Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

bild: shutterstock/watson

Interview

«Warum machen wir keinen Krypto-Franken oder einen Swiss Coin?»

Der Bankier Konrad Hummler erklärt, warum es zu einem Crash der Kryptowährungen kommen muss, weshalb sich aber die Blockchain-Technologie trotzdem durchsetzen wird und weshalb die Schweizerische Nationalbank über die Einführung einer mit Algorithmen erzeugten Währung nachdenken sollte.



Alle reden von der Blockchain. Aber wissen wir auch, wovon wir reden?
Es ist in der Tat enorm schwierig zu erklären. Der Blockchain-Gemeinschaft fehlen bis heute gute Bilder. Ich sage den meist jungen Anhängern jeweils: Wenn ihr glaubt, ihr könnt die Gesellschaft mit etwas beglücken, das niemand versteht, dann wird sich das letztlich gegen euch wenden.  

Bild

Konrad Hummler, 64, hat Jurisprudenz und Ökonomie studiert. Als Bankier hat er bei der UBS und später bei der Bank Wegelin & Co. Karriere gemacht. Er war auch Verwaltungsratspräsident der NZZ. Heute ist er Mitglied des Thinktanks M1 AG.

Der typische Blockchain-Fan ist ein 20- bis 30-jähriger Fan. Sie sind ein gestandener Schweizer Banker. Wie sind Sie auf die Blockchain gekommen?
Ich habe mich vor zwei Jahren über eine grottenschlechte Artikelserie im «Economist» geärgert. Da habe ich mir gesagt: Entweder lässt du das mit der Blockchain bleiben – oder du willst es wirklich verstehen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.  

«In Kryptowährungen kommt man leicht hinein, aber nur schwer wieder heraus.»

Wie erklären Sie den aktuellen Blockchain-Hype und Kryptowährungs-Boom?
Zunächst: Blockchain und Kryptowährungen sind nicht gleichbedeutend. Blockchain ist eine Technologie wie das Internet. Wenige Menschen können das Internet erklären, aber die meisten wenden es an. Kryptowährungen sind ein kleiner Spezialfall einer Anwendung der Blockchain.  

Was vermag die Blockchain zu leisten?
Sie kann eines der Grundprobleme der menschlichen Kommunikation lösen: Sie kann eindeutige Zuordnungen festlegen. Das bedeutet, dass man das menschliche Vertrauen durch einen Algorithmus ersetzen kann, eine gewaltige Sache. Deshalb wird der Siegeszug der Blockchain langfristig nicht zu stoppen sein.

Was ist vom aktuellen Hype bei den Kryptowährungen zu halten?
Das ist bei jeder bedeutenden Innovation der Fall. Es entsteht ein Hype und eine Euphorie – denken Sie an die Dotcom-Blase in den 90er-Jahren –, und es kommt der Crash, den nur ganz wenige überleben.

«Der Hype wird nicht andauern, aber die Technologie wird überleben.»

Besitzen Sie selbst auch Kryptowährungen?
Natürlich, aber nicht als Investment, sondern um Erfahrungen zu sammeln und um zu sehen, wie man sie in normale Währungen umtauschen kann. Das ist gar nicht so einfach. In Kryptowährungen kommt man leicht hinein, aber nur schwer wieder heraus.

Betrachten Sie als bestandener Banker Kryptowährungen als eine seriöse Anlage?
Nur bedingt, aber im Zeitalter der tiefen Zinsen und der teuren Aktien ist der Durst nach alternativen Anlagemöglichkeiten gross.

Schreckt die extreme Volatilität der Kurse nicht ab?
Am Anfang eines technischen Innovationsschubs erlebt man das immer. Aber das führt auch unweigerlich zu einem Prozess der kreativen Zerstörung. Der Hype wird nicht andauern, aber die Technologie wird überleben.  

Bild

Das Wunderkind der Kryptoszene: Vitalik Buterin.

Die Kurse von Bitcoin und Ether sind förmlich explodiert. Werden jetzt Leute angelockt, die besser die Hände davon lassen würden?
Es wird niemand gezwungen, Kryptowährungen zu kaufen.

