Ein Kuriosum steht auf dem Spiel. Seit 20 Jahren ist der TV-Kommentator in dieser Sportart populärer als alle Athletinnen und Athleten: Sascha Ruefer begleitet als streitbarer Kommentator und TV-Unterhalter den internationalen Fussball seit 1998 und das Nationalteam exklusiv seit 2008. In dieser Funktion («Rasen-Sascha») hat der Name des ehemaligen Handelsmittelschülers aus Biel mit Wohnsitz in Schenkon (LU) mehr Strahlkraft als jene aller helvetischen Spielerinnen und Spieler im olympischen Sand.
Nach einem Abend, dramatisch wie eine aufwändige Hollywood-Produktion, ist die Hierarchie der Berühmtheit im helvetischen Beachvolleyball ins Wanken geraten. Wenn Nina Brunner und Tanja Hüberli am Samstag zum ersten Mal in der Geschichte für die Schweiz um Gold spielen, dann werden sie berühmter sein als der Mann oben auf der Kommentatoren-Tribüne. Noch ist es nicht vollbracht. Aber die Hoffnung ist in diesem Fall eine zinstragende Anleihe auf olympisches Gold.
Zum ersten Mal bei diesen Spielen bestreiten Schweizerinnen das gesamte olympische Abendprogramm in der schönsten und romantischsten Arena der olympischen Geschichte (seit 1896). Der Besuchende schreitet übers Marsfeld auf die Arena zu. Sozusagen übers Rütli von Paris. Schauplatz dramatischer historischer Ereignisse. Hier schwor König Ludwig XVI. vor 300'000 Menschen vor dem Altar des Vaterlandes den Eid auf die Verfassung und hier inszenierte La Grande Nation bei den Weltausstellungen 1867, 1878, 1889, 1900 und 1937 ihre Grösse. Und nun haben die Franzosen die Beachvolley-Arena mit 13'000 Plätzen vor dem Eiffelturm hingestellt.
Die Sonne versinkt neben dem Eiffelturm hinter dem Horizont, als die grosse Show um 21 Uhr beginnt. Die Aussichten der Schweizerinnen sind so atemberaubend wie der Anblick der heraufziehenden Nacht über der künstlich beleuchteten Stadt: Das Tableau will es so, dass am Samstag ein Schweizer Final möglich ist. Aber auf dem Weg zum goldenen Gipfel müssen Esmée Böbner und Zoé Vergé-Dépré sowie anschliessend Nina Brunner und Tanja Hüberli ihre Viertelfinals gewinnen.
Esmée Böbner und Zoé Vergé-Dépré verlieren in drei Sätzen (19:21, 21:16, 12:15) und scheiden aus. Aber mit viel Sang und Klang gegen die favorisierten Spanierinnen Mariafe Artacho Del Solar und Taliqua Clancy. Das olympische Silberpaar von 2021.
Bei ihrem ersten Auftritt auf der olympischen Bühne haben es die 24-jährige Luzernerin und die 26-jährige Bernerin unter die besten Acht geschafft und dürfen sich künftig diplomierte Olympia-Athletinnen nennen. Mit guten Aussichten: In vier Jahren werden sie konstanter, erfahrener, abgeklärter und besser sein – und um die Medaillen spielen.
Ihr Auftritt ist das Vorspiel zum grossen Drama. Sara Hughes und Kelly Cheng aus Amerika sind Weltmeisterinnen und haben viel Selbstvertrauen. Sie lassen die Welt schon Monate vor Paris wissen, dass nur Gold in Frage kommt. Hochmut kommt vor der Heimreise: Sie verlieren gegen Nina Brunner und Tanja Hüberli. «Wir wussten: Wir haben bis jetzt gut gespielt, wir können dieses Team schlagen. Und sie haben Gold angekündigt, wir nicht. Für uns war die Ausgangslage einfacher», wird Tanja Hüberli hinterher über die idealen Voraussetzungen sagen.
In exakt 39 Minuten setzen sich die 31-jährige Schwyzerin und die 28-jährige Zugerin durch. Sie bleiben in jeder Situation gelassen, punkten konstant und gewinnen in zwei Sätzen (21:18, 21:19). Das knappe Resultat täuscht darüber hinweg, dass der Sieg nie in Frage steht.
Die Zusammenarbeit zwischen der coolen Riesin Tanja Hüberli (190 cm) und der flinken Nina Brunner (173 cm) ist nahezu perfekt. Nina Brunner hält als virtuose Defensiv-Künstlerin die Bälle aus schier aussichtslosen Situationen im Spiel. Tanja Hüberli blockt und punktet. Die Aktion des Abends ist eine Fussabwehr (!) von Nina Brunner, die zur vorentscheidenden 17:14-Führung im ersten Satz führt. Oben auf der Kommentatoren-Tribüne kommt Sascha Ruefer auf Betriebstemperatur: «Die Fussballerin! Die Fussballerin Nina Brunner! Die Transferfenster sind ja noch offen bei den Super-League-Vereinen …» Die kurzzeitig zur Fussballerin mutierte Sandartistin wird hinterher die Szene mit der ihr eigenen Gelassenheit kommentieren: «Das war Glück. Aber ich sagte mir: Das ist ein Zeichen, dass heute unser Tag ist.»
Nun spielen die beiden Zentralschweizerinnen am Samstag um eine Medaille. Um Gold, wenn sie den Halbfinal am Donnerstag gewinnen, um Bronze im Falle einer Halbfinal-Niederlage. Sie haben in Paris noch keinen Satz verloren. «Wir sind ruhiger und konstanter geworden», nennt Nina Brunner einen Grund für den Effort. «Wir haben in solchen Momenten auch schon versagt.» Und Tanja Hüberli ergänzt: «Selbst wenn wir zwei Punkte hinten liegen, können wir wieder herankommen, das gibt uns eine innere Ruhe.»
Eine goldene innere Ruhe, die nun Sascha Ruefer ein wenig aus der Balance bringt: Seit 26 Jahren ist für ihn beim Fussball-Kommentieren spätestens im Viertelfinal Lichterlöschen. Nun muss er als «Sand-Sascha» nach 2004 und 2021 zum dritten Mal in ungewohnte sportliche Halbfinalhöhen aufsteigen.
Die Chancen stehen unabhängig von den Gegnerinnen gut, dass es sogar für den Final am Samstag reicht. Das wäre dann für «Sand-Sascha» sozusagen die Besteigung des sportlichen Mount Everest. Sozusagen der Höhepunkt seiner Karriere.
Ich komme aus der Szene und er verzapft sehr viel "mist".
Nina und Tanja haben die restlichen Teams bereits geschlagen in der akutellen Saison! Alles ist möglich!
Hopp Nina, Hopp Tanja Gold ist nah ihr packt das💪💪