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Cristiano Ronaldo kann es nicht fassen: Juventus scheitert am FC Porto.
Cristiano Ronaldo kann es nicht fassen: Juventus scheitert am FC Porto.Bild: www.imago-images.de
Kommentar

Wie Juventus Turin mit Cristiano Ronaldo All-In gegangen ist und sich massiv verpokert hat

Auch in seiner dritten Champions-League-Saison mit Juventus Turin muss Cristiano Ronaldo eine herbe Enttäuschung einstecken.
10.03.2021, 08:2110.03.2021, 13:33

Im Sommer 2018 stand Juventus vor einer Gelegenheit, die man wohl kaum für möglich hielt. Da bestand tatsächlich die Chance, den fünffachen Weltfussballer Cristiano Ronaldo zu verpflichten. Zwar schon 33 Jahre alt, aber mit dem Körper eines 20-Jährigen.

117 Millionen kostet er an Ablöse, 31 Millionen Euro an Gehalt – pro Jahr, versteht sich. Der Verstand sagt «Nein» zu solch einem Wechsel, das Herz «Ja». Zu gross ist der Wunsch, zum ersten Mal seit 1996 wieder die Champions League zu gewinnen. Fünf Mal hat Juventus seither das Finale verloren (1997, 1998, 2003, 2015, 2017). Es fehlt ein Winnertyp. Es fehlt ein verlässlicher Torjäger. Es fehlt ein Ronaldo.

Juventus geht also All-In und verpflichtet den Portugiesen. Ronaldo verspricht nicht nur sportlich eine Bereicherung zu sein, sondern auch wirtschaftlich. Längst ist Juventus kein einfacher Fussballklub mehr, sondern viel mehr eine Marketingmaschinerie, da nimmt man die über 250 Millionen Ronaldo-Follower auf Instagram gerne ins Juve-Boot. Zur besseren Vermarktung hat Juventus bereits 2017 einen grossen Schritt getan, als man das traditionelle durch das aktuelle Logo ersetzte.

In erster Linie will aber auch Juventus Turin sportlichen Erfolg. Den italienischen Meistertitel hat die «alte Dame» seit 2012 gebucht. Richtig glücklich wird damit bei Juventus aber niemand mehr. Der Henkelpott soll her. Cristiano Ronaldo hat die Champions League schon fünf Mal gewonnen, der weiss, wie sowas geht.

Gleich in seiner ersten CL-Saison mit Juventus steht Ronaldo im Achtelfinale nach dem 0:2 im Hinspiel gegen Atlético Madrid vor dem Aus. Im Rückspiel erzielt der Portugiese alle drei Tore beim 3:0-Heimsieg. Dafür hat man ihn geholt, die Hoffnung, dass es mit ihm endlich klappt mit dem Titel in der Königsklasse, wächst. Im Viertelfinale dann die grosse Ernüchterung, Juventus scheitert mit einem Gesamtskore von 2:3 an Ajax Amsterdam. Beide Tore für Juventus erzielt Ronaldo, aber es ist zu wenig.

Ende Saison geht Trainer Massimiliano Allegri, es kommt Maurizio Sarri. Diesmal scheitert Juventus bereits im Achtelfinale, erneut an einem «Kleinen». Diesmal wirft Lyon die «Bianconeri» raus.

Im Sommer 2020 wechselt der Trainer erneut, nun darf sich Andrea Pirlo versuchen. Der 41-jährige Italiener ist eine Fehlbesetzung mit Ansage. Eigentlich war Pirlo für den Juve-Nachwuchs bestimmt, wird dann trotz fehlender Erfahrung zum Cheftrainer berufen. Alleine mit seiner Aura soll der Maestro Juventus zu Titeln coachen – eine naive Annahme. Juventus wird nach neun Meistertiteln in Folge den «Scudetto» 2021 nicht gewinnen.

Es sind nicht nur die ausbleibenden Resultate, sondern vor allem der unansehnliche Fussball, den Juventus spielt. In der Defensive wackeln die Turiner, vor allem bei gutem Offensiv-Pressing des Gegners kommen Fehler um Fehler. In der Offensive ist man von Einzelaktionen und Flanken auf gut Glück abhängig. Das Mittelfeld ist so schwach wie seit 2011 nicht mehr. Damals wechselte ein gewisser Andrea Pirlo von Milan zu Juventus. Ironischerweise bräuchte Trainer Pirlo dringend den Spieler Pirlo. Er hat ihn nicht.

Dafür hat er Cristiano Ronaldo. Der ist zwar mittlerweile bereits 36 Jahre alt, kommt aber noch immer auf 27 Saisontore in 32 Spielen. Im Achtelfinale gegen Porto ist er aber unsichtbar. Verstolpert jeden Ball, ist gar der schwächste Akteur auf dem Feld.

