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FCZ-Ultras machen sich nach dem Derby auf in Richtung GC-Kurve.
FCZ-Ultras machen sich nach dem Derby auf in Richtung GC-Kurve.Bild: IMAGO / Geisser
Kommentar

Das Problem, für das es keine Lösung zu geben scheint

Der Schweizer Fussball hat mal wieder ein Problem mit der Fan-Gewalt. Ein paar wenige Chaoten bringen die ganze Szene in Verruf. Klubs und Liga sind gefordert. Denn was bis jetzt alles beschlossen wurde, führte nicht zur Lösung.
29.10.2021, 10:1529.10.2021, 15:19

Eine «Diskussion über die Schliessung der Gastsektoren» setzt die Swiss Football League laut einer Mitteilung vom Donnerstagnachmittag in Gang. Sie reagiert damit auf einen Vorfall am Samstag in Zürich, als FCZ-Ultras brennende Fackeln in einen Block mit GC-Anhängern warfen.

Die erste Reaktion vieler Unbeteiligter wird lauten: gut so! Jetzt machen sie endlich einmal etwas im Fussball.

Aber es wird vor allem angekündigt, man gedenke, vielleicht etwas zu machen. Damit beruhigt die Liga fürs erste all jene Politiker und Steuerzahler, die laut Sanktionen fordern. Aber an der Situation wird sich mit der blossen Ankündigung, sich Gedanken über eine Schliessung von Gästesektoren machen, noch nichts ändern.

So sollte es sein: lautstarke Unterstützung für den FC Zürich, der über eine der stimmungsvollsten Fankurven im Land verfügt.
So sollte es sein: lautstarke Unterstützung für den FC Zürich, der über eine der stimmungsvollsten Fankurven im Land verfügt.Bild: IMAGO / Geisser

Insgeheim hoffen die Verantwortlichen vermutlich, dass sich das Problem von selber löst. «Die SFL und die Klubs erwarten ein deutliches Signal aus den Fankurven, dass solche Aktionen nicht unterstützt werden», betont Liga-CEO Claudius Schäfer. Heisst übersetzt: Man hofft darauf, dass die Fankurven die Übeltäter selber zur Räson bringen können.

Dass auf die Selbstregulierung der Kurve gehofft wird, kann es aber eigentlich nicht sein. Als friedlicher Fan überlegst du keine zwei Mal, was dir lieber ist: einem Gewalttäter sagen, dass das nicht okay war und so Schläge riskieren? Dann lieber die Faust im Sack machen und zähneknirschend akzeptieren, dass wieder die ganze Fankurve unter der Aktion weniger leidet.

Die zweite Hoffnung der Verantwortlichen könnte sein, dass das Thema versandet, wenn sich die erste Aufregung gelegt hat. So wie es das regelmässig tut, denn die Problematik von Fan-Gewalt und Ausschreitungen ist weiss Gott nicht neu im Schweizer Fussball. Schon in den 1970er-Jahren gab es Randale gegen andere Anhänger und die Schiedsrichter. Wenn nun also angekündigt wird, dass man sich Gedanken mache, dann ist das keine Ankündigung, die es so noch nie gab.

Die grosse Frage lautet: Wenn Worte nicht ausreichen, welche Taten sind nötig? Eine Patentlösung gibt es nicht. Jeder ist überfragt, sonst wäre das Problem schon lange gelöst.

Basler Anhänger suchen in Sion die Konfrontation mit Sicherheitskräften.
Basler Anhänger suchen in Sion die Konfrontation mit Sicherheitskräften.Bild: KEYSTONE/Kantonspolizei Wallis

Eingeführt wurde schon vieles. Sektorentrennung? Siehe Samstag: Man rennt aus dem Stadion und durch einen anderen Eingang wieder hinein. Einlasskontrollen? Siehe Samstag, siehe jeden Spieltag, siehe jedes Stadion: Pyros werden nach wie vor hinein geschafft. Ab und zu wird ein Fan bei diesem Katz-und-Maus-Spiel erwischt und bestraft, aber das bringt den Fussball keinen Deut näher an eine Lösung.

Zumal Pyros an sich ohnehin nicht das Problem sind, an jedem 1. August gibt es wahrscheinlich mehr Unfälle mit Feuerwerk als während einer ganzen Saison. Ein Problem wird brennende Pyro erst dann, wenn sie nicht im eigenen Fanblock gezündet wird, sondern als Waffe eingesetzt und auf andere Menschen geworfen wird. Das ist scharf zu verurteilen und zu ahnden, genauso wie sinnlose Sachbeschädigungen in- und ausserhalb des Stadions und Angriffe auf Unbeteiligte, wie sie ab und zu vorkommen.

