Es ist eine äusserst ungewöhnliche Bitte. Bevor Wendy Holdener am Dienstagnachmittag im Rahmen des Einkleidetags von Swiss Ski in Dübendorf vor die Medien tritt, sollen alle Kameras ausgeschaltet werden. Die 31-Jährige wolle zwar erstmals öffentlich und in aller Offenheit über den Krebstod ihres Bruders und engsten Vertrauten Kevin sprechen, aber dabei nicht gefilmt werden.
Auch der Auftritt der 35-fachen Weltcup-Podestfahrerin im Slalom unterscheidet sich grundsätzlich von jenen der übrigen Ski-Aushängeschilder wie Marco Odermatt, Loïc Meillard oder Corinne Sutter. Wendy Holdener tritt stehend vor die Mikrofone und sie spricht zuerst zehn Minuten, ohne dass auch nur eine Frage gestellt wird.
Sie sei vor dem allerersten Medientermin seit Februar nervös. Und sie sei dankbar dafür, dass man den Wunsch nach Privatsphäre in dieser schwierigen und emotionalen Zeit respektiert habe. Sie habe in den vergangenen Monaten auch realisiert, «dass jeder Mensch einen Trauerprozess auf eine eigene Art erlebt». Sie sei stolz auf ihre Familie, wie diese mit dem Schicksalsschlag umgegangen ist.
Rein sportlich ist Wendy Holdener bestens auf Kurs. Das im vergangenen Dezember gebrochene linke Sprunggelenk sei vollständig geheilt und bereite null Probleme. Die 31-Jährige hat gemäss Cheftrainer Beat Tschuor das gesamte Vorbereitungsprogramm mitgemacht.
Und dabei auf die Dienste eines neuen Trainers zählen können. Der Walliser Jörg Rothen, zuvor persönlicher Trainer von Henrik Kristoffersen, kümmert sich in der Technikgruppe mit insgesamt sechs Fahrerinnen primär um Holdener. «Das Skitraining hat mir Energie gegeben», sagt die Sportlerin aus Unteriberg.
Ein weiterer Schritt in Richtung Individualisierung des Trainings nach Beispiel des Männerteams rund um Marco Odermatt sei zwar organisatorisch sehr anspruchsvoll und auch erst möglich, seit die Gruppe der Schweizer Technikerinnen eine gewisse personelle Grösse erreicht habe, «aber es ist der Weg, den man gehen muss, wenn man den grösstmöglichen Erfolg anstrebt», sagt Cheftrainer Tschuor.
Ein Rücktritt stand unter diesen Umständen für Holdener nie zur Diskussion. Sie habe bereits nach der Verletzung schnell gespürt, dass ihr das Skifahren fehle. Es mache ihr nach wie vor viel Spass. Vor 14 Jahren hat sie ihr erstes Weltcuprennen bestritten. Bis zum ersten Sieg im Slalom musste sie sich allerdings bis im November 2022 gedulden.
Nun wolle sie «besser werden, als dass ich es war. Ich will im Slalom wieder um den Sieg mitfahren», sagt Holdener. Eine sehr positive Vorbereitung und ein gutes Gefühl geben ihr Zuversicht. Wie ein Neustart fühle es sich aber nicht an, sagt Wendy Holdener. «Und ich bin froh, dass es so ist.» Es werde zwar «rund um das Leben im Skizirkus Momente geben, die ich nicht mag». Die Erinnerungen an den fehlenden Vertrauten an ihrer Seite werden auch im Winter omnipräsent bleiben.
Ein Thema ist Holdener noch wichtiger als die in knapp vier Wochen in Sölden beginnende Weltcupsaison: Der Dokumentarfilm über Kevin und sie, welcher das Schweizer Fernsehen am 24. Oktober ausstrahlen wird. Es sei ein Herzensprojekt ihres Bruders gewesen. Zwei Wochen vor seinem Tod erhielt er von SRF die Nachricht, dass das Filmprojekt finanziert wird.
Er wird das Resultat seiner Idee nicht mehr erleben. Aber Kevin wird darin omnipräsent sein. Seit Ausbruch der Krankheit hat er sein Leben selbst mit Videos einer Go-Pro begleitet, in den letzten Wochen vor dem Tod sogar auf privater Basis einen Filmer engagiert.
Sie hätten lange über die Art der Story nachgedacht, sagt Wendy. «Kampf ums Leben, Kampf um Hundertstel» sei eine Stossrichtung gewesen, das «Tabuthema Tod» eine andere. Ihr Bruder, der nur 34 Jahre alt wurde, wollte mit dem Projekt anderen Krebspatienten Mut machen. «Und wir haben uns entschieden, das Projekt für Kevin zu realisieren», sagt Wendy Holdener. «Es hilft auch anderen Menschen.»
Wendy Holdener sagt mit Tränen in den Augen, «heute geht es mir meistens ziemlich gut. Ich bin nicht mehr jeden Tag am Weinen, aber er fehlt. Kevin ist im Training in Gedanken stets bei mir.» Sie spreche im privaten Kreis eigentlich sehr gerne über ihren Bruder, der auch ihr Manager war. «Kevin hat mein Leben geplant. Wir erzählen uns heute viele coole Geschichten über ihn, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Und ich frage mich bei vielen Situationen: Was würde Kevin jetzt sagen?» (aargauerzeitung.ch)
Ich wünsche ihr alles Gute und viel Kraft!
Go Wendy Go!