Rekord an den Börsen – Eine Expertin sagt: «Lassen Sie sich nicht täuschen»
An den Börsen purzeln diese Woche die Rekorde. In der Schweiz hat der Bluechip-Index SMI ein Allzeithoch erreicht. In Deutschland hat der Leitindex Dax erstmals die Marke von 25'000 Punkten überschritten und damit ebenfalls ein Allzeithoch geschafft. Und nochmals ein Höchstwert gelang dem US-Leitindex S&P 500 mit erstmals über 6950 Punkten. Rekord, Rekord, Rekord.
Dabei sticht vor allem ein Muster ins Auge: die Börsenrekorde fallen überall vor dem Hintergrund von mässiger bis enttäuschender Wirtschaftslage. Gerade in Deutschland ist dieser Gegensatz besonders gross. Beispielsweise hatte das Wirtschaftsinstitut Ifo diese Woche schlechte Neuigkeiten zum dritten Quartal zu berichten.
Die Wirtschaft sei in der Hälfte aller Bundesländer geschrumpft. Und die Industrie befinde sich weiterhin in einer Krise. Vor allem im Süden Deutschlands sei sie ohnehin angeschlagen und werde «nun zusätzlich belastet durch die Zölle des US-Präsidenten Donald Trump».
In der Schweiz ist es besser, aber nicht viel. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für 2025 mit einem Wachstum von 1,4 Prozent und für 2026 noch mit 1,1 Prozent. Solche Wachstumsraten hat das Seco in der Vergangenheit auch schon als «unterdurchschnittlich» bezeichnet.
Und auch hierzulande steckt die Industrie in einer Krise. Zwar sieht es besser aus, seitdem Trump die Zölle auf das gleiche Niveau wie jene für die Europäische Union gesenkt hat. Doch wie der Industrieverband Swissmem schreibt, bleibt die Lage kritisch. Vor allem kleinere und mittelgrosse Betriebe leiden. Im dritten Quartal verloren sie 9 Prozent ihres Umsatzes.
In den USA ist es nicht anders. Das Stellenwachstum war zuletzt enttäuschend und wird laut Notenbank-Chef Jerome Powell von der offiziellen Statistik womöglich drastisch überschätzt. In Wahrheit könnten die USA monatlich 20'000 Jobs verlieren. Vorsichtshalber versucht die Notenbank deshalb, die Wirtschaft zu stärken, und hat dafür ihren Leitzins gesenkt.
Dennoch ist es nicht so, dass sich die Börsen nun völlig freigemacht hätten von den wirtschaftlichen Realitäten.
In Deutschland beispielsweise sind die Aussichten besser als die aktuelle Lage – und die Börse schaut bekanntlich auf die zukünftigen Gewinne. Und hier versprechen sich die Anleger viel von all den Milliarden, welche die deutsche Bundesregierung in die Infrastruktur und in die Rüstung stecken will.
Die Börse verspricht sich viel von der künstlichen Intelligenz. Der Hype um sie hat die Börse in die Höhe getrieben. Ein Ende des Hypes könnte sie auf den Boden holen. Das ist die grosse Sorge, welche die Finanzmärkte umtreibt.
Grosse Investitionen, geringe Einnahmen
Sind die Sorgen berechtigt? Dieser Frage ist die Schweizer Bank J. Safra Sarasin in einem Bericht nachgegangen. Sie spricht zunächst das grosse Missverhältnis an, das sich zwischen Investitionen und Einnahmen aufgebaut hat: gigantische Ausgaben, bescheidene Einnahmen.
Das ist an sich keine Katastrophe, solange die Einnahmen künftig wachsen. Die Erwartung ist, dass sie das tatsächlich tun, wenn sich die KI in der Wirtschaft verbreitet und deren Produktivität und Gewinne steigert. Dann sind höhere Kurse gerechtfertigt. Doch die Frage bleibt: Wie hoch?
Laut Sarasin ist das aktuelle Niveau des Leitindex S&P 500 nur gerechtfertigt, wenn die USA ihre jährliche Produktivität dank KI um 1,7 Prozentpunkte erhöhen können. Das sei jedoch «eine optimistische Annahme». Realistischer seien 0,6 Prozentpunkte – also dreimal weniger. Das Fazit: «Das bedeutet nicht zwangsläufig eine Korrektur. Aber die Kursgewinne dürften künftig eher begrenzt sein.»
Gross ist indessen auch der Gegensatz zwischen den Börsenrekorden und dem Geschehen in der weltweiten Politik. Präsident Trump scheint mit seinen Zöllen das regelbasierte Handelssystem zu zerlegen, das die USA nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben. Nun hat er wohl gegen das Völkerrecht verstossen durch den Angriff der USA auf Venezuela und die Gefangennahme dessen Staatschefs Nicolás Maduro.
Doch die Börsen zogen aus dem Geschehen immer wieder neue Rechtfertigungen für höhere Kurse. Die Ereignisse in Venezuela sorgten zum Beispiel nicht für Verunsicherung, eher für Hoffnung auf sinkende Ölpreise. Billigeres Öl sei gut für die Wirtschaft, könne den Inflationsdruck mindern und so weitere Zinssenkungen durch Notenbanken bedeuten – was in der Regel die Aktienkurse stützt.
Schaden zeigt sich erst, wenn es zu spät ist
Wie immer bei Börsenhochs treten Warner auf – und wie immer stellt sich die Frage, ob man auf sie hören soll. «Lassen Sie sich nicht täuschen», warnt Gita Gopinath, frühere Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds in der «Financial Times». Es sei ein Fehler, zu glauben, dass Trumps Zölle und chaotische Politik keine schweren Folgen haben würden.
Diese Schäden seien bislang durch den KI-Boom überdeckt worden. Auch hätten die US-Unternehmen noch genug Waren an Lager gehabt und die Zölle kaum weitergegeben. 2026 werde sich das ändern, schreibt Gopinath. Und sie zieht einen Vergleich zum Brexit, dem Ausstieg Grossbritanniens aus der Europäischen Union.
Auch damals schien der Schaden zunächst minimal zu sein, sagt Gopinath. Doch ein Jahrzehnt später werde geschätzt, dass Grossbritannien zwischen sechs und acht Prozent seiner Wirtschaftsleistung verloren hat. «Die Lehre daraus ist eindeutig: Strukturelle Schäden zeigen sich immer langsam und immer erst, wenn es zu spät ist, um sie noch rückgängig zu machen.»
