«Ich hatte ständig das Gefühl, zu ersticken»: Nadal legt ein erschütterndes Geständnis ab
Sportlich ist es ein Moment von historischer Wucht, als Novak Djokovic Rafael Nadal am 3. Juni 2015 an dessen 29. Geburtstag im Viertelfinal der French Open bezwingt. 15'000 Menschen verfolgen das Spiel auf dem Court Philipp Chatrier, Millionen rund um den Globus vor den Fernsehern.
Rituale gaben ihm Sicherheit
Doch nur ganz wenige wissen, welch inneren Sturm der Spanier, für die Augen der Weltöffentlicheit verborgen, erlebt und wie sehr er in Paris mit sich und seinen inneren Dämonen ringt. An seine Ticks hat sich das Publikum längst gewöhnt: Wie er zwischen den Ballwechseln keinen Fuss auf eine Linie setzt. Wie er mit dem Handtuch den Schweiss aptropft. Wie er an Hosen, Leibchen und Haaren zupft. Wie er seine Flaschen anordnet.
Es sind Rituale, die er sich abgewöhnen wollte, weil er sich schämte, wenn er sich im Fernsehen sah. Das erzählt der bald 40-Jährige in der vierteiligen Dokumentation «Rafa», die seit Freitag auf Netflix läuft. «Aber ich habe es nicht geschafft. Ich habe sie gebraucht, um mich abzugrenzen», sagt Nadal.
Die spezielle Beziehung mit Onkel Toni
Abzugrenzen vom Druck und Stress, dem er seit Kindsbeinen ausgesetzt war – von seinem Onkel und Trainer Toni, der ihn betreute, seit er vier Jahre alt war. Das hatte System: Es sollte Nadal auf die Spiele vorbereiten.
Lange geht das gut, sehr lange. Nadal gewinnt Grand-Slam-Turniere, wird die Nummer 1 der Welt, einer der erfolgreichsten Spieler der Geschichte.
Bis er nicht mehr kann, bis alles zu viel wird. «Er hatte immer Ängste, vor allem zu dieser Zeit. Er musste immer eine Flasche Wasser dabei haben, weil er glaubte, zu ersticken», erinnert sich Francisca Perello, heute seine Frau. «Wenn ich keine Flasche in der Hand hatte, konnte ich nicht mehr schlucken. Mein Hals wurde trocken und ich hatte das Gefühl, an meiner Spucke zu ersticken», legt Nadal jetzt ein erschütterndes Geständnis ab.
Als Nadal zum Psychiater musste
Nadal fühlt sich kraftlos, hilflos und zunehmend verzweifelt. «Ich habe versucht, mich selbst davon zu überzeugen, dass es besser wird. Doch es wurde nicht besser.» Er will die Saison abbrechen und eine längere Auszeit nehmen, doch sein Trainer und Onkel Toni stellt sich dagegen. «Er war der Meinung, dass ich mich am besten erhole, wenn ich Tennis spiele.»
Dabei steht er am Ursprung von Nadals mentaler Notlage, wie Sitzungen beim Psychiater offenbaren. «Ich stand dauernd unter Stress, musste in all den Jahren Höchstleistungen bringen.» Trotzdem nimmt er seinen Onkel in Schutz. «Die Beziehung war nicht schlecht. Ich bin dem Weg gefolgt, den mir Toni gewiesen hat. Und ich denke, es war der richtige Weg», sagt er.
Eine Krankheit bedrohte seine Karriere
Dennoch entscheidet sich Nadal, mit Carlos Moya einen weiteren Trainer zu engagieren. Rafael Nadals Vater Sebastian, Tonis Bruder, teilt ihm die Entscheidung mit. «Ich hätte es nicht übers Herz gebracht. Ich hatte Angst, dass es ihn verletzen würde.» Es ist einer von vielen intimen Momenten.
Ein anderer ist, als Nadal 2005 erfährt, dass er am Müller-Weiss-Syndrom leidet. Die degenerative Knochenkrankheit führt zu einer Deformation des Kahnbeins im Mittelfuss und hätte auch das Ende seiner beeindruckenden Karriere bedeuten können, bevor sie richtig begonnen hatte. Eine spezielle Schuheinlage bedeutet die Rettung, die Schmerzen begleiten ihn weiter.
Exzessiver Konsum von Schmerzmitteln
Der Spanier bekämpft diese mit Medikamenten und immer drastischeren Mitteln. Als er 2022 zum 14. Mal die French Open gewinnt und seinen 22. und letzten Grand-Slam-Titel feiert, lässt er sich den Fuss vor jedem Spiel betäuben. Der exzessive Konsum von Entzündungshemmern führt zu zwei Darmperforationen. Ein Darmdurchbruch ist potenziell lebensbedrohlich.
Nur Erfolg, der erkämpft, erduldet und erlitten ist, so Nadals Überzeugung, ist wahrhaftig. Wäre es anders gewesen, glaubt er, hätte er ein Dutzend weniger Grand-Slam-Turniere gewonnen. Doch «die Freude, die ich daran hatte, das zu tun, was ich liebte, und die Begeisterung, es weiterzumachen, überwogen alles andere», sagt der Spanier. Auch Leiden und Schmerzen.
