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Amber Case bei ihrem Vortrag am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Sie ist als Fellow an der Harvard University und als Researcher am MIT tätig.
Amber Case bei ihrem Vortrag am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon. Sie ist als Fellow an der Harvard University und als Researcher am MIT tätig.
Interview

«Wenn wir alles automatisieren, erhalten wir deprimierte Menschen»

Technik sollte uns befreien, nicht versklaven. Deshalb plädiert die IT-Spezialistin Amber Case von der Harvard University für eine ruhige Technik, die uns menschlicher macht.
09.09.2017, 19:43

Technik sollte uns smarter machen. Viele fühlen sich jedoch wegen ihr immer dümmer. Was läuft da falsch?
Amber Case: Wir brauchen nicht eine smartere Technik, wir brauchen smartere Menschen. Technik ist traditionellerweise eine Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten. Der Hammer ist eine Erweiterung unserer Faust, das Messer unserer Zähne, etc. Seit der Erfindung des Buchdruckes haben wir begonnen, auch unser Wissen auszulagern. Albert Einstein sagte einst, er müsse seine Telefonnummer nicht auswendig kennen, dafür gebe es das Telefonbuch.  

Im digitalen Zeitalter lagern wir immer mehr Wissen aus. Ohne Smartphone sind wir hilflos geworden.
Menschen sind immer von Technik abhängig gewesen. Ohne Feuer hätten wir nicht kochen können. Technik hat sich mit dem Menschen entwickelt, aber die Normen haben sich verändert. Heute besteht die Gefahr, dass die Technik unsere Leben bestimmt. Sie strukturiert unsere Zeit: Das Meeting startet um neun, die Kinder müssen um fünf abgeholt werden, etc. Dabei sollten wir viel mehr unstrukturierte Zeit haben, Zeit, in der wir nachdenken oder die wir mit der Familie verbringen können.

«Die Menschen aus dem Silicon Valley reisen heute nach Südamerika, um das wahre Leben zu finden, um wieder so etwas wie menschliche Gefühle zu erleben.»

So lautet das Versprechen der Technik. Aber das Gegenteil passiert. Facebook und andere soziale Medien und Unternehmen wollen uns dazu verführen, möglichst viel Zeit bei ihnen zu verbringen.  
Unser Tag hat jedoch immer noch 24 Stunden. Irgendwann geht die Rechnung nicht mehr auf. Es gibt einen immer intensiveren Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit. Dagegen müssen wir uns wehren, beispielsweise damit, dass wir unser Smartphone so einrichten, dass wir nur diejenigen Botschaften empfangen, die wir auch wollen, und sagen: Ich will meine Zeit zurück. Wir sollten aufhören, Datenspezialisten wie Halbgötter zu behandeln. Stattdessen sollten wir von ihnen verlangen, dass sie sich auch für Laien verständlich ausdrücken. Auch sollten wir die Grenzen der Automation respektieren. Oft ist Automation nur lästig, beispielsweise wenn Sie die Parkgarage nicht verlassen können, weil das Ticket verbogen ist und Sie die Aufsicht zu Hilfe rufen müssen.  

Die Digitalisierung wird die Automatisierung weiter beschleunigen.
Wir nähern uns hier einem Sättigungsgrad, und wir können auch Gegenreaktionen feststellen. Analoge Dinge werden wieder populär, Vinyl-Schallplatten beispielsweise, oder qualitativ hochstehende Möbel aus Holz. Menschen sehnen sich nach realen Dingen und Erfahrungen. Sie wollen einander wieder persönlich gegenüberstehen.

Selbstgelenkt in die Zukunft, doch haben wir auch genug Bandbreite?
Selbstgelenkt in die Zukunft, doch haben wir auch genug Bandbreite?
bild: shutterstock

Dummerweise werden in einer zunehmend digitalisierten Welt die analogen Erfahrungen für den Mittelstand unbezahlbar.
Es gibt einen Rocksong mit dem Text: «Ich habe die Zukunft gesehen – und ich kann sie mir nicht leisten.» Ich mache mir tatsächlich Sorgen, dass die Digitalisierung die Ungleichheit noch weiter anwachsen lässt.

Woran denken Sie konkret?
An Bandbreite: Das Internet der Dinge, selbstgelenkte Autos etc. werden den Kampf um Bandbreite massiv verschärfen. Wenn die Menschen sich in einem selbstgelenkten Auto ein Video streamen lassen, dann wird das für Netflix sehr teuer werden.  

