«Dann zeige ich Ansätze eines Suchtverhaltens»: Ein Olympia-Tag mit Beni Thurnheer
«Willkommen in meinen Olympia-Ferien!» Es ist Donnerstagmorgen, Beni Thurnheer öffnet die Tür seines Hauses in Seuzach. Er bittet in die Stube. Der Fernseher läuft bereits. Die Schweizer Curlerinnen spielen gegen Italien.
Die Olympischen Spiele sind Feiertage für jeden Sportfan. Auch für Thurnheer. 15 Mal war er für das Schweizer Fernsehen selbst vor Ort. Hat er Entzugserscheinungen als Pensionär? «Auf keinen Fall. Und zwar aus einem einfachen Grund: Ich müsste dem Publikum ganz viele Zusatzinformationen erzählen, mich also intensiv vorbereiten. Das mache und brauche ich nicht mehr.»
Als Fan aber verfolgt SRF-Legende Thurnheer die Spiele natürlich. Manch ein Highlight schaut er sich zusammen mit seiner Frau Kathrin an, die Abfahrt der Herren beispielsweise. Zumeist aber hat er sturmfrei. «Sie lässt mich die Spiele geniessen, ich habe alle Freiheiten in diesen zwei Wochen.»
Thurnheers spezielle Beziehung zum Curling
Gewisse Gedanken an früher begleiten Thurnheer beim TV-Erlebnis gleichwohl. Als der Start des Frauen Super G um 11 Uhr langsam näher rückt, fragt er: «Was passiert wohl im Hintergrund? Ich würde natürlich etwas vom Vorprogramm streichen, damit wir die Schlussphase des Curling-Spiels noch live sehen», sagt er. Und fügt schmunzelnd an: «Aber das wird wohl nicht geschehen – die Ski-Lobby ist sehr gross.»
Zum Curling hat Thurnheer eine spezielle Beziehung. Mit Luzia Ebnöther hat er den Wettbewerb 2006, 2010 und 2014 kommentiert – und der ganzen Schweiz nähergebracht. «Ich darf schon sagen: Meine Art, zu kommentieren, hat sich durchgesetzt. Ich habe bei Adam und Eva angefangen, jene Fragen gestellt, die sich ganz viele zu Hause vor dem Bildschirm auch stellten. Und liess sie von der Expertin neben mir beantworten. Das gab zwar einen Shitstorm der Szene – aber auch viel Zuspruch des Publikums.»
Und immer wieder: der Blick auf den Medaillenspiegel
Vor dem Skirennen konsultiert Thurnheer ein erstes Mal die Teletext-Seite 409. Dort findet sich der Medaillenspiegel. Wo steht die Schweiz? Wo die Konkurrenz? «Das ist mein neues Hobby geworden. Es geht sogar soweit, dass ich bei Medaillen-Entscheidungen konsequent jene Nationen unterstütze, die der Schweiz nicht gefährlich werden können. Ich hoffe, wir landen am Ende der Spiele vor allen vier Nachbarländern.» Es ist ein schwieriges Unterfangen. Aber Thurnheers helvetischer Medaillenfahrplan stimmt. «Vor den Spielen sah meine Hochrechnung 15 Medaillen vor. So gut, wie es läuft, könnten es nun gar 17 werden.»
Eines findet Thurnheer schwierig: Vergleiche mit früher. «In Sapporo 1972 wurden 37 Medaillensätze vergeben. Heute 116. Es war früher nicht alles besser – aber vielleicht schwieriger. Toni Sailer 1956 und Jean-Claude Killy 1968 gewannen ihre drei Gold-Medaillen in Abfahrt, Riesenslalom und Slalom. Den Super G und die Team-Kombination gab es noch nicht. Womit ich Franjo von Allmens grossartige Leistung aber auf keinen Fall schmälern will!»
Die Sprache ist ihm noch immer wichtig
Im TV-Bildschirm steht Emma Aicher am Start. «Schnell umschalten zu den Deutschen!», ruft Thurnheer und greift sich die Fernbedienung. «Ich mache das selten, aber hier könnte es emotional werden.» Wird es nicht. Ein paar Sekunden später ist Aicher schon draussen. Und Thurnheer sinniert: «Emotional – das ist irgendwie zum Modewort von Olympia geworden. Alles ist emotional. Dabei ist das ein flauschiger Begriff. Nicht fassbar. Ich bevorzuge es konkret: traurig, wütend, freudetrunken.» Man merkt: die Sprache ist ihm immer noch wichtig.