Renommierte Ökonomen wie der Harvard-Professor Kenneth Rogoff warnen jedoch bereits vor einem Bitcoin-Crash.
Dieser Crash wird, ja, er muss geschehen. Jede Bewertung muss auch einen realen Bezug haben. Das ist bei den Kryptowährungen nicht immer der Fall. Diese Währungen sind entstanden, indem Gamer-Communities untereinander Tokens ausgetauscht haben. Man sollte deshalb den Hype auch nicht überbewerten. Insgesamt ist die Summe aller Kryptowährungen im Verhältnis zu den traditionellen immer noch winzig.  

«Die Vorstellung einer Schweiz AG oder eines Valleys ist mir fremd.»

Allerdings springen jetzt auch die Banken auf den fahrenden Zug auf. So werden neuerdings ETFs (handelbare Fondsanteile, Anm. d. Red.) auf Bitcoin herausgegeben.
Auch das gehört zu jeder Innovation. Wir sind jetzt in einer «Versuch-und-Irrtum»-Phase. Da kann es auch böse Unfälle geben.

Kann dadurch das Finanzsystem in Gefahr geraten?
Solange keine fixen Verpflichtungen ins System eingebaut werden, ist es nicht gefährlich. Derzeit gibt es keine Schuldenberge, wie das etwas bei der Immobilienkrise der Fall war. Wenn die Verschuldungsfrage auch bei den Kryptowährungen akut wird, dann muss der Regulator eingreifen. Solange nur dumme Anleger geschädigt werden, ist das nicht nötig.  

Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Kryptowährungen. Bitcoins sind ein digitaler Ersatz für Fiat-Money wie Schweizer Franken oder Dollar. Ethereum hingegen ist ein System, in dem die einzelnen Tokens aktienähnlichen Charakter erhalten. Braucht es da nicht Regeln und eine Aufsicht, wie das bei Aktien ja auch der Fall ist?
Hier stellt sich tatsächlich die Frage: Werden über solche Konstrukte auch Verschuldungen aufgebaut? Und was steckt dahinter? Ich bezweifle, ob es da viel Substanz hat.  

Bild

Bitcoins leiden immer noch unter einem schlechten Ruf. bild: shutterstock.

Warum brauchen wir überhaupt ICOs (Initial Coin Offering) und Tokens? Die Aktie ist längst erfunden und mit den Tokens bewegen wir uns in einem rechtsfreien Raum. Hat die Finanzaufsicht Finma hier nicht Handlungsbedarf?
Die Finma hat immer Handlungsbedarf ... ernsthaft: Solange es noch keine Verschuldungsproblematik und damit eine Systemgefährdung gibt, stellt sich die Frage nicht.  

Die Schweiz müsse das Krypto-Valley der Welt werden, hört man heute gelegentlich. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich bin sehr zurückhaltend mit patriotischen Forderungen bezüglich der Schweiz. Die Unternehmen sollen das tun, was sie für richtig halten. Die Vorstellung einer Schweiz AG oder eines Valleys ist mir fremd.  

Wenn traditionelle Banken bei den Kryptowährungen einsteigen, dann stellt sich früher oder später die Frage: Wer bestimmt die Geldpolitik? Müssen sich die Zentralbanken Gedanken darüber machen?
Wir wissen derzeit überhaupt noch nicht, wie es mit den Kryptowährungen weitergehen wird. Es ist denkbar, dass sie verboten werden. Oder es ist möglich, dass sie zu viele Nachteile gegenüber den klassischen Währungen haben und deshalb wieder verschwinden werden. Ernsthafte Ökonomen sagen dies voraus. Oder es wird zu einem friedlichen Nebeneinander von klassischen und Kryptowährungen kommen.  

Wie soll das gehen? Die Kryptowährungs-Anhänger wollen ja die Zentralbanken abschaffen.
Nein, sie wollen einfach da sein. Ich sehe keinen politischen Willen hinter den Kryptowährungen.  

Viele Kryptowährungs-Fans sind Anhänger einer privaten Währung im Sinne von Friedrich Hayek.
Ich würde das nicht überbewerten. Kryptowährungen sind entstanden, weil es technisch möglich ist. Aber es stellt sich tatsächlich die Frage, wie man die «privaten» Kryptowährungen in die «staatlichen» traditionellen Währungen konvertieren kann.

