Zum Kommentar
avatar
Roque SF
18.12.2022 20:15registriert Mai 2020
Katar hin oder her - grandioses Finale. Messi hat seine Kollegen zum Titel geführt. Er war ab dem zweiten Spiel dieser WM genial, ein wahrer Kapitän und sogar mannschaftsdienlich. Seine no-look Pässe sind unerreicht und schlicht traumhaft. Grande Leo!
13014
Melden
Zum Kommentar
67
GC muss nach Last-Minute-Pleite gegen Basel in die Barrage – Lausanne feiert Derbysieg
GC muss seinen Platz in der Super League in der Barrage verteidigen. Nach dem 0:1 gegen den FC Basel kann das Team von Marco Schällibaum nicht mehr vom zweitletzten Platz wegkommen. Gegner in der Barrage ist Thun.

Leise war in den letzten Wochen Hoffnung aufgekeimt in Niederhasli. Denn die Grasshoppers gewannen in den vergangenen drei Spielen sieben Punkte und kamen noch einmal näher and die Konkurrenten ausserhalb der Abstiegszone heran. Mit einem perfekten Finish mit zwei Siegen und gleichzeitiger Schützenhilfe der Konkurrenz, hätte Marco Schällibaums Team tatsächlich das kleine Wunder schaffen können und die Barrage abwenden.

Zur Story