Wirtschaft
Analyse

Trumps bizarrer Flirt mit dem Antisemitismus

A man wearing a yarmulke with President Donald Trump face listens as Bradley Laye, president and CEO at the Jewish Federation of Greater Dallas, gives remarks during a community service of hope and he ...
Maga auf einer Kippa anstelle einer Baseball-Mütze.Bild: AP/The Dallas Morning News
Analyse

Trumps bizarrer Flirt mit dem Antisemitismus

Der Terroranschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh zeigt, wie zwiespältig das Verhältnis der Rechtskonservativen zu den Juden in den USA nach wie vor ist.
29.10.2018, 15:3030.10.2018, 06:36
Mehr «Wirtschaft»

Lou Dobbs ist Moderator beim Fox Business Network und ein glühender Verehrer von Donald Trump. Vergangene Woche hatte er Chris Farrell in seiner Show «Lou Dobbs Tonight». Farrell gehört zu einer Lobbygruppe der äussersten Rechten names Judical Watch. Ohne die geringsten Beweise vorzulegen, behauptete er, die Flüchtlingskarawane aus Honduras sei vom Hedge-Fund-Manager George Soros finanziert worden.

Der Auftritt provozierte einen Shitstorm in den sozialen Medien. Dobbs und Farrell wurden mit dem legendären antisemitischen Pamphlet «Protokoll der Weisen von Zion» verglichen. Darin wird die These von einer Verschwörung verbreitet, die das Ziel haben soll, eine jüdische Weltherrschaft zu errichten. Das Pamphlet wurde von unbekannten Autoren zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland verfasst. Auch die Nazis machten gerne davon Gebrauch.

FILE - In this Monday, Feb. 1, 1999 file photo, U.S. financier George Soros speaks during a press conference at the World Economic Forum in Davos, Switzerland. The mail bomb that showed up in the mail ...
Inbegriff eines Globalisten: George Soros am WEF in Davos.Bild: AP/AP

Es ist kein Zufall, dass Soros das Ziel der Attacken ist. Er war auch im Visier von Cesar Sayoc, dem mutmasslichen Bomben-Attentäter aus Florida; und er ist seit Jahrzehnten die Hassfigur der Rechten: «Der Name ‹George Soros› wird nicht mehr als Hundepfeife verwendet, sondern als Blaulicht-Sirene», schreibt das Magazin «New Yorker».  

(Anm. d. Verf.: Die Töne einer Hundepfeife werden von Menschen nicht gehört. Die Metapher wird daher verwendet, um auszudrücken, dass nur Eingeweihte wissen, was mit bestimmten Äusserungen gemeint ist.)

Activists from the Egyutt (Together) party tear down an ad by the Hungarian government against George Soros, in Budapest, Wednesday, July 12, 2017. The Hungarian government said Wednesday it will soon ...
Anti-Soros-Plakate in Ungarn.Bild: AP/ap

Soros entspricht dem Klischee der Antisemiten perfekt. Er ist Jude – als Kind entkam er den Nazis in Budapest nur knapp – und er hat an den Börsen mit waghalsigen Spekulationen ein Milliardenvermögen verdient. Den grössten Teil dieses Geldes steckt er in seine Open-Society-Stiftung, die sich weltweit für eine liberale Gesellschaftsordnung einsetzt.

Damit hat sich Soros die Rechten zum Feind gemacht. In Ungarn wird ihm von Premierminister Viktor Orban unterstellt, er wolle Europa den Muslimen überlassen. Auch andere Hassprediger des ehemaligen Ostblocks prügeln auf ihn ein. In der Schweiz ist er neuerdings ins Fadenkreuz von Roger Köppel geraten.

In den USA hat das Soros-Bashing der Rechten bereits Tradition. Der ehemalige Fox-News-Moderator Glenn Beck hat ihn schon vor Jahren zum Mittelpunkt einer Weltverschwörungs-Theorie gemacht, die geradewegs aus dem «Protokoll der Weisen von Zion» stammen könnte. Breitbart, das von Steve Bannon gegründete Online-Newsportal, hetzt regelmässig gegen ihn.

FILE - In this Wednesday Sept. 9, 2015, file photo, radio host Glenn Beck speaks during a Tea Party rally against the Iran deal on the West Lawn of the Capitol in Washington. SiriusXM announced May 31 ...
Stellte Soros in den Mittelpunkt einer Weltverschwörung: Glenn Beck.Bild: AP/AP

1790 hatte George Washington den Juden versprochen, sie müssten keine Angst haben. «Die Regierung der Vereinigten Staaten unterstützt den religiösen Fanatismus nicht», schrieb er in einem Brief an die Synagoge von Newport. «Mögen die Nachfahren von Abraham, die in diesem Land leben, die gute Nachbarschaft der anderen geniessen – und jedermann soll in Frieden und ohne Angst unter seinem Feigenbaum sitzen können.»

Dieses Versprechen ist in der amerikanischen Geschichte öfters gebrochen worden. Der Ku-Klux-Klan hat nicht nur Schwarze, sondern auch Juden verfolgt. In den Dreissigerjahren genossen die Nazis auch auf der anderen Seite des Atlantiks Sympathien. Bekanntester Vertreter war das Fliegerass Charles Lindbergh, der sich offen zu Hitler und den Nazis bekannte, und der zeitweise als Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde.

epa06946800 White supremacists and members of the alt-right march to the White House on the anniversary of last year's 'Unite the Right' rally in Washington, DC, USA, 12 August 2018. On ...
Vertreter der Alt-right-Bewegung demonstrieren vor dem Weissen Haus.Bild: EPA/EPA

Faschisten, die mit braunen Hemden und Hakenkreuz-Fahnen auftreten, gibt es in den USA nur wenige, und sie sind offensichtlich durchgeknallt. Die sogenannte Alt-rigth-Bewegung hingegen befindet sich im Aufwind. Sie setzen ebenfalls auf die Reinheit und die Überlegenheit der weissen Rasse. Ihr Antisemitismus ist jedoch weniger offensichtlich.

