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Magnus Carlsen und Jan Nepomnjaschtschi hochkonzentriert während der fünften WM-Partie.
Magnus Carlsen und Jan Nepomnjaschtschi hochkonzentriert während der fünften WM-Partie. Bild: keystone
Kommentar

Meine Freude auf die Schach-WM war gross – doch es folgte die bittere Enttäuschung

Die Netflix-Serie «Das Damengambit» hatte im letzten Jahr meine Faszination für Schach wieder entfacht. Klar, dass ich auch bei der aktuell laufenden Schach-WM zwischen Magnus Carlsen und Jan Nepomnjaschtschi reinzappte – schnell machte sich allerdings Ernüchterung breit.
02.12.2021, 15:0003.12.2021, 15:30

Spätestens seit der Netflix-Serie «Das Damengambit» ist Schach wieder in aller Munde. Die Geschichte rund um das fiktive Schachgenie Beth Harmon (gespielt von Anya Taylor-Joy) wurde weltweit zum Erfolg und lockte bereits im ersten Monat ihrer Ausstrahlung 62 Millionen Abonnenten vor den Bildschirm. Hölzerne Schachbretter waren im letzten Winter kaum mehr zu bekommen und die Google-Anfrage «How to play chess» erreichte einen neuen Höchststand.

Auch ich verfiel der Serie, denn Schach fasziniert mich schon lange. Als Kind habe ich die Regeln von meinem Vater gelernt. Keine Taktiken, nur wie man die Figuren bewegt. Für Partien gegen ihn und meine Brüder hat das damals aber gereicht. In der Kantonsschule lasen wir dann die Schachnovelle von Stefan Zweig, was bei uns in der Klasse einen kleinen Schachboom auslöste. Leider verlor ich während unseres Sprachaufenthalts in England gegen meinen Kollegen fast ständig.

Als Spieler bin ich leider eher unterdurchschnittlich. Ich kenne das Narrenmatt und ein paar ähnliche Varianten, womit man den Gegner in nur wenigen Zügen mattsetzen kann. Das war's dann aber auch schon mit meinen strategischen Fähigkeiten. Meist verliere ich zu schnell die Geduld und die Konzentration, spiele viel zu offensiv und werde dann eiskalt ausgekontert.

Anders als für Magnus Carlssen ist für mich Angriff im Schach die beste Verteidigung – meist hat das fatale Folgen.
Anders als für Magnus Carlssen ist für mich Angriff im Schach die beste Verteidigung – meist hat das fatale Folgen.Bild: keystone

Dennoch fasziniert mich der Klassiker unter den Denksportarten nach wie vor, weshalb ich auch bei den ersten Partien der Schach-WM zwischen dem norwegischen Weltmeister Magnus Carlsen und seinem russischen Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi immer wieder reingeschaut habe. Auf dem Youtube-Kanal von «Chess24» verfolgte ich jeweils die Schlussphasen der Partien live und war danach ziemlich konsterniert. Denn das TV-Erlebnis war für mich als Laien aus folgenden Gründen ziemlich enttäuschend.

Ja keinen Fehler machen

Nach fünf von insgesamt 14 Partien steht es zwischen Carlsen und Nepomnjaschtschi 2½:2½. Das heisst, dass bislang jedes Duell Remis endete. Packend wurde es auf dem Brett bislang nicht, denn die beiden kennen sich bereits seit Kindertagen und gehen auch deshalb kaum ein Risiko ein. Carlsen und Nepomnjaschtschi halten sich strikt an die von ihren Teams mithilfe von Supercomputern ausgearbeiteten Strategien und rühren defensiven Schach-Beton an.

