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Dominic Lobalu bangt um die Olympia-Teilnahme für die Schweiz

Bronze medalist Dominic Lobalu of Switzerland celebrates during the men's 5000 meters final at the European Athletics Championships, in the Olympic stadium, in Rome, Italy, Saturday, June 8, 2024 ...
Dominic Lobalu war der erfolgreichste Athlet im Schweizer EM-Team in Rom.Bild: KEYSTONE

Der erfolgreichste Läufer der Schweiz bangt um die Olympia-Teilnahme

Dominic Lobalu holte an den Europameisterschaften zwei Medaillen. Einst aus dem Südsudan geflüchtet, will der 25-jährige Leichtathlet nun auch an den Olympischen Spielen in Paris für die Schweiz auf Medaillenjagd gehen – doch die Starterlaubnis steht noch aus.
13.06.2024, 12:2213.06.2024, 13:26
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Die Schweizer Delegation hat an den Europameisterschaften in Rom für eine Sternstunde der Schweizer Leichtathletik gesorgt und so viele Medaillen geholt wie noch nie. Blickt man auf die Wettkämpfe zurück, gibt es viele Gründe für eine positive Bilanz.

Noch nie war die Schweizer Delegation an einer EM so gross: 60 Athletinnen und Athleten reisten nach Rom. Mit Mujinga Kambundji gewann zum ersten Mal eine Schweizerin ihre zweite Goldmedaille. Eine Premiere gelang auch im 200-Meter-Sprint: Zum ersten Mal triumphierte die Schweiz in dieser Disziplin sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern. Besonders in Erinnerung bleibt der vergangene Samstag, als die Schweiz gleich vier Medaillen an einem Abend holte – auch das ein Novum.

Einer, der aus der historischen Equipe besonders heraussticht, ist Dominic Lobalu. Einerseits, weil der 25-Jährige aus dem Südsudan gleich mit zwei Medaillen im Gepäck zurück in die Schweiz reist (Bronze über 5000 m, Gold über 10'000 m), andererseits, weil sein Weg nach Rom besonders hürdenreich war.

Gold medalist Dominic Lobalu of Switzerland poses after the medals ceremony for the men's 10000 meters at the European Athletics Championships, in the Olympic stadium, in Rome, Italy, Wednesday,  ...
Lobalu posiert mit seiner EM-Goldmedaille.Bild: keystone

Das lange Warten auf den ersten Start

Obschon Lobalu einer der besten Langstreckenläufer der Welt und seit 2019 in der Schweiz wohnhaft ist, war die EM in Rom sein erster Titelkampf im rot-weissen Dress. Der Grund dafür ist eigentlich naheliegend, denn Lobalu ist noch kein Schweizer Bürger.

Der Verband Swiss Athletics hatte sich zwar schon lange darum bemüht, beim Weltverband (World Athletics) eine Bewilligung einzuholen, damit der Ausnahmeläufer für die Schweiz starten darf, dieser sprach aber vorerst eine dreijährige Wartefrist aus. So hätte Lobalu erst ab April 2026 für die Schweiz starten dürfen – im Leben eines Spitzensportlers ist das viel Zeit.

Dann die Kehrtwende: Im Rahmen des vom Schweizer Verband beantragten Wiedererwägungsverfahrens erteilte World Athletics Lobalu im Mai die Startberechtigung innerhalb der Schweizer Delegation. Und bereits an den ersten Titelkämpfen zeigte Lobalu seine Klasse.

Diese Startberechtigung ist für den Läufer aus der Ostschweiz die einzige Möglichkeit, an grossen Wettkämpfen anzutreten. Denn seit er in der Schweiz einen B-Ausweis hat, gilt er nicht mehr offiziell als Flüchtling und darf deshalb auch nicht mehr für das «Athlete Refugee Team» antreten, für das er in seiner Zeit als Flüchtling in Kenia lief. Lobalu hatte das Flüchtlingsteam aber bereits 2019 verlassen. Einerseits weil nicht er, sondern die Leute hinter dem Flüchtlingsteam die Preisgelder kassierten, andererseits weil er sich eine eigene Existenz aufbauen wollte.

