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Sepp Kuss vor Triumph an Vuelta – der Edelhelfer bezwingt die Favoriten

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Fühlt sich im roten Trikot richtiggehend wohl: Sepp Kuss.Bild: imago

Sepp Kuss vor Triumph an Vuelta – ein Edelhelfer stolpert den Favoriten in die Parade

Aller Voraussicht nach erreicht Sepp Kuss Madrid am heutigen Sonntag als Gesamtsieger der Vuelta. Dabei erwartete der US-Amerikaner diesen Erfolg nicht einmal selbst.
17.09.2023, 03:5217.09.2023, 12:23
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Eigentlich war das so alles nicht geplant. «Ich bin in der Erwartung hierhergereist, meinen Teamkollegen zu helfen», sagte Sepp Kuss nach der 17. Etappe vom Mittwoch. Umso schöner sei es deshalb, dass er das rote Trikot des Gesamtleaders an der Vuelta a España tragen durfte. Zu diesem Zeitpunkt musste sich der US-Amerikaner noch um dieses sorgen – er dachte gar, er hätte es bereits verloren.

Jonas Vingegaard und Primoz Roglic, beide wie Kuss beim Team Jumbo-Visma unter Vertrag, hatten den Rückstand auf den Leader verkürzt und vor allem der Däne wurde ihm immer gefährlicher. Doch der 29-jährige Kuss behielt die Führung und wird am heutigen Sonntag aller Voraussicht nach zum grössten Triumph seiner Karriere fahren.

Denn ab der viertletzten Etappe am Donnerstag verzichteten Vingegaard und Roglic auf Angriffe auf ihren Teamkollegen. Zuvor war viel Kritik auf die beiden und auch ihr Team eingeprasselt. Aus Sicht einiger ehemaliger Radprofis habe es von Respektlosigkeit und Undankbarkeit gezeugt, dass die beiden eigentlichen Team-Leader für ihren sonst so loyalen Helfer nicht zurückstecken und ihm den Erfolg nicht gönnen wollten.

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Jonas Vingegaard und Primoz Roglic (r.) bilden das eigentliche Spitzen-Duo vom Team Jumbo-Visma.Bild: imago

Die Stars werden zu Helfern

Dann erfolgte aber doch noch der Strategiewechsel, Jumbo-Visma gab einen Nichtangriffspakt aus und Vingegaard sowie Roglic stellten sich in den Dienst des Teamkollegen – so wie es dieser zuvor immer tat. Eigentlich fungiert Kuss als einer der besten Zuarbeiter nämlich im Hintergrund. In dieser Aufgabe ist der Wahl-Andorraner einer der besten.

Ohne den Edelhelfer wären gemäss vieler Experten weder Roglics Erfolge an den Spanien-Rundfahrten zwischen 2019 und 2021 und am Giro d'Italia im vergangenen Mai noch Vingegaards Triumphe an der Tour de France in den letzten beiden Jahren möglich gewesen. Dass Kuss nun seinerseits – sorry – zum Handkuss kommt, sei nur folgerichtig und verdient.

Ganz ohne Zufälle ist seine Führung aber nicht entstanden. Denn einzig auf der 6. Etappe, auf der ihn die Favoriten gewähren liessen, gewann Kuss gegenüber Vingegaard wirklich Zeit. Es war der einzige Etappensieg von Kuss an der dreiwöchigen Rundfahrt. Um 2:52 Minuten distanzierte Kuss den Dänen und auch den Slowenen Roglic dort. Zwei Tage später übernahm Kuss die Führung in der Gesamtwertung.

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Auf der 6. Etappe fuhr Sepp Kuss allen davon – und distanzierte die Konkurrenz entscheidend.Bild: keystone

Vom Überraschungsleader …

Dabei kam ihm auch entgegen, dass Vingegaard in der ersten Woche noch mit Magenproblemen zu kämpfen hatte und während einer Etappe gar eine Toilettenpause im Gebüsch einlegen musste, wie er später erzählte. In der Folge vergrösserte Überraschungsleader Kuss den Vorsprung auf die Konkurrenz stetig – Gefahr drohte ihm nur von den immer näherkommenden Vingegaard und Roglic.