Ein oft gesehenes Bild in den letzten Tagen: Nur einer der beiden WM-Anwärter sitzt am Tisch, der andere begibt sich hinter der Bühne in einen Ruheraum.
Ein oft gesehenes Bild in den letzten Tagen: Nur einer der beiden WM-Anwärter sitzt am Tisch, der andere begibt sich hinter der Bühne in einen Ruheraum.Bild: keystone

Sie neutralisieren sich und versuchen nicht zu gewinnen, sondern möglichst nicht zu verlieren. Ad absurdum führte das gestern Carlsen mit den schwarzen Figuren. Nach dem fünften Remis nach je 43 Zügen erklärte er, dass er in der ganzen Partie keinen einzigen «aktiven Zug» gemacht habe. «Das ist nicht ideal, aber das Resultat ist gut», so Carlsen.

Kein Wunder, denkt der 31-jährige Norweger so. Ein kleiner Fehler – und die WM könnte bereits futsch sein. Die Devise lautet deshalb: Lieber abwarten, als ein unnötiges Risiko eingehen.

Das Format wirkt überholt

Wenn bei 14 ausgetragenen Runden 14 Remis erwartet werden können, warum wird dann überhaupt gespielt? Schon bei der letzten WM im Jahr 2018 endeten ja alle zwölf regulären Partien unentschieden. Wenn es im Fussball lauter 0:0 gäbe, würde man schnell etwas ändern. Eventuell gar die Tore grösser machen oder das Abseits abschaffen. Vielleicht tue ich dem Spitzen-Schachsport ja unrecht und Experten lieben diese ständigen Remis mit ihrer Komplexität und den langen Bedenkzeiten.

Ich würde mir allerdings ein moderneres Format wünschen. Was macht die Darts-WM zum perfekten TV-Sport? Jeder hat's schon einmal gespielt, die Regeln sind einfach, der Ausgang ist meist offen und die einzelnen Legs oder Sets sind nach wenigen Minuten zu Ende. Die ersten beiden Punkte erfüllt auch der Schachsport, doch dann wird's schwierig. Träge wird die Schach-WM vor allem durch die lange Bedenkzeit. Minutenlang muss man vor dem Bildschirm auf den nächsten Zug warten. Das wird sogar für mich langweilig und ich gehöre bei weitem nicht zur Generation TikTok.

2018 setzte sich Carlsen gegen Fabiano Caruana nach 12 Remis erst per Schnellschach durch.Video: YouTube/GM CHESS LESSONS

Für einen Laien wie mich besonders attraktiv wären da Schnellschach-, Blitzschach- oder Armageddon-Partien. Bei der dritten Variante muss es beispielsweise zwingend einen Sieger geben. Im Falle eines Remis gewinnt Schwarz, dafür hat Weiss wie immer das Anzugsrecht und mehr Bedenkzeit zur Verfügung.

Experten erklären für Experten

Bei Chess24 werden die Partien zwischen Carlsen und Nepomnjaschtschi von den beiden Grossmeistern Anish Giri und Jan-Krzysztof Duda begleitet. Sie erklären anschaulich nach jedem Zug, wie es weitergehen könnte und welche Züge für den jeweiligen Spieler infrage kommen.

Doch die Einstiegshürde ist für Laien viel zu gross. Katalanische Eröffnung, russische Verteidigung – das kommt mir alles spanisch vor. Die zu erwartenden Züge werden von den Youtube-Experten viel zu schnell vorgetragen. Keine Chance, dass ich da gedanklich mitkomme. Dabei wäre beim aktuellen Modus mit der vielen Bedenkzeit ja gerade genügend Zeit vorhanden, um die Beweggründe für die einzelnen Züge oder Strategien verständlicher auszuführen.

Das fünfte Spiel zwischen Carlsen und Nepomnjaschtschi im Relive bei Chess24. Video: YouTube/chess24

Erst nach den jeweiligen Partien tauchen auf Youtube-Analysen auf, die auch für Laien wie mich nachvollziehbar sind. Das müsste doch auch schon während den Partien möglich sein, denke ich mir. Und sofort kommt mir Beni Thurnheer in den Sinn, der während Olympischen Winterspielen über Jahre zusammen mit Expertin Luzia Ebnöther die Curling-Wettbewerbe kommentierte und die Sportart so auch Laien zugänglich machte. So oder so ähnlich würde ich mir das auch für den Schachsport wünschen.

Mehr zur Schach-WM:

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