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Rad-WM in Zürich: Caroline Baur startet für verstorbenen Bruder Felix

Radfahrerin Caroline Baur startet an der Weltmeisterschaft in Zürich für die Schweiz.
Radfahrerin Caroline Baur startet an der Weltmeisterschaft in Zürich für die Schweiz.Bild: Severin Bigler

«Mein Schutzengel»: Caroline Baur startet an der Rad-WM auch für ihren verstorbenen Bruder

Caroline Baur verlor ihren Bruder vor zehn Jahren bei einem tragischen Velounfall – nun startet sie an der Rad-WM in Zürich. Sie sagt: «Felix wäre stolz auf mich.»
25.09.2024, 19:43
Raphael Gutzwiller / ch media
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Wenn Caroline Baur in Uster am Samstag für das WM-Strassenrennen an den Start geht, dann ist sie in Gedanken bei ihrem Bruder Felix. «Irgendwie fahre ich immer für ihn. Ich weiss, dass er stolz auf mich wäre.» Eigentlich wäre es möglich gewesen, dass auch Felix an der Rad-WM in Zürich am Start gestanden wäre. «Er war ein superstarker Fahrer, und diese Strecke wäre ihm entgegengekommen», sagt Caroline Baur.

Rückblende in den Dezember 2013. Zu der Zeit ist Felix Baur ein grosses Schweizer Velotalent. Der 21-Jährige bereitet sich in einem Trainingslager im spanischen Alicante auf die Saison vor. Doch am letzten Tag passiert es: Er wird von einem Auto angefahren.

Eine halbe Stunde vor dem Unfall schreibt er noch mit seiner Schwester Caroline. Er freue sich auf die Heimkehr. Und er fragt, ob er überhaupt nochmals trainieren soll. «Ich habe ihm geschrieben, er solle doch. Schliesslich hatten wir hier in der Schweiz schlechtes Wetter und für ihn war es ja der letzte Tag seines Trainingslagers.»

Galt als grosses Velotalent: Felix Baur 2011 bei einem Sieg beim GP Luzern.
Bild: Boris Bürgisser

Am Unglückstag hat die jüngere Schwester von Caroline und Felix eine Abschlusspräsentation in der Schule. «Mein Vater, sie und ich waren dort, während unsere Mutter auf einem Weihnachtsmarkt in Deutschland war. Dann wollten meine Schwester und ich noch in die Stadt, mein Vater fuhr nach Hause. Später meldete er sich, dass er schon im Flieger nach Spanien sitze. Felix sei schwer gestürzt.»

Am Tag darauf fliegt die Familie nach. Felix liegt im Koma, die Familie darf ihn nur kurz sehen. «Es war krass. Wenn wir mit ihm geredet haben, haben sich die Werte verändert. Irgendwie hat er gemerkt, dass wir da sind», erzählt Caroline Baur. Mit der Rega fliegt die Familie zurück. Vier Tage nach dem Unfall verstirbt Felix Baur in Winterthur am 22. Dezember 2013 mit nur 21 Jahren.

Der Verlust des grossen Bruders und des besten Freunds

Für Caroline Baur ist der Verlust ein grosser. Sie bezeichnet ihren um zwei Jahre älteren Bruder als besten Freund. Sie teilten sich den Freundeskreis, den beruflichen Werdegang und den Radsport.

Caroline befindet sich mitten in den Vorbereitungen für ihre Lehrabschlussprüfungen (LAP) als Kauffrau. Manchmal hat sie ganze Filmrisse, vergisst, was sie getan hat. Sie streicht in ihren Unterlagen Dinge an und macht Notizen. «Am nächsten Tag war es, als hätte es jemand anderes geschrieben», so Baur. Nur dank der guten Vornoten besteht sie die LAP doch noch.

Zum Radsport ist sie durch Felix gekommen. Früher machte sie Leichtathletik. «Dann war das Velo von Felix zu klein, und alle haben gesagt, ich solle es mal probieren», erzählt sie. Felix Baur wird für seine Schwester auch zu einem Motivator. «Ich hatte schon immer Probleme mit dem Selbstvertrauen, und er hat mir immer Mut zugesprochen.» Heute sagt Caroline Baur, dass sie ohne den Tod ihres Bruders erfolgreicher gewesen wäre.

Einige ihrer Freunde können nicht verstehen, dass sie nach dem Tod von Felix weiter Rad fährt. Doch Caroline Baur bezeichnet das Velofahren als «unser Ding». «Ich habe so viel Schönes mit Felix beim Velofahren erlebt, deshalb wollte ich nicht, dass mir das auch noch genommen wird.»