Nadal: «Bin kein Sieger, sondern Kämpfer»
Bis zu seinem Rücktritt 2024 prägte Nadal mit Roger Federer und Novak Djokovic während zweier Jahrzehnte eine Ära des Männertennis. Federer gewann 20 Grand-Slam-Titel, Nadal 22, Djokovic steht bei 24. Anders als seine Rivalen ging Nadal nie mit dem Selbstverständnis auf den Platz, der Beste zu sein. «Ich bin kein Sieger, ich bin ein Kämpfer», sagt er selber.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Jedes der vier Grand-Slam-Turniere hat Rafael Nadal mindestens einmal gewonnen. 92 Titel zieren sein Palmarès, 63 davon auf Sand. Während 209 Wochen stand er an der Spitze der Weltrangliste, gewann Olympia-Gold im Einzel und im Doppel.
Die Rivalität mit Roger Federer
Und doch schwingt bei ihm immer diese Frage mit: Was, wenn er nicht so oft verletzt gewesen wäre? Was, wenn er nicht so viele Turnier verpasst hätte? Nadal stellt sie sich nicht. Er sagt: «Tennis war für mich ein Rennen gegen die Zeit. Ich wusste nie, wie lange meine Karriere dauern wird.»
Sie dauerte länger, als er gedacht hatte. 40 Mal duellierte er sich mit Roger Federer. Es ist eine der faszinierendsten Rivalitäten der Sportgeschichte, die das Männertennis während Jahrzehnten in Atem hielt. Zwischen 2006 und 2017 trafen sie neunmal in einem Grand-Slam-Final aufeinander, viermal in Paris, wo Federer immer verlor, zweimal in Melbourne (1:1), und dreimal in Wimbledon, wo Federer zweimal gewann, Nadal einmal.
Wimbledon-Final 2008 als Höhepunkt
2008 war es, als die beiden in Wimbledon zum dritten Mal in Folge im Final standen, kurz nachdem Federer in Paris eine klare Niederlage (1:6, 3:6, 0:6) hatte hinnehmen müssen. Dunkle Wolken lagen über dem Center Court und die äusseren Umstände verliehen dem Spiel eine fast biblische Dimension. Das Duell zweier Rivalen, beide im Zenit ihrer Schaffenskraft.
Den ersten Final hatte Federer in vier Sätzen gewonnen, den zweiten in fünf. «Danach sass ich alleine in der Umkleide und habe geweint. Ich habe gedacht, dass ich Wimbledon vielleicht nie gewinnen werde», sagt Nadal. «Jemanden wie Roger vor mir zu haben, hat meinen Weg klarer gemacht. Ich wusste, dass ich bei allem ans Limit gehen muss, um ihn zu besiegen.»
Im immer wieder von Regenschauern unterbrochenen Final 2008 gewinnt Nadal die ersten beiden Sätze jeweils mit 6:4, Federer sichert sich den dritten im Tiebreak, ehe der Spanier im Tiebreak des vierten mit 5:2 führt und zu zwei Matchbällen kommt, die er allerdings nicht verwerten kann.
Vor dem fünften Satz kommt es erneut zu einer Unterbrechung. Das Momentum liegt nun bei Federer. Doch als Toni Nadal einen geknickten Neffen in der Kabine erwartet, entgegnet dieser wild entschlossen: «Ich werde nicht verlieren und alles geben. Roger kann mich schlagen, aber ich werde kein Verlierer sein. Ich werde bereit sein, mehr zu leiden als er.»
Um 21.15 Uhr Londoner Zeit, nach 4:48 Stunden Spielzeit, der Filzball ist wegen der hereinbrechenden Dunkelheit kaum mehr zu sehen, nutzt Nadal seinen vierten Matchball und setzt sich mit 6;4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7 durch. Damit beendet er die seit 2003 andauernde Siegesserie Federers, siegt erstmals in Wimbledon, als erster Spanier seit Manuel Santana 1966.
Knapp neun Jahre später sollten sich der damals 35-jährige Federer und Nadal bei den Australian Open ein letztes Mal im Final eines Grand-Slam-Turniers gegenüberstehen, diesmal mit dem besseren Ende für Federer.
Aus Rivalen, die sich respektieren, sind Freunde geworden, die auch miteinander weinen. Wie im Herbst 2022, als ein ikonisches Bild entsteht, das ihre Karrieren überdauert. Federer und Nadal, beide aufgelöst in Tränen, nachdem sich der Schweizer im Rahmen des Laver Cups in London, vom Tennis verabschiedet hatte – in einem Doppel mit Nadal.
Von Rafael Nadals Karriere, das zeigt die Dokumentation «Rafa», bleibt die Erkenntnis, dass er nicht trotz Ängste und Schmerzen gewann. Sondern indem er lernte, sie als Teil von sich zu begreifen und mit ihnen zu leben.

