Es herrscht Krypto-Winter – und keiner weiss, warum
Dass Krypto-Währungen zu Volatilität tendieren, hat sich herumgesprochen. Ja, die stark schwankenden Kurse machen Bitcoin & Co. gar für viele ihrer Fans besonders attraktiv. Schliesslich lässt sich mit der buy-the-dip-Methode trefflich Geld verdienen, vorausgesetzt, man behält die Nerven.
Gelegentlich kommt es jedoch zu eigentlichen Crashs – Krypto-Winter genannt –, die heftige Kurseinbrüche zur Folge haben. Das ist der Punkt, an dem für viele der Spass aufhört.
Zwei solche Winter gab es bisher in der kurzen Krypto-Geschichte: 2018 brach der Kurs von Bitcoin um 80 Prozent ein. 2022 folgte ein weiterer heftiger Kurseinbruch. Für beide Crashs gab es einleuchtende Erklärungen. 2018 platzte eine Krypto-Blase, weil es zu viele Startups gab, die ausser leeren Versprechungen nichts vorzuweisen hatten. Der Zusammenbruch der Krypto-Börse FTX löste vier Jahre später den zweiten Crash aus.
Obwohl der Bitcoin-Kurs letzte Woche beinahe unter 60'000 US-Dollar fiel und damit rund die Hälfte an Wert eingebüsst hat – Ether erwischte es gar noch schlimmer –, gibt es diesmal keinen offensichtlichen Grund für die eisige Kälte, welche derzeit die Krypto-Szene erfasst hat. So erklärt beispielsweise Anthony Scaramucci, ein Krypto-Apologet und ehemaliger Pressesprecher von Donald Trump, gegenüber dem «Wall Street Journal»: «Fragt man fünf Expertinnen und Experten, erhält man fünf verschiedene Antworten.»
Das «Wall Street Journal» führt denn auch fünf mögliche Ursachen an:
- Zu viele neue glänzende Objekte: Der Krypto-Evangelist Anthony Pompliano erklärt dazu: «Bitcoin ist nicht mehr allein da. Jetzt haben wir KI und andere neue Möglichkeiten, um zu spekulieren.
- Zu grosses Angebot: Grundsätzlich dürfen nie mehr als 21 Millionen Bitcoin in den Umlauf geraten. Mit ETFs und anderen derivativen Instrumenten wird dieses Gebot jedoch unterlaufen.
- Ein neuer Sheriff in der Stadt: Trump will Kevin Warsh im Mai als neuen Präsidenten der US-Notenbank, der Fed, inthronisieren lassen. Dieser galt lange als Krypto-Skeptiker und Vertreter eines starken Dollars. Das löst in Krypto-Kreisen Ängste aus.
- Unklare Rahmenbedingungen: Ein Gesetz, wie Kryptos reguliert werden sollen, hat im US-Kongress noch keinen Kompromiss gefunden.
- Profit-Mitnahmen: Viele Spekulanten wollen die beträchtlichen Kursgewinne des letzten Jahres in bare Münze umwandeln.
Ein schwacher Dollar bildet die Basis für den Krypto-Winter. Die US-Währung hat seit dem Amtsantritt Trumps gegenüber einem Korb von ausgewählten anderen Währungen rund 10 Prozent an Wert eingebüsst, gegenüber dem Schweizer Franken sind es gar rund 15 Prozent. Trumps erratische Zollpolitik hat diese Abwertung und die damit verbundene Volatilität an den Finanzmärkten ausgelöst.
«In solchen Momenten fliehen die Investoren aus amerikanischen Wertpapieren, Aktien, Staatsanleihen und der Dollar verlieren an Wert», meldet der «Economist». «Was eigentlich typisch für die Märkte von Entwicklungsländern ist, hat sich in den letzten 52 Wochen sieben Mal abgespielt, dreimal so oft wie in den vergangenen Jahrzehnten.»
Die Unsicherheit und der schwächende US-Dollar haben dazu geführt, dass die Investoren die US-Finanzmärkte immer weniger als sichere Häfen betrachten. Darunter leiden auch die Kryptos.
Zunehmend verunsichert sind die Investoren auch, was die KI betrifft. Ob sich die gewaltigen Investitionen, die derzeit getätigt werden, dereinst auch auszahlen, wird inzwischen öfter in Zweifel gezogen. Selbst die kräftige Erholung an den Aktienbörsen vom vergangenen Freitag kann die Nerven der Anleger nur teilweise beruhigen, denn die Aktien von Amazon und Alphabet haben 5,6 respektive 2,5 Prozent eingebüsst.
Besonders pervers ist die Situation bei Software-Unternehmen. Ihre Aktien haben durchschnittlich 16 Prozent verloren. Grund: Es stellt sich heraus, dass KI besser und effizienter programmieren kann als Menschen. Die Software-Unternehmen sind somit im Begriff, sich selbst abzuschaffen, oder anders ausgedrückt: Sie begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Bald wieder Tauwetter?
Der Kurs der Kryptos hat sich bisher mehr oder weniger im Gleichschritt mit den Tech-Aktien bewegt. Sollte die Tech-Blase platzen, dann dürften Bitcoin & Co. erneut in Schwierigkeiten geraten. Trotzdem glauben die Fans, dass der aktuelle Krypto-Winter nur von kurzer Dauer sein wird. Ihre Hoffnung auf baldiges Tauwetter schöpfen sie aus der Tatsache, dass bisher noch kein wichtiges Unternehmen Konkurs anmelden musste, wie dies in der Vergangenheit der Fall war.
Jasper De Maere, Chefstratege der Krypto-Handelsfirma Wintermute, erklärt denn auch gegenüber dem «Wall Street Journal»: «Die Infrastruktur ist stärker geworden und die Stablecoin-Adaption nimmt zu. Das Interesse der Investoren kann sehr rasch zurückkehren.»
Andere hingegen sehen die Zukunft der Kryptos weit pessimistischer. Sie verweisen darauf, dass der aktuelle Wintereinbruch erfolgt sei, obwohl mit Trump ein Präsident im Weissen Haus sitzt, der alles unternommen hat, um die Kryptos zu fördern. Er hat veranlasst, dass eine Bitcoin Reserve angelegt wurde, hat verurteilte Krypto-Kriminelle begnadigt und zugelassen, dass die Geldmanager der Pensionskassen in Kryptos investieren dürfen.
In der «Financial Times» sieht Jemima Kelly im aktuellen Winter daher den Anfang vom Ende. «Das exzessive Selbstvertrauen der Bitcoiner war nie gerechtfertigt, unverantwortlich und dumm» stellt sie fest. «Seit seiner Geburt ist der Bitcoin auf einer Reise, auf der er am Ende zerstört am Boden liegen wird.»