Es ist Mittag geworden, Hunger macht sich bemerkbar. Ketzerische Frage: «Steigen sie auch so abrupt aus dem Super G aus wie vorher beim Curling und schalten zum Eishockey?» Thurnheer sagt: «Bis Nummer 20 schauen wir. Dann geht’s ins Restaurant. Erfahren wir halt später, dass eine Schweizerin mit hoher Nummer noch Silber gewonnen hat…»
Die meistgestellte Frage: «Was halten Sie von Ruefer?»
Während des Essens bleibt auch Zeit für Themen über den Sport hinaus. Nicht einmal mehr einen Monat dauert es bis zur Halbierungsinitiative. Thurnheer sagt: «Die Diskussionen sind nicht neu. gab es schon zu meinen Zeiten. Vordergründig geht es ums Geld, um den Service Public, um die Regionen. Aber eigentlich geht es nur um eines: Der SVP ist das Schweizer Fernsehen politisch zu links. Darum wird es bekämpft, egal mit welchen Mitteln.»
Dass sich die TV-Landschaft seit Thurnheers Pensionierung verändert hat, ist klar. Der Bedeutungsverlust des linearen Fernsehens ist offensichtlich. «Ich sage es jeweils so: Als ich zum Fernsehen kam, nahm die Bedeutung zu. Seit ich gegangen bin, nimmt die Bedeutung ab. Für mich war das super. Wobei das eine mit dem anderen natürlich rein gar nichts zu tun hat.»
Thurnheer wird in der Öffentlichkeit weiterhin von vielen Menschen erkannt und angesprochen. «Ich würde sagen, bis Jahrgang 2000 kennt man mich. Warum? Ab 12 durften die Kinder Benissimo schauen, bis 2012 gab es die Sendung, entsprechend einfach ist die Rechnung.»
Die Frage, die Thurnheer mit Abstand am meisten gestellt wird, ist: Was halten Sie eigentlich von Sascha Ruefer? «Ich antworte immer gleich: Dann wird es meist schon still.» Wobei Thurnheer – er kommentierte die Spiele der Fussball-Nati bis 2008, ehe Ruefer übernahm – anfügt: «Bei Ruefer habe ich als Zuschauer nie das Gefühl, es sei Künstliche Intelligenz am Werk. Er ist unverkennbar. Und das ist toll.»
Andy Egli und Hans-Peter Latour am Telefon
Zurück in Thurnheers Wohnzimmer. Zurück vor den Fernseher. Eishockey? Nein, am Bildschirm erscheinen Langläuferinnen. Umschalten auf den Live-Stream? «Nein, nein, das kommt für mich nicht in Frage. Ich schaue, was über den Sender läuft!», sagt er. Und wenn es dann eben einmal nicht ganz so spannend ist, «dann ist die brutale Realität, dass ich meine Pendenzen erledige», sagt er und lacht.
Als Frida Karlsson mit den Händen in Richtung Kamera ein Herz formt, blüht Thurnheer auf. «Seit wann machen das eigentlich alle? Das Herz ist zur Geste dieser Spiele geworden. Das sollte ich unbedingt auch tun. Ein Herz für den Medaillenspiegel.» Machen wir natürlich.
Thurnheers Telefon klingelt. Andy Egli ist am Apparat. «Er gab mir das Datum des nächsten Spiels der Alt-Internationalen durch. Dort gebe ich den Speaker.» Wenig später. Das nächste Klingeln. Diesmal ruft Hans-Peter Latour an. «Er hat mich zu seinem Vortrag über Bio-Diversität nächste Woche eingeladen.» Dann fügt Thurnheer an: «Das sieht jetzt wunderbar aufgegleist aus. Nach dem Motto: Aber so ist es dann schon nicht!»
«Yann Sommer an der Eröffnungsfeier? Fehlbesetzung!»