Mit ihren Attacken auf den eigentlichen Edelhelfer verstiessen die beiden zwar gegen ein ungeschriebenes Radsport-Gesetz, doch sah Kuss darin anders als viele Fans und Experten kein Problem. «Ich will den Sieg nicht geschenkt bekommen. Das ist nicht Sport», sagte er, nachdem sein Vorsprung auf Vingegaard auf unter eine halbe Minute geschmolzen war. Als Kuss am Folgetag am Angliru, einem der härtesten Pässe Europas, merkte, dass er nicht mit seinen Teamkollegen mithalten könne, gab er Roglic und Vingegaard gar das «Go» für einen Angriff.

Am Angliru musste Kuss seine Teamkollegen ziehen lassen.Video: YouTube/GCN Racing auf Deutsch

Dass sich Kuss auf dem bis zu 24 Prozent steilen Schlussanstieg der 17. Etappe nicht komplett abhängen und in der Gesamtwertung überholen liess, hatte dann vorentscheidenden Charakter. Denn wie Kuss später sagte, hatten sich das Team und die drei Spitzenfahrer auf zwei Strategien geeinigt: «Eine bis zur Angliru-Etappe und eine für danach.»

… zum grössten Erfolg seiner Karriere

In der Folge ging es nur noch darum, «Sepp zu beschützen», wie Vingegaard sagte. «Die Jungs haben einen grossartigen Job gemacht und sind wunderbar für mich gefahren», bedankte sich Kuss, dessen beste Platzierung an einer der drei wichtigsten Rundfahrten der achte Rang an der Vuelta 2021 war, für die Hilfe seiner Teamkollegen. Diese wird ihm wohl auch auf der Schlussetappe sicher sein.

Geschmälert wird der Erfolg durch die Unterstützung des eigentlichen Spitzen-Duos, das gleichzeitig die Plätze 2 und 3 in der Gesamtwertung verteidigen soll, aber nicht. Obwohl am Ende einer Rundfahrt nur einer den ganzen Ruhm einheimsen kann, ist der Radsport ein Teamsport und benötigen selbst die erfolgreichsten Fahrer gute Helfer.

Vuelta Espana 2023 - 14/09/2023 Vuelta Espana 2023 - 78th Edition - 18th stage Pola de Allande - La Cruz de Linares 178,9 km - 14/09/2023 - Sepp Kuss USA - Jumbo - Visma - photo Rafa Gomez/SprintCycli ...
Sepp Kuss dürfte für seine Beständigkeit belohnt werden – als einziger des Jumbo-Visma-Trios bestritt er in diesem Jahr Giro, Tour de France und Vuelta.Bild: www.imago-images.de

Erreicht Kuss Madrid heute tatsächlich als Gesamtführender, wäre es der mit Abstand grösste Erfolg in der Karriere des Mannes aus Colorado. Die Vuelta ist eines der renommiertesten Rennen im Radsport nach der Tour de France, neben dieser und dem Giro ist die Spanien-Rundfahrt die einzige Grand Tour im Rennkalender. Mit dem Triumph an einer solchen geht automatisch grosses Renommee einher. Nachdem er seinen Teamkollegen bereits mehrmals zu grossem Ruhm verholfen hat, steht Sepp Kuss dann also für einmal nicht im Hintergrund.

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    avatar
    dot..
    17.09.2023 08:12registriert Januar 2018
    Sehr schön von Vingegaard und Roglic! Edelhelfer Kuss hat sich diesen Triumph mehr als verdient und wird sich nun wiederum bei den nächsten grossen Touren retournieren und sich bis zur letzten Sekunde aufopfern.
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