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Verteidiger Michael Lang. Der FC Basel dominiert die Schweizer Superleague nach Belieben. 
Verteidiger Michael Lang. Der FC Basel dominiert die Schweizer Superleague nach Belieben. Bild: KEYSTONE
Kommentar

Gewinnen wir zu viel? Die politische Wohlstandsverwahrlosung ist auf dem Vormarsch

Wirtschaftliches Elend führt zu politischen Krisen. Diese Gleichung wird heute auf den Kopf gestellt, sei es in Zürich oder Berlin.
14.02.2018, 16:2915.02.2018, 06:27

Der FC Basel (FCB) hat Ende letzter Saison einen Trainer entlassen, der zweimal hintereinander Meister geworden war und auch das Double gewonnen hatte. Eine rationale Erklärung für diesen Vorgang gab es nicht. Letztlich kann man es nur mit Langeweile im Erfolg erklären. Für den FCB gilt tatsächlich, was Donald Trump im Wahlkampf versprochen hatte: «Wir werden so viel gewinnen, dass ihr mich bitten werdet: ‹Hör auf zu gewinnen›.»

Ist zu einem Wahrzeichen des Wohlstandes geworden: Der Primetower in Zürich.
Ist zu einem Wahrzeichen des Wohlstandes geworden: Der Primetower in Zürich.Bild: watson/Michelle Marti

Zürich ist eine Art FCB in der internationalen Städte-Meisterschaft. Seit Jahrzehnten löst man sich mit Wien darin ab, wer die City mit der höchsten Lebensqualität der Welt ist. An sich wäre das ein Grund zur Zufriedenheit. Doch im aktuellen Wahlkampf verhalten sich Polit-Gurus wie FCB-Fans: Mein watson-Kollege Peter Blunschi etwa klagt über ein rotgrünes «Wohlfühl-Zürich» und sehnt sich nach Visionen.

An sich kann es ja nichts Schlechtes sein, wenn man sich in einer Stadt wohlfühlt, und die überwiegende Mehrheit der Einwohner tut dies auch. In einer Umfrage im Jahr 2015 gaben 98 Prozent von ihnen an, sie würden gerne oder sehr gerne in Zürich leben. Die Kritiker wischen dies vom Tisch. Felix Müller, der ehemalige Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», jammert über das links-grüne-soziale «juste milieu», das Zürich im Beamtenstil regiere.

Beamtenhaft und visionslos?

Natürlich wäre es grotesk, Zürichs hohe Lebensqualität allein der rotgrünen Regierung zuschreiben zu wollen. Die Stadt profitiert von einer pulsierenden Wirtschaft, von Top-Universitäten, von Top-Spitälern und hat – was immer zum Erfolg gehört – in den letzten Jahrzehnten auch Glück gehabt.

Die rotgrüne Regierung hat jedoch zumindest den Erfolg nicht verhindert, was politisch gesehen schon bemerkenswert ist. Sie deswegen visionslos und beamtenhaft zu beschimpfen, ist lächerlich, besonders, wenn man sich die bürgerlichen Alternativen vor Augen hält: Die einzigen Visionen, welche die FDP je hatte, sind Steuersenkungen. Die SVP will die Stadt mit noch mehr Autos zumüllen, und die CVP hält Visionen wahrscheinlich für eine Augenkrankheit.

Die SPD-Basis will keine Groko.
Die SPD-Basis will keine Groko.Bild: EPA/EPA

Zürich wird auch diesmal die Quängeler rechts liegen lassen und die linke Regierung bestätigen. Anders sieht es in Berlin aus. Dort spielt sich die politische Wohlstandsverwahrlosung in Reinkultur ab: Mitten in einem Wirtschaftsboom ist Deutschland nicht in der Lage, eine vernünftige Regierung auf die Beine zu stellen; und das, obwohl sich die Deutschen einer langen Periode von politischer Stabilität erfreuen können.

All das wäre zum Lachen, wäre es nicht so gefährlich. Angenommen, die GroKo zwischen CDU/CSU und SPD kommt nicht zustande, dann herrscht in Berlin eine Krise, die nicht nur Deutschland, sondern auch Europa bedroht. Beides, eine Minderheitsregierung unter Angela Merkel und Neuwahlen, ist nämlich politisch hoch riskant.

Eine Stimmung wie beim Brexit

Die Situation in Deutschland erinnere ihn an die Lage vor dem Brexit, stellt daher Wolfgang Münchau in der «Financial Times» fest. Tatsächlich haben die Briten ohne wirkliche Not einem EU-Austritt zugestimmt. Erst jetzt dämmert es ihnen allmählich, wie hoch der Preis dafür ist. Ein Scheitern einer GroKo – und das ist in der aktuellen Stimmung ein realistisches Szenario geworden – hätte ebenfalls Folgen, die schwer abzuschätzen sind.

Bald auf sich allein gestellt? Der französische Präsident Emmanuel Macron.
Bald auf sich allein gestellt? Der französische Präsident Emmanuel Macron.Bild: EPA/REUTERS POOL

Nach dem überraschenden Erfolg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen vor Jahresfrist hat die Stimmung erneut gedreht. Am 4. März gehen die Italiener zur Urne. Wahrscheinlich werden Rechtskonservative und die Europa-feindliche Fünf-Sternen-Bewegung obenauf schwingen. In Osteuropa ist der Nationalismus weiter auf dem Vormarsch. Es besteht damit erneut die Gefahr, dass Europa in ein politisches Chaos versinkt.

Beim Spielen mit dem politischen Feuer kann man sich die Finger verbrennen

In den 30er-Jahren war eine schwere wirtschaftliche Depression die Ursache, doch derzeit erholt sich die europäische Wirtschaft auf breiter Front. Wenn erfolgsverwöhnte Fussballpräsidenten einen Trainer feuern, müssen sie im schlimmsten Fall mit Schadenfreude rechnen. Politische Spiele mit dem Feuer können jedoch brandgefährlich werden.

Der Brexit hat die Briten in eine schier aussichtslose Lage gebracht. In den USA hat der Wunsch, die Politszene aufzumischen, Donald Trump ins Weisse Haus gehievt. So gesehen sind wir mit dem «visionslosen Wohlfühl-Zürich» ganz gut bedient.

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