Ein Fackelwerfer bei der «Schande von Basel» nach dem verlorenen Meistertitel in der Finalissima gegen Zürich im Jahr 2006.
Ein Fackelwerfer bei der «Schande von Basel» nach dem verlorenen Meistertitel in der Finalissima gegen Zürich im Jahr 2006.Bild: KEYSTONE

Es wurde oft mit Repression versucht, es wurde häufig präventiv die Zusammenarbeit mit Fangruppen gesucht. Manchmal, wie beim FC Basel unter Präsident Bernhard Heusler, nützt das, aber irgendwann «chlepft» es dann doch wieder. Weil die grosse Mehrheit anständig ist, es aber immer wieder Gruppen gibt, die einfach nicht zu erreichen sind.

Den letzten Versuch mit personalisierten Tickets unternahm der FC Sion in dieser Saison. Er dauerte nur wenige Monate, dann brach Präsident Christian Constantin die Aktion ab und sagte: «Das hat nur Probleme verursacht. Das war wie mit den Impfgegnern. Es erweckte bei den Fans ein Gefühl der Bevormundung und obrigkeitlicher Verfügung sowie einen Eingriff in die Privatsphäre.»

Ein Problem des Schweizer Klubfussballs ist es, dass er froh sein muss um jeden Zuschauer, der ins Stadion kommt. Also werden sich Klubs und Liga sehr, sehr gut überlegen, welche Massnahmen sie ergreifen sollen, um so wenige zahlende Kunden wie möglich zu verlieren.

Basler Fans beschäftigen sich mit dem Mobiliar des Zürcher Letzigrundstadions.
Basler Fans beschäftigen sich mit dem Mobiliar des Zürcher Letzigrundstadions.Bild: IMAGO / Ulmer

Vermutlich würde gegen die Fan-Gewalt nur die radikale Bestrafung der Klubs etwas ändern. Geldbussen scheinen dabei für einmal lediglich die zweitbeste Sanktion zu sein. Mehr schmerzen Punkteabzüge, die so hoch sind, dass der Ligaerhalt in Gefahr gerät. Vielleicht überlegen sich Fans eines Klubs dann zwei oder drei Mal, ob sie diesem mit ihrem Verhalten wirklich schaden wollen. Womöglich werden sie dann eher von anderen Anhängern davon abgehalten. Sicher ist das aber keineswegs.

Das Ziel der Klubs ist ein volles Stadion, weil das Einnahmen verspricht. Das Ziel der Liga ist ein attraktives Produkt, damit sie mehr Geld für die Medienrechte einnehmen kann. Eine stimmungslose Partie mit einer Atmosphäre wie bei einem Geisterspiel ist unattraktiv, das erlebten wir während der Corona-Pandemie bei Spielen ohne Fans.

2011 wendet sich die Mannschaft des FCZ an ihre Anhänger.
2011 wendet sich die Mannschaft des FCZ an ihre Anhänger.Bild: IMAGO / Geisser

So eine Atmosphäre droht bei der Schliessung der Gästesektoren, denn die Heimfans könnten sich solidarisieren und ihre Unterstützung ebenfalls verweigern. Schliesslich sind sie in der Runde darauf die Gästefans, für einmal sitzen alle im gleichen Boot, die Zürcher, Basler, Berner, St.Galler.

Das grosse Problem ist, dass einige Menschen glauben, sich in einem Fussballstadion mehr erlauben zu können als im «richtigen» Leben. Du hast ein iPhone und dein Gegenüber ein Samsung? Dann poliere ihm die Fresse! Deine Nachbarin kauft im Migros ein, du gehst aber lieber in den Coop? Sofort den Briefkasten sprengen!

Keinem vernünftigen Menschen käme so etwas in den Sinn. Gewisse Leute halten das aber für praktikabel, weil sie zum Beispiel Löwen mögen und andere Heugümper. Für diese «Idioten» und «Psychopathen», wie sie FCZ-Präsident Ancillo Canepa nennt, ist das Stadion ein rechtsfreier Raum. Vermummt und als Teil einer grösseren Masse geht es auch um den Kick der Grenzüberschreitung und darum, dabei nicht erwischt zu werden. «Da haben Erziehungsberechtigten komplett versagt, wenn Jugendliche im Alter von 15, 16, 17 solche Dinge abziehen», hält Canepa fest.

Fackeln werden auf Menschen geworfen.
Fackeln werden auf Menschen geworfen.Bild: IMAGO / Geisser

Das steht im Vordergrund und nicht die Liebe zu einem Verein. Der Fussball als populärster Sport der Welt wird als Plattform missbraucht.

Prävention? Repression? Kapitulation? Die Verantwortlichen im Schweizer Fussball sind wahrlich nicht zu beneiden bei ihrer Suche nach der Lösung eines Problems, das offensichtlich seit Jahren niemand lösen kann.

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