Über Umwege nach Rom

Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom. Für Lobalu war dieser Weg vor allem ein Umweg. Im Südsudan geboren, flüchtete er achtjährig vor einem Angriff auf sein Dorf. Seine Eltern wurden getötet, Lobalu war auf sich alleine gestellt. Über Umwege kam er schliesslich in ein kenianisches Waisenhaus, lebte aber auch eine Zeit lang auf der Strasse. Die einzige Konstante in seinen Kindheits- und Jugendjahren zwischen Stuhl und Bank: das Laufen. Wie viel Talent der heute 25-Jährige bereits in jungen Jahren mitbrachte, zeigt die Tatsache, dass er sogar in Kenia, dem Land der Läufer, Rennen gewann.

Dominic Lokinyomo Lobalu, of South Sudan, jubilates after crossing the finish line to win the men's elite categorie, during the 44th Escalade Race (Course de l'Esacalde), in Geneva, Switzerl ...
Lobalu 2022 an der Escalade in Genf. Bild: KEYSTONE

2019 reiste Lobalu mit dem «Athlete Refugee Team» nach Genf, verliess nachts das Hotel und stellte im Bundesasylzentrum in Vallorbe einen Asylantrag. 2019 endete seine Odysse vorläufig: Lobalu lebt seit einigen Jahren in der Ostschweiz, wo er im LC Brühl wieder das tun kann, was er am liebsten macht: Laufen.

Olympia – ja oder nein?

Lobalu hat an der EM in Rom eindrücklich gezeigt, dass er in seinen Disziplinen zur Weltspitze gehört. Für die Schweizer Leichtathletik, die seit 1988 auf eine Olympiamedaille wartet, wäre es also umso erfreulicher, wenn Lobalu auch an den Olympischen Spielen in Paris starten dürfte. Die Entscheidungshoheit liegt hierbei beim Olympischen Komitee (IOC).

Die Frage, über die der IOC-Exekutivrat in Lausanne in diesen Tagen debattiert: Wird dem Gesuch für einen Start für die Schweiz stattgegeben oder zwingt ihn das IOC ins eigene Flüchtlingsteam, trotz B-Ausweis? Laut den Olympia-Regeln ist ein Pass eigentlich eine zwingende Voraussetzung für einen Olympia-Start. Lobalu selbst würde sich über einen Start für die Schweiz freuen. «Die Schweiz ist das richtige Land für mich», sagte er im gestrigen Siegerinterview gegenüber SRF.

Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics, hätte für einen ablehnenden IOC-Entscheid wenig Verständnis: «Es wäre eine seltsame Logik, die aus meiner Sicht nicht durchsetzbar ist. Der Fachverband hat die Startberechtigung für die Schweiz bestätigt. Wenn der Pass das einzige Kriterium dafür ist, ob jemand in einem Land daheim ist, dann würde mich das nachdenklich stimmen», sagte er. Seiler sprach den Umstand an, dass der Weg zum Pass je nach Land sehr unterschiedlich und vor allem unterschiedlich lang ist.

«Ich möchte der erste Flüchtling sein, der eine Medaille gewinnt», sagte Lobalu 2019. Sollte es mit einem Start in Paris klappen, könnte der Läufer seinem Wunsch einen Schritt näher kommen. Doch die Konkurrenz ist riesig. Der Weltrekord in 5000 m liegt bei 12:35,36, erlaufen vom Ugander Joshua Cheptegei, der auch in Paris antreten wird. Lobalus Schweizerrekord über dieselbe Distanz liegt bei 12:50,90.

Aber: Eine Zeit von 12:58.15 reichte Cheptegei vor drei Jahren in Tokio zu Olympiagold, an Grossanlässen wird selten auf eine Topzeit, sondern taktisch gelaufen. Lobalus muss sich – darf er denn starten – also nicht verstecken.

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