Gibt es keine Möglichkeit, die analoge und die digitale Welt so miteinander zu verbinden, dass auch gewöhnliche Menschen sich das leisten können?
Solange die Unternehmen gezwungen sind, ihre Profite zu maximieren, wird es schwierig sein. Wer wird eine billigere Cloud zur Verfügung stellen, als dies etwa Amazon derzeit tut? Derzeit haben wir immer noch so viele billige Ressourcen, dass wir damit verschwenderisch umgehen können.

Amber Case bei ihrem Besuch im GDI

Das Internet der Dinge wird es Hackern erlauben, über alltägliche Dinge wie die Strassenbeleuchtung in unsere Sicherheitssysteme einzudringen.
Deshalb müssen wir umdenken. Wir brauchen dezentrale Versorgungsketten und wir müssen mehr rezyklieren und uns an der Natur orientieren. Unternehmen sollten nicht in existenzielle Gefahr geraten, nur weil sie gehackt werden. Das ist heute jedoch oft der Fall, weil sie so aufgebaut sind, dass alles zusammenbricht, wenn ein Teil ausfällt.

«Die Vorstellung, sich auf einen Computer heraufzuladen und virtuell weiterzuleben, ist absurd.»

Was wäre die Alternative?
Unternehmen sollten wie Zwiebeln aufgebaut sein, mit verschiedenen Schichten. Sie sollten Daten untereinander austauschen und sie sollten transparent sein.  

Dann reden wir jedoch von einer radikal anderen Wirtschaftsordnung.
Das müssen wir auch. Wir haben ja auch die Industrialisierung mit der Zentralisierung der Ressourcen überstanden. Jetzt müssen wir das Gegenteil organisieren, eine Dezentralisierung.

Roboter-Butler in Schweizer Shoppingzentrum

Video: watson

Kann das in kleinen Schritten erreicht werden oder braucht es dazu einen gewaltigen Schock?
Es wird passieren, was passieren wird – aber es muss passieren. Die derzeitige Entwicklung kann nicht mehr so weitergehen. Wir leben zunehmend in einer Pseudo-Realität. Die Menschen aus dem Silicon Valley reisen heute nach Südamerika, um das wahre Leben zu finden, um wieder so etwas wie menschliche Gefühle zu erleben. Niemand will sich mit Soylent Green ernähren (einer Art Kunstfood, Anm. d. Red.). Wir sind nicht Roboter.  

«Warum soll ich ein Konzert besuchen, wo Computer musizieren?»

Aber wir sind immer häufiger von Robotern und Computern umgeben.
Wenn wir mit ihnen zusammenarbeiten, ist das okay. Aber die Vorstellung, sich auf einen Computer zu laden und virtuell weiterzuleben, ist absurd. Zudem gäbe es viel zu wenig Bandbreite, wollten sich alle Menschen auf einen Laptop laden.  

Und was ist mit der Superintelligenz, die wir dank der künstlichen Intelligenz erreichen sollen?
Die haben wir bereits. Computer besiegen Menschen im Schach und im Go. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sinnvoll ist, dass sie auch Musik komponieren.

Tun sie aber.
Warum wollen wir das? Warum soll ich ein Konzert besuchen, in dem Computer musizieren? Wir müssen nicht alles digitalisieren. Wir haben auch immer noch Bargeld, obwohl es mittlerweile Bitcoins und andere Kryptowährungen gibt. Wir brauchen nicht mehr Virtualität, wir brauchen wieder mehr Sinn.  

Sie plädieren für eine ruhige Technologie. Müssen wir natürlicher werden, wenn wir von der Technik profitieren wollen?
Wir brauchen eine dezentralisierte Wirtschaft, welche die Ressourcen schont, und wir sollten die spezifischen Eigenheiten von Regionen und Ländern bewahren. Im Weinbau werden heute beispielsweise Techniken wieder verwendet, die mehr als 1000 Jahre alt sind, um zu verhindern, dass alle Weine gleich schmecken. Vergessen wir nicht: Wir sind Menschen, wir müssen Nahrung essen und Wasser trinken, wir müssen an einem Ort wohnen.

Gibt es eine Grenze der Automatisierung?
Wenn wir alles automatisieren und super effizient machen wollen, dann haben wir am Schluss verängstigte und deprimierte Menschen. Ineffizienz kann gelegentlich sehr lustvoll sein. Warum erhalten wir uns also nicht die eine oder andere Herausforderung und Unsicherheit? Lasst uns nicht vergessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – und lasst uns mehr Zeit als Mensch verbringen.

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