Wirtschaft
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Kassensturz

Lieferwagen-Vermieter R. S. auf seinem Geschäftsparkplatz in Bülach ZH. Bild: SRF

Interview

Bülacher Autovermieter schlägt zurück: «Wir sind hier Kapitalisten der Hochpreisinsel Schweiz»

Der Bülacher Lieferwagen-Vermieter R. S., der in seiner Sturmhaube einen «Kassensturz»-Reporter bedrängte und filmte, meldet sich erstmals ausführlich zu Wort. Ein Gespräch über Anwälte, Kommunismus und die verlorene Grundidee der Eidgenossenschaft. 



Herr S., wie läuft es derzeit mit der Lieferwagenvermietung?
Ich habe gar keine Lieferwagenvermietung. Ich bin weder Eigentümer einer Lieferwagenvermietung noch Miteigentümer einer Lieferwagenvermietung oder in irgendeiner Form angestellt.

Verstehe. Aber warum tauchen Sie dann im «Kassensturz»-Beitrag auf, wenn Sie überhaupt gar nicht involviert sind?
Ich war nur ganz rein zufällig als Vertretung vor Ort, als die Reporter da waren. Das war einfach ein dummer Zufall. Ich habe das Fahrzeug nur übergeben und wieder in Empfang genommen. 90 Prozent des «Kassensturz»-Materials wurde weggeschnitten und die restlichen 10 Prozent nach deren Vorstellungen «zurechtgebogen». Das hat nichts mit vernünftigem Journalismus zu tun.

Also, wenn Sie die Autos nicht vermieten, wovon leben Sie denn dann?
Kein Kommentar.

Ok. Zurück zu Ihrem «Kassensturz»-Auftritt. Warum sind Sie da mit einer Sturmmaske zu dem Reporter raus?
Damit die mich nicht unverpixelt zeigen können, denn das wollten die garantiert. Ich wollte mein Privatleben und meine vom Gesetzgeber geschützten Persönlichkeitsrechte schützen. Diese ganze Reportage war eine Rache-­Aktion dafür, dass ich denen schon zuvor Hausverbot erteilt hatte. Überhaupt ermittelt die Polizei wegen verschiedener Straftatbestände gegen die Reporter des «Kassensturz». Hausfriedensbruch, weil die das Hausverbot missachtet haben, Urkundenunterdrückung, weil die den inkriminierten Mietvertrag nicht rausgeben wollten, und anderes mehr. Die hatten ja überhaupt gar keine Drehgenehmigung! Des weiteren haben die das gemietete Fahrzeug nicht bezahlt und auch nicht vollgetankt.*

* Der «Kassensturz» bestreitet diese Darstellungen. Zwar habe R. S. tatsächlich die Polizei gerufen, diese ermittle aber nun gegen ihn und nicht gegen den «Kassensturz»-Reporter.

«Einfach Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: ‹Bringt es zurück, wenn ihr es nicht mehr braucht.›»

Gut. Wie dem auch sei. Jedenfalls müssen Sie zugeben, dass es bei den Pauschalen, die Sie auf die Mietpreise der Autovermietung, die Ihnen gar nicht gehört, schlagen, ordentlich zur Sache geht.
Wie schon gesagt: Es gibt weder eine Autovermietung, noch bin ich da Eigentümer oder Miteigentümer oder sonst irgendwas …

... jetzt gibt's nicht mal mehr eine Autovermietung?!
Nein, das ist nur ein privates Vermittlungsgeschäft. Da können Sie sich anmelden, wenn Sie Ihr Auto nicht brauchen, und dann wird das an Leute vermittelt, die eines brauchen. Der Vermittler kassiert dann nur eine Provision. Den Mietpreis setzt der Fahrzeugeigentümer selbst fest. Darauf haben wir keinen Einfluss. Wir haben auch schon karitativen und kirchlichen Organisationen Autos gratis zur Verfügung gestellt, wenn sie welche für ihre Aktionen gebraucht haben. Ohne Vertrag, ohne nix. Einfach Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: ‹Bringt es zurück, wenn ihr es nicht mehr braucht›. Das würden wir jederzeit wieder machen. Jede kirchliche christliche Organisation kann sich gerne bei uns melden.

Aber der Vermittler sind Sie auch nicht?
Natürlich nicht.