Einen Spieler alleine für den Misserfolg verantwortlich zu machen, wäre vermessen. Aber Ronaldo ist nunmal der grosse Hoffnungsträger. Sein Lohn ist nunmal höher als derjenige von Matthijs De Ligt, Paulo Dybala, Adrien Rabiot und Aaron Ramsey (in der Gehaltsrangliste auf den Rängen 2-5) zusammen. Und Ronaldo hat halt noch immer das Ego, bei jedem Freistoss selbst anzulaufen und diesen dann in die Mauer zu schiessen. Ronaldo hat noch immer das Ego, vorne stehen zu bleiben und die Hände zu verwerfen, wenn der Ball verloren geht.

Juventus müsste es auch ohne einen Ronaldo in Topform schaffen, einen FC Porto aus der Champions League zu kegeln. Dafür waren gestern genügend Chancen vorhanden. Hätte Juan Cuadrado in der 93. Minute nur einige Zentimeter tiefer geschossen, diese Zeilen stünden (noch) nicht hier.

Das Out von Juventus in der Champions League war nur eine Frage der Zeit. Wäre es nicht gestern gegen Porto passiert, wäre es im Viertelfinal gegen einen Topklub geschehen. So ist das zwar etwas peinlich, aber immerhin erspart man sich eine Klatsche gegen ein Bayern München oder Manchester City.

Nun ist Juventus Turin drei Mal gegen vermeintlich «kleine» Gegner ausgeschieden. Wobei die Gegner auf jeden Fall für Andrea Agnelli «klein» sind. Der Juve-Präsident, der auch die European Club Association (EPA) präsidiert, will nämlich eine exklusive Super League mit ausschliesslich grossen Klubs gründen. Nicht dazu gehören unter anderem Ajax, Lyon und Porto.

In der Champions League ist Juve ausgeschieden, in der Meisterschaft ist der Zug abgefahren. Immerhin die Coppa Italia – im Finale wartet Remo Freulers Atalanta Bergamo – kann sich Pirlo als Trainer noch holen, um sein Gesicht wenigstens halbwegs zu wahren.

Juventus hat nun bis im Sommer Zeit, um einen grossen Umbruch zu planen. Ob Pirlo ein weiteres «Lehrjahr» erhält, ist fraglich. Ronaldo hat noch einen Vertrag bis Juni 2022 – vielleicht findet man in diesem Sommer bereits einen Abnehmer, der noch einige Millionen in sein Marketing investieren will und den Weltstar abkauft. Ronaldos Ex-Klub Manchester United wäre ein Kandidat dafür.

Die Turiner tun gut daran, wieder kleine Brötchen zu backen – in der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres schrieb man bereits einen Verlust von 113,7 Millionen Euro – das frühe Out in der Champions League wird das Ergebnis für das zweite Halbjahr nicht aufbessern.

Juventus ist im Sommer 2018 mit dem Transfer von Cristiano Ronaldo All-In gegangen und hat sich massiv verpokert. Denn Juve hat nicht nur das Spiel auf Ronaldo ausgerichtet, sondern auch die Gehaltsstruktur – das monströse Salär von «CR7» blockiert die Finanzierung neuer Spieler. Bei Juventus muss man nun einsehen, dass das «Experiment Ronaldo» gescheitert ist.

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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luek_94
10.03.2021 08:40registriert Februar 2021
ein gut geschriebener und auch in der Schlussfolgerung deutlicher Bericht - gefällt!

Ronaldo ist immer noch ein sehr guter Stürmer, dem bezüglich Laufwege und Abschlussstärke (Kopf oder Fuss) praktisch niemand das Wasser reichen kann. Er macht unter dem Strich aber seine Mitspieler nicht gefährlicher wie es andere Superstars tun. Wenn ein Ronaldo im Mittelfeld den Ball erhält, muss man sich als Gegner noch nicht fürchten - er bindet in dieser Platzregion keine gegnerischen Kräfte. Und weil Juventus eben dafür keinen Topmann besitzt, sind sie auch für kleinere Teams leichter zu verteidigen.
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RichiZueri
10.03.2021 08:50registriert September 2019
Einen Spieler wie Ronaldo muss man sich halt auch spielerisch "leisten" können. Eine Tormaschine bringt dir nichts, wenn sie nicht gefüttert wird.
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Kyle C.
10.03.2021 08:46registriert Oktober 2014
Weitgehend gute Analyse. Aber 2 Punkte muss man noch erwähnen:
1. Der Meisterschaftszug ist sicher noch nicht abgefahren, dafür ist es noch zu früh. 10P Rückstand bei einem Spiel weniger und ausstehender Direktbegegnung sind nun nicht derart abgefahren, 12 Runden vor Schluss
2. In Italien weiss jeder, dass dies ein Übergangsjahr sein sollte für Juve. Pirlo mag wahrlich nicht der Erlöser sein im Moment, aber man will ihn nun machen lassen und das Team neu ausrichten.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Pirlo bei Juve durchaus was reissen könnte, wenn er Zeit und Spieler bekommt.
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