Gelegentlich bricht der Rassismus der zivilisierten Faschisten trotzdem durch. Als Trump die Wahl gewann, jubelte Richard Spencer, der Anführer der Alt-right-Bewegung: «Heil Trump», während seine Anhänger die Arme zum Hitlergruss erhoben. An der Alt-right-Demonstration in Charlottesville im vergangenen Sommer skandierten die Teilnehmer «Juden werden uns nicht ersetzen».

Trump hat ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den neuen Antisemiten. 2016 hatte er in seinem Wahlkampf Flyer verteilen lassen, in denen Fotos von George Soros, dem CEO von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein und der damaligen Präsidentin der Notenbank, Janet Yellen, zu sehen waren. Alles offensichtliche Anspielungen auf geldgierige Banken-Juden.

Trump: «Die Demokraten sind zu gefährlich, um sie regieren zu lassen»
Der wütende weisse Mob (Charlottesville)
«Tolle Typen»: «Juden werden uns nicht ersetzen», brüllten die Demonstranten in Charlottesville.  Bild: comments://201405352/1497753

Die Vorfälle in Charlottesville hat Trump nie eindeutig verurteilt, sondern davon gesprochen, es hätte bei den Demonstranten «auf beiden Seiten tolle Typen» gehabt. Schliesslich haben die antisemitischen Angriffe massiv zugenommen seit Trump im Amt ist. Gemäss Angaben der Anti-Defamation League waren es 57 Prozent.

Gleichzeitig ist Trumps Schwiegersohn Jared Kushner ein gläubiger Jude. Seine Tochter Ivanka ist zum jüdischen Glauben übergetreten und er ist Grossvater von jüdischen Enkeln. Ebenso ist Trump ein grosser Förderer Israels. Er hat die US-Botschaft nach Jerusalem verlagern lassen. Israel ist daher wahrscheinlich das einzige Land der Welt, in dem Trump mehr Freunde als Feinde hat.

Ivanka Trump and White House Senior Adviser Jared Kushner and their children Arabella, Joseph and Theodore Kushner, disembark Air Force One upon arrival at Morristown Municipal Airport, in Morristown, ...
Familie Kushner auf Reisen.Bild: AP/AP

Trump wird von den Antisemiten und von Israel gleichzeitig verehrt. Wie lässt sich dieser seltsame Widerspruch erklären? Israel spielt im Weltbild der Evangelikalen eine herausragende Rolle. Einerseits wird Jesus nur dann wiederkehren, wenn Palästina wieder in jüdischer Hand ist.

Andererseits waren es die Juden, die gemäss christlichen Fundamentalisten Jesus gekreuzigt haben sollen. «Die Geschichte von Jesus’ Tod ist in allen christlichen Glaubensrichtungen während 2000 Jahren verbreitet worden», schreibt Jeffrey Herf in der «Washington Post». «Die katholische Kirche hat erst 1965 entschieden, dass weder die Juden zu Zeiten von Jesus noch ihre Nachkommen für den Tod von Christus verantwortlich sind. Sehr viel jüdisches Blut ist geflossen, bis die Kirche zu dieser Einsicht gelangt ist.»

Der Friede zwischen Christen und Juden ist nach wie vor brüchig. Antisemitismus und Nationalismus gehen Hand in Hand, und wenn Nationalisten wie Trump an der Macht sind, kann es für Juden sehr schnell wieder eng werden.

8 Rohrbomben an Obama & Co: Trump rügt Medien

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
26 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Palatino
29.10.2018 16:13registriert Juli 2015
Trump ist vor allem und grundsätzlich ein Opportunist. Dass er Antisemit ist, glaube ich ebenso wenig, wie dass er ein Waffennarr oder ein Evangelikaler ist. Er braucht diese Gruppen zum Schmieden seiner Koalition. Da er offenbar für seine Umwelt keinerlei Empathie hegt, sind ihm die Auswirkungen seiner Manöver und Aussagen völlig egal, solange für ihn die Bilanz stimmt.
2766
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kopold
29.10.2018 16:03registriert Juli 2014
Mit den berühmten Worten von Money Boy:

Nazis blockieren wo immer sie appearen!
12138
Melden
Zum Kommentar
avatar
gigus
29.10.2018 16:15registriert März 2018
"Soros entspricht dem Klischees der Antisemiten perfekt. Er ist Jude -"

Liebe Mobiliar...
7722
Melden
Zum Kommentar
26
Das sind die grössten finanziellen Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer
70 Prozent der Erwachsenen unter 35 Jahren rechnen mit einer besseren finanziellen Situation in fünf Jahren. Der Einstieg ins Berufsleben überwiegt anscheinend die Bedenken wegen Inflation, Klimawandel, Krieg und Krise. Für finanzielle Ängste sorgen derweil aber andere Faktoren.

In einer repräsentativen Umfrage mit 1011 Teilnehmenden von comparis.ch geben sich Schweizerinnen und Schweizer optimistisch. Rund 45 Prozent der Befragten rechnen mit einer verbesserten persönlichen finanziellen Situation bis 2029. Bei den 18- bis 35-Jährigen sind es sogar 70 Prozent. Jede dritte junge Person geht sogar von einer viel besseren Situation 2029 aus, bei den 36- bis 55-Jährigen und den über 56-Jährigen sind es mit 17 bzw. 5 Prozent deutlich weniger.

Zur Story