Auch Odermatts Manager spielt eine Rolle – das ist das Erfolgsrezept von Julia Scheib
Schon in der Vergangenheit hat Julia Scheib immer mal gezeigt, dass sie über viel Talent verfügt. 2018 gewann sie bei der Junioren-WM in Davos 19-jährig Gold im Riesenslalom und Bronze mit dem Team. In den letzten beiden Saisons fuhr sie zehnmal in die Top 10 und einmal aufs Podest.
Dass die Österreicherin in diesem Winter in bisher neun Riesenslaloms aber fünf Siege, zwei zweite Plätze und die kleine Kristallkugel schon vor dem Weltcupfinal vom heutigen Mittwoch (1. Lauf ab 9.30 Uhr bei watson im Liveticker) einfahren sollte … «das hätte ich mir vor der Saison nie ausmalen können», sagt Scheib bei Eurosport.
Die 26-Jährige aus der Steiermark hatte in ihrer Karriere viele Rückschläge zu verkraften. Immer wieder plagten sie gesundheitliche Probleme. Mit 17 riss sie sich erstmals das Kreuzband und den Meniskus, 2019 erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber. Anstatt in ihrer zweiten Saison im österreichischen Weltcupteam durchzustarten, musste sie sich also in Geduld üben. In den nächsten Winter konnte sie wegen einer Coronainfektion wieder erst verspätet einsteigen und im Februar 2021 erlitt sie erneut einen Kreuzband- und Meniskusriss. «Teilweise war es der Horror», berichtete Scheib kürzlich dem Blick.
Diese schwierige Zeit ist aber längst hinter ihr. Heute gehört die ausgebildete Polizistin, die sich vorstellen kann, dereinst in den Beruf zurückzukehren, endlich zur absoluten Weltspitze. Das hat viel damit zu tun, dass sie zur Konstanz gefunden hat. Gerade zu Beginn ihrer Karriere schied sie häufig aus. In dieser Weltcupsaison war das noch zweimal der Fall, aber wenn sie in ihrer Paradedisziplin ins Ziel kam, wurde sie immer mindestens Zweite. «Ich war früher zu wild. Heute fahre ich mit mehr Köpfchen», sagt die Österreicherin dazu.
Ausserdem hat sie gelernt, mit Druck umzugehen. «Es gab Zeiten, da dachte ich, dass das bei mir vielleicht nie kommt», erzählt Scheib. Mit einem Mentaltrainer arbeitete sie deshalb aber nicht. Sie sagt: «Ich stehe am Start, ich habe es in der Hand. In dem Moment kann mir kein Experte weiterhelfen.» So hat sie sich selbst Wege gesucht, um sich von nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Beim Saisonauftakt in Sölden, als sie als Führende in den zweiten Lauf startete, zeigte sie eindrücklich, dass dies geklappt hat.
«Das war eine riesige Drucksituation für mich», so Scheib, die ihren deutlichen Vorsprung verwaltete und den ersten Weltcupsieg holte. Dies sei auch für den weiteren Saisonverlauf sehr wichtig gewesen, erklärt sie und fügt an: «Das dann zu bestätigen, war aber noch entscheidender.» In Copper Mountain wurde sie Zweite, bevor sie in Tremblant ausschied, nur um am nächsten Tag an selber Stelle zu triumphieren. «Da war der Knoten geplatzt und ich wusste: Ich kann öfter gewinnen.»
Eine grosse Rolle bei ihrem Erfolg spielen die erfahrenen Coaches im ÖSV-Team. «Sie haben eine irrsinnige Ruhe gebracht und ich habe gemerkt, dass mir das sehr gutgetan hat», so Scheib. Ebenfalls wichtig sei ihr Manager Michael Schiendorfer. Der 58-jährige Schweizer betreut unter anderem Marco Odermatt schon seit Jahren. Und seit letztem Sommer arbeitet er eben mit Scheib zusammen.
«Es hat gleich harmoniert», berichtete die Skifahrerin gegenüber der Kronen Zeitung. Schiendorfer helfe ihr vor allem bei Medien- und Sponsorenterminen, wo sie gut durch den Tag geführt werde. Aber «auch bei einigen Rennen hält er mir die Wege kurz – so wird mir keine Energie geraubt und ich kann besser performen».
Dies macht sich in dieser Saison mehr als ausbezahlt. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt aber. Bei den Olympischen Spielen vergab sie eine Medaille auch, weil ihr per Funkspruch eine langsamere Linie vorgegeben wurde, als sie zunächst fahren wollte. Am Ende wurde sie mit sieben Hundertstelsekunden Rückstand auf das Podest Fünfte.
«Für mich ist es immer noch ein schwieriges Thema», sagt Scheib vor ihrem letzten Saisonrennen, da sie an dem Tag in hervorragender Verfassung – mental wie körperlich – gewesen sei. Ganz verdaut hat sie die Enttäuschung noch nicht, doch will sie nach vorne schauen. Denn: «Wenn man zu lange daran hängenbleibt, kann einen das auffressen.»
Und ihr grosses Ziel hat Scheib ja erreicht. Schliesslich habe sie die Riesenslalom-Kugel gegenüber einer Medaille bei einem Grossanlass stets bevorzugt. «Die war für mich ja immer ganz weit weg, weil mir in den letzten Jahren immer die Konstanz gefehlt hat.» Dass es nun über eine ganze Saison so hervorragend geklappt hat, «ist noch immer etwas surreal für mich».
Ab nächstem Jahr will Scheib dann auch regelmässig im Super-G, wo ihr Bestergebnis bei sieben Weltcupauftritten bisher ein 21. Platz ist, starten. Der Ankündigung lässt sie eine Warnung an die Konkurrenz folgen: «Ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht am Limit bin.»
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