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Tennis: WTA kehrt trotz verschwundener Peng Shuai nach China zurück

FILE - China's Peng Shuai reacts during her first round singles match against Japan's Nao Hibino at the Australian Open tennis championship in Melbourne, Australia on Jan. 21, 2020. Chinese  ...
Wo Peng Shuai ist und wie es ihr geht, ist unbekannt, trotzdem kehrt die WTA nach China zurück.Bild: keystone

Verschwundene Peng Shuai scheint vergessen – WTA mit «kompletter Kapitulation» vor China

Als wäre nichts gewesen: Nach ihrem Rückzug vor zwei Jahren ist die Frauen-Tennistour zurück in China. Wie es Peng Shuai geht, weiss niemand – und es scheint auch nicht mehr zu interessieren.
18.09.2023, 19:5718.09.2023, 19:57

Es ist der 1. Dezember 2021, da sonnt sich die Frauen-Tennisvereinigung WTA im Scheinwerferlicht. «Ich sehe nicht, wie ich von meinen Spielerinnen guten Gewissens verlangen kann, an Turnieren in China teilzunehmen, wenn Peng Shuai nicht erlaubt wird, offen zu kommunizieren», spuckte Steve Simon, CEO der WTA, grosse Töne und kündigte die Suspension sämtlicher Turniere in China an. Dafür gab es weltweit viel Lob. Nicht einmal zwei Jahre später ist dieses Gewissen kein Hindernis mehr.

Anfang November 2021 hatte die damals 35-jährige Peng, ehemalige Nummer 1 im Doppel und US-Open-Halbfinalistin 2014 im Einzel, in einer Mitteilung im sozialen Netzwerk Weibo happige Vorwürfe gegen den ehemaligen chinesischen Vize-Premierminister Zhang Gaoli erhoben. Sie sei vom 39 Jahre älteren, einflussreichen Ex-Politiker zu einer sexuellen Beziehung genötigt worden. Wenig später war der Post verschwunden, auch Peng selber verschwand von der Bildfläche.

FILE - WTA Chairman and CEO Steve Simon sits for an interview during the WTA Finals tennis tournament in Fort Worth, Texas, Tuesday, Nov. 1, 2022. The women?s professional tennis tour is ending its su ...
WTA-CEO Steve Simon.Bild: keystone

Suspension ohne Konsequenzen

Es folgten einige, mutmasslich ebenfalls nicht ganz freiwillig gemachte Fotos und Videos der chinesischen Tennisspielerin in inländischen Publikationen sowie ein angebliches Mail Pengs an die WTA. Diese äusserte jedoch Zweifel an deren Echtheit. Deshalb gab Simon den Rückzug der WTA aus China bekannt. Ein starkes Signal, das damals keine grossen Auswirkungen hatte, weil China sich wegen der Corona-Pandemie sowieso abschottete und ausser den Olympischen Winterspielen 2022 keine internationalen Sportanlässe durchführte.

Seit diesem Jahr sind diese wieder möglich, und die WTA kehrt in den lukrativen Markt zurück, obwohl es – wie sie selber zugibt – «keinerlei Zeichen» gibt, dass sich die Situation verändert habe. Sprich: China hat keine unabhängige Untersuchung von Pengs Vorwürfen zugelassen und die WTA hatte keine Möglichkeit, privat mit der Spielerin zu sprechen, die im Februar 2022 erklärte, zurückgetreten zu sein. Man sei zum Schluss gekommen, dass man die Ziele nicht erreichen werde, und wolle nicht, dass die Spielerinnen den Preis bezahlen müssten. Man will doch nicht auf das Geld aus China verzichten, jetzt wo es wieder fliesst.

Guangzhou, wo auch die Schweizerin Viktorija Golubic im Einsatz steht, macht diese Woche den Anfang, in den kommenden Wochen folgen sechs weitere WTA-Turniere, darunter Peking, eines der fünf grössten und obligatorischen Events der WTA. Das ist nur eines weniger als 2019 vor Corona und der Causa Peng, als auch noch das Frauenmasters in Shenzhen stattfand.

Komplette Kapitulation

«Unser Standpunkt ist wichtiger als das Geschäft», hatte Steve Simon von der WTA ursprünglich getönt. Nun sei es eine «komplette Kapitulation», stellt der in China basierte Sportanalyst Mark Dreyer gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP fest. «Da wäre es fast besser gewesen, wenn sie gar nie Position bezogen hätten.» Am Ende seien die Einnahmen, die das Frauentennis in China generiere, einfach zu wichtig, erklärt Lionel Maltese, Dozent an der Universität von Aix-Marseille in Südfrankreich und Organisator des ATP-Turniers in Marseille.

Viktorija Golubic SUI - 2023 US Open - Tennis Championships, 24.8.2023, New York USTA Billie Jean King National Tennis Center, United States, *** Viktorija Golubic SUI 2023 US Open Tennis Championship ...
Viktorija Golubic hat sich in Guangzhou fürs Hauptfeld qualifiziert.Bild: www.imago-images.de

Von Seiten der Männertour gab es gar nie die Absicht, sich aus dem «Reich der Mitte» zurückzuziehen. «Es gibt in Fragen der Ethik keinerlei Leadership unter den Tennisspielerinnen und -spielern», sagt Maltese. «Heute bezieht fast keiner mehr Position in solchen Fragen. Die Zeiten von Muhammad Ali oder Arthur Ashe sind längst vorbei.»

Es wird spannend sein zu sehen, ob Peng Shuai in den kommenden Wochen mal bei einem Turnier in China auftauchen wird. Und wenn ja, ob sie auch kritische Fragen beantworten darf. Für die WTA ist das allerdings nicht mehr wirklich von Bedeutung. (nih/sda)

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quelle: keystone / kiyoshi ota
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