Wirtschaft
Künstliche Intelligenz

Neuer SMI-Rekord: Neue Studie deutet auf übertriebenen KI-Hype hin

Rekord an den Börsen – Eine Expertin sagt: «Lassen Sie sich nicht täuschen»

Zu viel Hype um KI? Eine Studie deutet auf übertriebene Erwartungen hin.
09.01.2026, 21:1709.01.2026, 21:17
Niklaus Vontobel / ch media

An den Börsen purzeln diese Woche die Rekorde. In der Schweiz hat der Bluechip-Index SMI ein Allzeithoch erreicht. In Deutschland hat der Leitindex Dax erstmals die Marke von 25'000 Punkten überschritten und damit ebenfalls ein Allzeithoch geschafft. Und nochmals ein Höchstwert gelang dem US-Leitindex S&P 500 mit erstmals über 6950 Punkten. Rekord, Rekord, Rekord.

epa12629667 Traders work on the floor of the New York Stock Exchange at the closing bell in New York, New York, USA, 05 January 2026. Technology and energy shares rose to start the first full week of  ...
Unaufhaltsam? Ein Händler an der Börse von New YorkBild: keystone

Dabei sticht vor allem ein Muster ins Auge: die Börsenrekorde fallen überall vor dem Hintergrund von mässiger bis enttäuschender Wirtschaftslage. Gerade in Deutschland ist dieser Gegensatz besonders gross. Beispielsweise hatte das Wirtschaftsinstitut Ifo diese Woche schlechte Neuigkeiten zum dritten Quartal zu berichten.

Die Wirtschaft sei in der Hälfte aller Bundesländer geschrumpft. Und die Industrie befinde sich weiterhin in einer Krise. Vor allem im Süden Deutschlands sei sie ohnehin angeschlagen und werde «nun zusätzlich belastet durch die Zölle des US-Präsidenten Donald Trump».

In der Schweiz ist es besser, aber nicht viel. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für 2025 mit einem Wachstum von 1,4 Prozent und für 2026 noch mit 1,1 Prozent. Solche Wachstumsraten hat das Seco in der Vergangenheit auch schon als «unterdurchschnittlich» bezeichnet.

Helene Budliger Artieda, Staatssekretaerin f�r Wirtschaft und Direktorin SECO, informiert an einem Point de Presse zum Abschluss des Freihandelsabkommen der Efta mit den Mercosur-Staaten, aufgenommen  ...
Helen Budliger Artieda, die Seco-Chefin.Bild: keystone

Und auch hierzulande steckt die Industrie in einer Krise. Zwar sieht es besser aus, seitdem Trump die Zölle auf das gleiche Niveau wie jene für die Europäische Union gesenkt hat. Doch wie der Industrieverband Swissmem schreibt, bleibt die Lage kritisch. Vor allem kleinere und mittelgrosse Betriebe leiden. Im dritten Quartal verloren sie 9 Prozent ihres Umsatzes.

In den USA ist es nicht anders. Das Stellenwachstum war zuletzt enttäuschend und wird laut Notenbank-Chef Jerome Powell von der offiziellen Statistik womöglich drastisch überschätzt. In Wahrheit könnten die USA monatlich 20'000 Jobs verlieren. Vorsichtshalber versucht die Notenbank deshalb, die Wirtschaft zu stärken, und hat dafür ihren Leitzins gesenkt.

Federal Reserve Chair Jerome Powell speaks at the Federal Reserve, Wednesday, Dec. 10, 2025, in Washington. (AP Photo/Jacquelyn Martin)
Jerome Powell
Notenbank-Chef Jerome Powell.Bild: keystone

Dennoch ist es nicht so, dass sich die Börsen nun völlig freigemacht hätten von den wirtschaftlichen Realitäten.

In Deutschland beispielsweise sind die Aussichten besser als die aktuelle Lage – und die Börse schaut bekanntlich auf die zukünftigen Gewinne. Und hier versprechen sich die Anleger viel von all den Milliarden, welche die deutsche Bundesregierung in die Infrastruktur und in die Rüstung stecken will.

Die Börse verspricht sich viel von der künstlichen Intelligenz. Der Hype um sie hat die Börse in die Höhe getrieben. Ein Ende des Hypes könnte sie auf den Boden holen. Das ist die grosse Sorge, welche die Finanzmärkte umtreibt.

Grosse Investitionen, geringe Einnahmen

Sind die Sorgen berechtigt? Dieser Frage ist die Schweizer Bank J. Safra Sarasin in einem Bericht nachgegangen. Sie spricht zunächst das grosse Missverhältnis an, das sich zwischen Investitionen und Einnahmen aufgebaut hat: gigantische Ausgaben, bescheidene Einnahmen.

ARCHIV --- ZU DEN RAZZIEN BEI DER PRIVATBANK SAFRA SARASIN STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Das Logo der Bank J.Safra Sarasin, aufgenommen am Mittwoch, 22. Januar 2014, am Paradepla ...
Laut Sarasin ist das aktuelle Niveau des Leitindex S&P 500 nur gerechtfertigt.Bild: KEYSTONE

Das ist an sich keine Katastrophe, solange die Einnahmen künftig wachsen. Die Erwartung ist, dass sie das tatsächlich tun, wenn sich die KI in der Wirtschaft verbreitet und deren Produktivität und Gewinne steigert. Dann sind höhere Kurse gerechtfertigt. Doch die Frage bleibt: Wie hoch?

