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Analyse

Trump sagt: «Ich bin der Auserwählte» – und meint es ernst

Kein Witz: Der US-Präsident glaubt, er sei von Gott auserkoren.



Seit dem Rücktritt von Sarah Huckabee Sanders sind die Presse-Briefings der Trump-Regierung gestrichen. Stattdessen spielt sich auf dem Rasen vor dem Weissen Haus regelmässig folgende absurde Szene ab: Vor dröhnenden Helikopterrotoren brüllen Reporter dem Präsidenten Fragen zu – und dieser brüllt zurück.

Am vergangenen Mittwoch war nur eines noch absurder als die Szenerie: die Antworten des Präsidenten. Auf die Frage, wie es im Handelskrieg mit China weitergehe, entgegnete Trump: «Ich bin dazu auserwählt, die Chinesen in Schranken zu weisen.»

Nun könnte man das als Witz abtun, wenn auch als schlechten. Doch zuvor schon hatte Trump einen Tweet eines rechtsradikalen Verschwörungstheoretikers retweetet. Darin wird behauptet, Trump sei «wie der König von Israel» und kündige «die Rückkehr Gottes auf Erden» an.

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Trumps absurder «Choppertalk». Video: YouTube/Washington Post

Dass im Tanach nichts von einer zweiten Rückkehr Gottes auf Erden steht, ist dabei ein Detail. Die Juden sehen in Jesus bekanntlich nicht den Sohn Gottes und glauben daher auch nicht an seine Wiederkehr. Erstaunlich ist, dass der amerikanische Präsident persönlich diesen Unsinn weiterverbreitet.

Trumps grenzenloser Grössenwahn ist nicht neu. Schon im Wahlkampf 2016 hatte er behauptet, nur er könne die Probleme der USA lösen, und zwar alleine. Dazu spricht er regelmässig von sich in der dritten Person. («Niemand ist härter gegenüber Russland als Donald Trump.» Oder: «China hat totalen Respekt vor Donald Trump und für Donald Trumps sehr, sehr grosses Gehirn.»

Wer glaubt, dass im Weissen Haus nach der Russland-Affäre so etwas wie Ruhe einkehren würde, der muss nochmals über die Bücher. Selbst in den Sommerferien jagen sich die Ereignisse der bizarren Art.

epa07784080 Denmark's Prime Minister Mette Frederiksen gioves a statement on US President Trump's cancellation of his state visit in Copenhagen, Denmark, 21 August 2019. US President Trump announced on 21 August he will postpone an upcoming meeting with Danish Prime Minister Frederiksen due to her lack of interest in selling Greenland to the United States.  EPA/Mads Claus Rasmussen  DENMARK OUT

Von Trump als «böse» bezeichnet: die dänische Premierministerin Mette Frederiksen. Bild: EPA

Als das «Wall Street Journal» meldete, Trump wolle den Dänen Grönland abkaufen, glaubten alle an Fake News. Inzwischen hat sich die Grönland-Geschichte zu einer Staatsaffäre ausgeweitet: Trump will nämlich tatsächlich Grönland kaufen, so wie er haufenweise Golfplätze gekauft hat.

Weil die dänische Premierministerin Mette Frederiksen dieses Ansinnen als «absurd» bezeichnete, spielt Trump die beleidigte Leberwurst. Er bezeichnete Frederiksen nun als «böse» und grollte: «So spricht man nicht mit den Vereinigten Staaten, zumindest nicht, solange ich Präsident bin.» Den geplanten Staatsbesuch in Dänemark hat er abgeblasen.

Mit seiner Bemerkung, Juden, die demokratisch wählen, seien entweder «dumm oder illoyal», hat Trump zudem ein grosses, antisemitisches Fass aufgetan. Die amerikanischen Juden weisen zurecht darauf hin, dass der Vorwurf der doppelten Loyalität zum Standard-Repertoire der Judenhasser gehört.

Ganz offensichtlich hat sich Trump nicht mehr im Griff. Er streitet sich öffentlich mit seinem ehemaligen 10-Tage-Pressechef Anthony Scaramucci. Ja er legt sich gar mit Fox News an. Sein Lieblings- und Hofsender hatte es gewagt, für ihn unvorteilhafte Meinungsumfrage-Resultate zu veröffentlichen.

FILE - In this July 25, 2017, file photo, White House communications director Anthony Scaramucci walks back to the West Wing of the White House in Washington. Scaramucci claimed in a tweet on Aug. 9, 2017, the profanity-laced phone call that preceded his ouster from the White House was recorded by a reporter without his permission. (AP Photo/Pablo Martinez Monsivais, File)

Hat ins Widerstandslager gegen Trump gewechselt: Anthony Scaramucci. Bild: AP/AP

Die von vielen Ökonomen angedrohte Rezession setzt Trump offensichtlich zu. Immer wieder attackiert er den von ihm eingesetzten Präsidenten der Notenbank, Jerome Powell, und fordert ihn zu drastischen Zinssenkungen auf.

Gleichzeitig widerspricht Trump sich laufend. So liess er seine Wirtschaftsberater Larry Kudlow und Peter Navarro in den Sonntags-TV-Shows die frohe Botschaft verkünden, alles sei im grünen Bereich. Kurz liess er durchblicken, er denke über eine Senkung der Lohnnebenkosten (payroll tax) nach, um dies umgehend wieder zu dementieren.

Die offensichtliche Inkompetenz nervt inzwischen selbst seine Fans in der Wirtschaft. So kommentiert das «Wall Street Journal»:

«Mr. Trump ist auch verwirrt darüber, ob die Wirtschaft nun stark oder schwach sei, ob es mehr ökonomische Anreize braucht und selbst ob seine Handelsstreitereien mit dem Rest der Welt die Wirtschaft schwächen. Es ist daher kein Wunder, dass in diesem Klima der Unsicherheit die Investitionen zurückgehen.»

Die Folgen seiner Wirtschaftspolitik holen Trump ein. Seine Steuergeschenke an die Reichen haben keineswegs dazu geführt, dass sich – wie versprochen – die Staatseinnahmen erhöht haben. Das Congressional Budget Office hat soeben bekannt gegeben, dass sich das US-Staatsdefizit nochmals vergrössern und 2019 fast eine Billion (1000 Milliarden) Dollar betragen wird.

Trump könnte somit ein wirtschaftliches Wunder dringend gebrauchen. Ob er dabei auf Gott zählen kann, ist eher fraglich.

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Rücktritte und Entlassungen unter Trump

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Rücktritte und Entlassungen unter Trump
quelle: ap/ap / steven senne
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Was sagen Grönländer zum Kaufinteressenten Trump

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