Sind Kryptowährungen dann wie eine Landeswährung, nur von einem virtuellen Land? Oder sind sie praktisch nicht konvertibel?
Mit Bitcoins ein Bier zu kaufen, ist derzeit immer noch schwierig.

Bitcoins haben einen schlechten Ruf. Sie werden nach wie vor mit Drogen- und Waffenhandel, mit Kriminalität und Mafia in Verbindung gebracht.
Das ist die Achillesferse der Kryptowährungen. Die Anonymität kann in dieser Form auch nicht geduldet werden.  

Genau diese Anonymität ist jedoch von den Anhängern gewollt.
Sie ist überhaupt nicht zwingend. Im Gegenteil: Die Blockchain sorgt für Transparenz und lässt eine völlige Ent-Anonymisierung zu. Deshalb glaube ich auch, dass wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die noch völlig offen ist. Man könnte auch über eine nicht-anonyme Blockchain-Währung nachdenken, die von einer Notenbank emittiert wird.  

Ein Swiss Coin anstelle eines Schweizer Frankens?
Warum nicht. Die Geldschöpfung mittels Algorithmen hat grosse Vorteile. Es lohnt sich auf jeden Fall, das Modell eines Swiss Coins oder eines Krypto-Frankens zu Ende zu denken.  

Aber nochmals: Jedem Bitcoin-Fan stehen bei dieser Vorstellung die Haare zu Berge. Er will kein Fiat-Money, und er will keine Zentralbanken.
Das betrifft nur einen Teil der Community. Für die meisten steht die Technologie im Vordergrund.  

Was für Vorteile hätte ein Swiss Coin gegenüber einem traditionellen Schweizer Franken?
Ein zentrales Problem der Ökonomie lautet: Wie organisiert man die Unabhängigkeit einer Zentralbank? Mit Algorithmen wäre dieses Problem in den Griff zu bekommen. Ich finde daher auch, dass traditionelle Ökonomen wie Rogoff es sich einfach machen, wenn sie die Kryptowährungen verteufeln. Ich fände es sinnvoller, wenn sie ihre Intelligenz und ihr Knowhow dafür einsetzen würden, diese Fragen ernsthaft durchzudenken.  

Mit den ICOs und den Tokens steuern wir – wie in den 90er Jahren mit der Dotcomblase – wieder auf einen Crash zu. Muss das sein?
Das liegt in der Natur des Wirtschaftens und des Menschen. «Versuchen und Irren» bedeutet vor allem: vernichten. Das will ich als Ökonom den begeisterten jungen Kryptowährungsfans beibringen. Ich predige stets: Passt auf, die Bereinigung steht noch bevor.  

Wenn wir schon ins Philosophische abgleiten: Ist es eigentlich wünschenswert, dass wir mit Blockchain und Kryptowährungen zunehmend in eine Gesellschaft kommen, in der Vertrauen überflüssig wird und alles mit anonymen Algorithmen geregelt wird?
Wäre das Vertrauen in die Menschen nicht so oft enttäuscht worden, müsste man diese Frage mit Nein beantworten. Leider ist es so, dass die grössten Enttäuschungen entstanden sind, weil Menschen das Vertrauen missbraucht haben. Die Vertrauens-Welt wird nicht vollständig untergehen, aber sie wird Konkurrenz durch Algorithmen erhalten. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht.

Das könnte dich auch interessieren:

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Tödlicher Unfall auf der A9 in der Westschweiz

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

3 Hauptargumente der KVI-Gegner auf dem Prüfstand

Der Kampf um die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) tobt unerbittlich. Dabei argumentieren die Gegner auch mit Vorwürfen, die sich bei genauerer Betrachtung als falsch herausstellen. Drei Argumente im Prüfstand.

Im Abstimmungskampf zur KVI gehen die Wogen hoch. Ja-Fahnen zieren jeden zweiten innerstädtischen Balkon, die Initianten machten diese Abstimmung zur teuersten aller Zeiten. Auf der anderen Seite werden die Initianten auf Facebook in einer Verleumdungskampagne als «linke Krawallanten» verunglimpft und Ueli Maurer wird «bei der Arroganz, die hinter dieser Initiative steckt, fast schlecht».

So hart die Bandagen in diesem Kampf sind, so knapp wird wohl auch das Ergebnis werden. Momentan liegen …

Artikel lesen
Link zum Artikel