Alles klar ... Jedenfalls sind die Aufschlagpauschalen irr. Junglenker-Zuschlag, Nacht-Zuschlag, Wochenend-Zuschlag, Vollkasko-Zuschlag, Zweitfahrer-Zuschlag, 50 Franken alleine für die schriftliche Rechnung. Warum tun Sie das?
Beim Erstellen und Versand der Rechnungen entsteht ein administrativer und personeller Aufwand bei einer Fremdfirma, die das für uns macht. Das muss auch abgegolten werden. Die anderen Zuschläge sind völlig normal, die gibt es bei anderen Autovermietern auch. Das hat auch damit zu tun, wann genau das Fahrzeug gemietet wird, die Zuschläge fallen also nicht immer an. Das Diebstahl­-Risiko ist in gewissen Ländern höher als in der Schweiz. Auch ist das Unfallrisiko bei Neulenkern höher als bei erfahrenen Lenkern. Andere Autovermietungen verstecken die Zusatzkosten in der Grundmiete oder im erhöhten Kilometer-Mehrpreis.

«Wir sind hier keine Kommunisten, wir sind hier Kapitalisten in der Hochpreisinsel Schweiz.»

Also: Jedenfalls machen Sie Mietverträge und was auch immer in den Verträgen steht, man kann es offenbar nicht lesen, denn viele Kunden sind stinksauer.
Das sind ganz normale branchenübliche Verträge. Wir müssen uns ja auch bezüglich der Unfallhaftung mit einem gerichtsverwertbaren Vertrag absichern, der später nicht durch einen Anwalt angefochten werden kann. Man kann das Spiel ja auch mal umdrehen, jetzt. Wenn sie für ‹ab 19 Franken› nach Italien fliegen wollen, dann kommen auch Zuschläge hinzu. Wir sind hier keine Kommunisten, wir sind hier Kapitalisten in der Hochpreisinsel Schweiz. Sie können doch nicht sagen, das ist zu teuer, dann sind Sie bekennender Kommunist. Schauen Sie mal, was ein guter Anwalt kostet, nämlich rund 400 Franken pro Stunde und eine Stunde Taxi-­Fahrt von Zürich nach Basel rund 380 Franken. Oder was die Banker in Zürich verdienen? Einmal Abschleppen dauert mit der Hin- und Rückfahrt eine Stunde und kostet rund 600 Franken. Alles ist teuer hier!

Sie könnten nicht so viel verlangen. Sie sind kein sehr guter Anwalt in eigener Sache. Ich muss doch kein Kommunist sein, um 50 Franken für eine schriftliche Rechnung zu teuer zu finden. Wie viele Autos vermieten Sie eigentlich? Beziehungsweise vermieten Sie eigentlich nicht, weil Sie ja nur vermitteln, aber auch das nicht selbst?
Kein Kommentar.

Und warum sind die Autos so kaputt?
Unsere Fahrzeuge sind in einem sehr guten gebrauchten Zustand. Warum sollen die kaputt sein?

Das schreiben Ihre Kunden in den Bewertungen im Internet.
Das ist vielleicht einer. Insgesamt haben wir bei Google sehr gute Kundenbewertungen. Im Schnitt vier Sterne von fünf Sternen.* Das ist doch sehr gut. Wenn die Autos so kaputt wären, wie Sie jetzt hier sagen, dann wären die ja gar nicht auf der Strasse, dann wären die ja sofort ausser Verkehr gesetzt von der Polizei. Ich bin ja nicht meine eigene Zulassungsstelle hier, also ehrlich.

* Derzeit (Stand Freitag Morgen) liegen die Kundenbewertungen auf Google im Schnitt bei 3,1 von 5 Sternen.

Wie lange machen Sie das eigentlich schon?
Kein Kommentar. 

«Aber die heutige Schweiz im Jahre 2016 hat nichts mehr mit der damaligen Grundidee der Eidgenossenschaft von 1291 zu tun.»

Sind Sie denn schon lange in der Schweiz tätig?
Das ist privat und hat nichts mit der Sache hier zu tun. Sind Sie denn ein Urschweizer? Eidgenosse?

Ich bin Original-Schweizer ... Korrekt.
Sehen Sie, deshalb sind Sie vielleicht ein bekennender Kommunist. Da die damalige echte Eidgenossenschaft von 1291 eigentlich eine kommunistische oder wenigstens sozialistische Veranstaltung war. Aber die heutige Schweiz im Jahre 2016 hat nichts mehr mit der damaligen Grundidee der Eidgenossenschaft von 1291 zu tun. Die Schweizer sind heute reine wirtschaftliche Kapitalisten.

Verstanden. Und was sagen Sie zum Vorwurf, Sie hätten einem Konkurrenten das Logo geklaut und jetzt ginge dessen Geschäft auch wegen Ihrer negativen Medienpräsenz bachab?
Kein Kommentar. 

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