Es ist kurz vor 14:00 Uhr. Endlich Eishockey? «Wenn sie gut sind, zeigen sie vor dem Live-Einstieg die Schweizer Tore!» Doch nein, noch immer kein Eishockey. Dafür: «Oh! Kalle Koblet. Unser Winterthurer Lokalheld. Das gibt das unerwartete Highlight des Tages.» Nein, Koblet bleibt stecken in der «Badewanne», erzählt Co-Kommentatorin Sina Siegenthaler, die am Tag darauf selbst dabei ist beim Snowboardcross. «Ich finde», sagt Thurnheer, «die Co-Kommentatoren haben mittlerweile ein beachtliches Niveau erreicht. Man merkt, die Schulungen fruchten. Ein Gedanke muss in 15 Sekunden formuliert sein. Dass einer fünf Minuten lang über das GC-Nachwuchskonzept fabuliert wie einst Erich Vogel und währenddessen zwei Fast-Penaltys verpasst, kommt nicht mehr vor.»
Nur eine Nomination hätte Thurnheer anders gewählt: «Yann Sommer als Co-Kommentator der Eröffnungsfeier, das ist eine Fehlbesetzung. Man hat sehr viel Interessantes über Yann Sommer erfahren. Aber das war doch die Olympia-Eröffnungsfeier, keine Fussball-Sendung.»
14:17 Uhr, tatsächlich, doch noch Eishockey, 13 Minuten vor Schluss. «Rechtzeitig zur Wende!», ruft Thurnheer. Ein Schweizer fährt zur Strafbank, «das ist gut, jetzt können die Schweizer ihr Unterzahlspiel üben.» Seine Kommentatoren-Stimme kommt doch noch zum Vorschein, «Aber wenn ich das mache, dann nur aus dem Bauch heraus, manchmal kommt das automatisch».
Es bleibt Zeit für das blutende FC-Winterthur-Herz
Nach dem Eishockey-Spiel kommt noch einmal die Zeit des Curlings. «Wir sind eben der Musik-Teppich des Sports. Wenn sonst nichts läuft…», sagt Thurnheer mit einem Schmunzeln. Um dann sogleich ganz ernst anzufügen: «Eines ist klar: Curling-Kommentator ist ein sehr anstrengender Job. Jeden Tag zwei Spiele à 2,5 Stunden, das sind zwei Marathons. Und dann sollte man ja fast durchgehend etwas erzählen.»
Die Schweizer Highlights des Tages sind durch. Es beginnt die Zeit des Zappens. Was zeigt ZDF? Was zeigt ORF? Zwischendurch, natürlich, der erneute Blick auf den Medaillenspiegel, «am Ende des Tages notiere ich das Zwischenergebnis auf meinem Computer!».
Zwischen Eisschnelllauf und Snowboard bleibt Zeit, um Thurnheers blutendes FC-Winterthur-Herz zu ergründen. Seit knapp drei Jahren sitzt er im Beirat des Vereins, ohne Entscheidungsbefugnis, wie er betont. «Die gute Nachricht ist: Mittlerweile ist der Verein so gestärkt, dass auch bei einem Abstieg nicht alles zusammenbrechen würde.» Etwas unglücklich sei nur, dass die Stadion-Abstimmung auf den kommenden Herbst falle. «Aber auch dafür bin ich zuversichtlich, schliesslich hat der Stadtrat den 35-Millionen-Kredit einstimmig angenommen.»
Am Abend gewinnt das Suchtgefühl
«Darf ich noch einmal einen Kaffee oder ein Glacé servieren?», fragt er den Gast. Der Olympia-Nachmittag neigt sich dem Ende zu. «Eigentlich läuft es jeden Tag ähnlich. Um 18 Uhr denke ich: so, das war’s», sagt Thurnheer. «Nur zeige ich dann am Abend Ansätze eines Suchtverhaltens und denke: jetzt muss ich doch nochmals rasch einschalten.»
Unverhofft begegnet Thurnheer so noch einmal einem Highlight. Die 17-jährige Südkoreanerin Choi Gaon stürzt im Halfpipe-Final der Snowboarderinnen zunächst heftig. Holt dann aber im letzten Versuch Gold. «Die Sucht hat auch ihre guten Seiten.» Und Südkorea ist keine Bedrohung für die Schweiz im Medaillenspiegel. (riz/bzbasel.ch)