Caroline Baur, links, und Noemi Rueegg, rechts, bei der Praesentation der neuen Trikots an der Eroeffnungsmedienkonferenz von Swiss Cycling zur Rad-WM in Zuerich, am Samstag, 21. September 2024 in Zue ...
Caroline Baurs Aufgabe ist es, im Strassenrennen auch Noemi Rüegg (rechts) zu unterstützen.Bild: keystone

Heute spricht sie von Schicksal, wenn sie über den tödlichen Unfall spricht, bei dem Felix Baur keine Schuld traf. «Er hätte an dem Tag über den Fussgängerstreifen laufen können und das Gleiche wäre passiert. Das probiere ich mir zumindest einzureden.»

Caroline Baur nimmt 2014 ein Angebot des Schweizer Frauen-Profiteams Bigla an. Ein Fehler. Der Teamchef schikaniert Baur, sagt, sie sei zu dick. Mitten in der Saison hört sie auf.

In den USA fängt sie neu an und entdeckt die Liebe zum Radsport neu. Drei Jahre lang fährt sie in Amerika Rennen, ehe sie in die Schweiz zurückkehrt. Inzwischen wohnt sie in Winterthur, aufgewachsen ist sie im zürcherischen Elgg. Geboren wurde Caroline Baur im deutschen Rheinfelden an der Grenze zur Schweiz. Im Interview spricht sie Hochdeutsch, «obwohl ich eigentlich perfekt Schweizerdeutsch spreche».

Seit dieser Saison ist Baur im Radsport eine Einzelkämpferin. Sie löste ihren noch gültigen Vertrage mit dem Team Israel Premier Tech Roland auf. Zu schlecht lief das letzte Jahr, zu schwach war die Rückendeckung vom Team. Immer wieder fiel die Schweizer Meisterin von 2022 im letzten Jahr mit Covid aus, konnte manchmal wochenlang nicht trainieren. «Leider fehlte es da am Verständnis und an der Unterstützung vom Team.»

«Ich sehe Ähnlichkeiten zwischen Felix und Gino»

Das Verständnis fehlt auch an einem Tag, an dem die Radsportwelt aus den Fugen gerät. Am Albulapass stürzt der Schweizer Topfahrer Gino Mäder während der Tour de Suisse schwer. Er erliegt am 16. Juni 2023 seinen Verletzungen. Als Caroline Baur davon erfährt, zieht es ihr den Boden unter den Füssen weg.

Zu viel erinnert sie an ihren Bruder Felix. «Ich sehe viel Ähnlichkeiten zwischen Felix und Gino. Ich habe Gino leider nicht sehr gut gekannt, aber bei beiden wird gesagt, wie sozial, hilfsbereit und nett sie sind. Vielleicht hat es wirklich was, dass die Guten zuerst gehen müssen.»

Sie will auf ihren Start an der Tour de Suisse, der am Tag nach Ginos Todestag ist, verzichten. Doch ihr Teammanager verdonnert sie dazu, zu starten. Sie fährt los, ist aber neben sich.

Als es den Berg runtergeht, denkt sie über ihre Konkurrentinnen: «Warum fährt ihr denn alle so schnell? Erst vorgestern ist das mit Gino passiert!» Normalerweise gilt sie als gute Abfahrerin, aber an jener Tour de Suisse ist sie ängstlich. Sportlich schneidet sie schlecht ab. «Im Nachhinein hätte ich mich weigern sollen, zu fahren. Aber ich fühlte mich unter Druck.»

Nun ohne Team hat sie sich eigene Sponsoren gesucht und ein eigenes Trikot designt, das sie und ihr Freund Corey Davis tragen. Der US-Amerikaner war letzte Saison Veloprofi beim Team Q36.5, nun fährt er nur noch Gravelrennen. Caroline Baur fährt ebenfalls Gravelrennen, ist aber auch auf der Strasse aktiv. Sie fuhr zwar weniger Rennen, ist aber zufrieden mit ihren Resultaten. Grosses Pech hatte sie aber an der EM, als ihr ein Magen-Darm-Infekt so zusetzte, dass sie das Rennen aufgeben musste.

Hauptberuflich arbeitet Caroline Baur heute als Store-Managerin für die Velo-Kleidermarke Q36.5 und die Velomarke Pinarello. Noch immer habe das Velofahren aber oberste Priorität. «Ich habe immer die ganze Woche so durchgeplant, dass ich genug trainieren kann.»

Die Aufgabe von Caroline Baur im WM-Rennen vom Samstag ist es, die beiden Schweizer Teamleaderinnen Noemi Rüegg und Elise Chabbey zu unterstützen. Dabei wird sie immer mal wieder an Felix denken. Am Handgelenk trägt sie ein Tattoo, das sie an ihren Bruder erinnert. «Für mich ist Felix mein Schutzengel», sagt Caroline Baur. Irgendwie fahre er bei ihr auf dem Velo immer mit. (aargauerzeitung.ch)

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