Laut Sarasin ist das aktuelle Niveau des Leitindex S&P 500 nur gerechtfertigt, wenn die USA ihre jährliche Produktivität dank KI um 1,7 Prozentpunkte erhöhen können. Das sei jedoch «eine optimistische Annahme». Realistischer seien 0,6 Prozentpunkte – also dreimal weniger. Das Fazit: «Das bedeutet nicht zwangsläufig eine Korrektur. Aber die Kursgewinne dürften künftig eher begrenzt sein.»

Gross ist indessen auch der Gegensatz zwischen den Börsenrekorden und dem Geschehen in der weltweiten Politik. Präsident Trump scheint mit seinen Zöllen das regelbasierte Handelssystem zu zerlegen, das die USA nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben. Nun hat er wohl gegen das Völkerrecht verstossen durch den Angriff der USA auf Venezuela und die Gefangennahme dessen Staatschefs Nicolás Maduro.

Doch die Börsen zogen aus dem Geschehen immer wieder neue Rechtfertigungen für höhere Kurse. Die Ereignisse in Venezuela sorgten zum Beispiel nicht für Verunsicherung, eher für Hoffnung auf sinkende Ölpreise. Billigeres Öl sei gut für die Wirtschaft, könne den Inflationsdruck mindern und so weitere Zinssenkungen durch Notenbanken bedeuten – was in der Regel die Aktienkurse stützt.

Schaden zeigt sich erst, wenn es zu spät ist

Wie immer bei Börsenhochs treten Warner auf – und wie immer stellt sich die Frage, ob man auf sie hören soll. «Lassen Sie sich nicht täuschen», warnt Gita Gopinath, frühere Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds in der «Financial Times». Es sei ein Fehler, zu glauben, dass Trumps Zölle und chaotische Politik keine schweren Folgen haben würden.

epa12094227 US President Donald Trump is seen on a television screen while a trader works on the floor of the New York Stock Exchange as financial markets react to news that the United States and Chin ...
Rekorde trotz oder wegen Trump? Fan-Utensilien an der Börse von New YorkBild: keystone

Diese Schäden seien bislang durch den KI-Boom überdeckt worden. Auch hätten die US-Unternehmen noch genug Waren an Lager gehabt und die Zölle kaum weitergegeben. 2026 werde sich das ändern, schreibt Gopinath. Und sie zieht einen Vergleich zum Brexit, dem Ausstieg Grossbritanniens aus der Europäischen Union.

Auch damals schien der Schaden zunächst minimal zu sein, sagt Gopinath. Doch ein Jahrzehnt später werde geschätzt, dass Grossbritannien zwischen sechs und acht Prozent seiner Wirtschaftsleistung verloren hat. «Die Lehre daraus ist eindeutig: Strukturelle Schäden zeigen sich immer langsam und immer erst, wenn es zu spät ist, um sie noch rückgängig zu machen.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Börse in Kopenhagen brennt
1 / 9
Börse in Kopenhagen brennt
Grosse Zerstörung in Kopenhagen. Die historische Börse ist nach einem Brand kollabiert.
quelle: keystone / emil helms
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Historisches Börsengebäude in Kopenhagen brennt
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
31 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Knut Knallmann
09.01.2026 21:58registriert Oktober 2015
Die Aktienndizes bilden nicht die gesamte Wirtschaft ab, sondern lediglich Grossunternehmen. Oftmals ist es auch so, dass die Indizes von ein paar wenigen Schwergewichten oder Trendentwicklungen (Bsp. Tech-Aktien dank AI-Boom) nach oben gedrückt werden - So macht Nvidia mittlerweile alleine mehr als 7% vom S&P 500 aus. Dass grosse Teile vom Rest irgendwo rumdümpeln oder sogar sinken, kann man so sehr gut kaschieren.
537
Melden
Zum Kommentar
avatar
suchwow
09.01.2026 21:36registriert Dezember 2014
Seit Jahren hört man, dass die Börse Teufels Küche ist und man das Geld lieber Cash hält und alles an die Inflation verliert.

Die Sonne könnte scheinen und irgendjemand wird wieder behaupten müssen, dass es bald wieder stürmen wird.
4917
Melden
Zum Kommentar
avatar
Nathan d.W.
09.01.2026 21:33registriert Februar 2024
Nun ja, mit Aktien in den Themen Rüstung, Gold, Silber, Kupfer dürfte man noch länger glücklich sein. Viele Aktien außerhalb dieser Bereiche dürften 2026 mehrheitlich Mühe haben bzw. das Chancen/Risiko-Verhältnis ist definitv nicht attraktiv.
268
Melden
Zum Kommentar
31
Besser als jeder Vorsatz: 7 Fragen und Tipps für dein Geld
Der Jahresstart fühlt sich oft motivierend an, doch gerade bei Geldthemen bleiben gute Vorsätze schnell liegen. Diese sieben Fragen helfen dir, auf eine neue Art und Weise Ordnung in deine Finanzen zu bringen – ohne Perfektion, dafür mit Wirkung.
Ich weiss nicht, wie es euch geht – ich starte 2026 mit viel Motivation und bereits mit einem kleinen «Vorsatzrückstand». Ich wollte eines meiner Portfolios bereits am 2. Januar umschichten. Die Idee besteht seit Juni 2025. Passiert ist: bisher nichts.
Zur Story