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Martin Senn hat sich am letzten Freitag das Leben genommen.
Bild: KEYSTONE

Der dramatische Tod von Martin Senn – weshalb Top-Manager am Druck zerbrechen 

30.05.2016, 15:0903.06.2016, 16:54

Zuerst war er Finanzchef des Versicherungskonzerns Zurich, dann wurde er befördert und 2009 zum CEO ernannt. Vergangenen Herbst endete die Karriere von Martin Senn abrupt. Er verliess die Firma überraschend. Damals hiess es, der Druck der Investoren sei nach enttäuschenden Ergebnissen zu gross gewesen. Nun hat der 59-Jährige in Klosters Suizid begangen. Senn hinterlässt zwei erwachsene Kinder und seine Ehefrau. Dem Blick sagte ein Bekannter, der Machtverlust habe Senn schwer getroffen. Er soll depressiv gewesen sein und sich nicht mehr am gesellschaftlichen Leben beteiligt haben. Vor seinem Rücktritt trübten ein Gewinneinbruch sowie eine nicht zustande gekommene Übernahme sein Amtsjahr. 

Dass die Luft in den höheren Etagen grosser Konzerne bei uns dünn ist, belegt diese traurige Liste von Suiziden:

  • Carsten Schloter (49), Swisscom-Chef, August 2013
  • Adrian Kohler (53), Chef von Ricola, November 2011
  • Markus Reinhardt (61), Bündner Polizeikommandant und WEF-Sicherheitschef, Januar 2010
  • Alex Widmer (52), Julius-Bär-Chef, Dezember 2008

Die Gründe waren verschiedene, viel wurde darüber spekuliert.  

«Heute belastet der gesteigerte öffentliche Wahrnehmungsdruck nach zahlreichen moralischen Verfehlungen viele Manager.»
Eugen Buss, Soziologezeit online

Beim Finanzkonzern Zurich ist es der zweite Suizid innerhalb der letzten drei Jahre. 2013 war es der damalige Finanzchef Pierre Wauthier, der Suizid beging. Er war 53 Jahre alt. Der Fall sorgte für grosses Aufsehen. Zu diesem Zeitpunkt war Josef Ackermann Verwaltungsratspräsident – er wurde hart kritisiert. Kurz nach Wauthiers Selbstmord trat Ackermann zurück und liess sich von all seinen Funktionen entbinden. 

Josef Ackermann dieses Jahr am Europa Forum in Luzern.&nbsp;
Josef Ackermann dieses Jahr am Europa Forum in Luzern. Bild: KEYSTONE

Ackermanns rauer Stil 

Ackermann und Wauthier waren nicht immer einer Meinung. In einem Abschiedsbrief warf Wauthier Ackermann vor, ein unerträgliches und druckgeladenes Arbeitsumfeld geschaffen zu haben. Ackermann habe Kollegen respektlos behandelt. Ackermann wies jegliche Verantwortung für den Suizid des Finanzchefs von sich: «Dass ich in einem Brief verantwortlich oder mitverantwortlich gemacht werde, muss ich in aller Entschiedenheit zurückweisen», betonte Ackermann.

Auch eine Untersuchung einer Kanzlei, welche die Zurich in Auftrag gegeben hatte, kam zum Schluss, dass der Arbeitgeber nicht zu viel Druck auf Wauthier ausgeübt habe. Übrigens war es ausgerechnet der jetzt aus dem Leben geschiedene Senn, der damals an einer Konferenz den Analysten und Journalisten zum Suizid von Wauthier Red und Antwort stand. Er sagte, Wauthier habe exzellente Arbeit verrichtet. Und: «Es gibt keinen Link zwischen den vorgefallenen Ereignissen und dem Geschäft der Zurich-Versicherung.» 

Chefs unter immer grösserem Druck

So oder so. Das Leben der Chefs wird härter. Dies belegen nicht nur Studien, auch Top-Manager sagen es. Zeit Online zeigte dies 2014 anlässlich der nahe aufeinanderfolgenden Suizide des Zurich-Finanzchefs Wauthier und des Swisscom-Chefs Schloter auf. Im Bericht heisst es, der Druck sei in den letzten zehn bis 20 Jahren enorm gewachsen. Investoren forderten mehr denn je gute Zahlen, übers Internet baue sich in Minuten Kritik auf. 

Oswald Grübel weiss bestens, wie es ganz an der Spitze zu und her geht.&nbsp;<br data-editable="remove">
Oswald Grübel weiss bestens, wie es ganz an der Spitze zu und her geht. 
Bild: KEYSTONE
«Wenn ich nach Hause kam, kannte mich nicht einmal mehr unser Hund.»
Oswald Grübel, ehemaliger Spitzenbankerdie zeit

CEOs stehen heute im Fokus der Öffentlichkeit. Der Deutsche Eugen Buss, der das Umfeld in Chefetagen analysiert hat, sagt im selben Artikel: «Heute belastet der gesteigerte öffentliche Wahrnehmungsdruck nach zahlreichen moralischen Verfehlungen viele Manager. Sie müssen nun aus ihrer Sicht rein ökonomische Fragen auch nach moralischen Kriterien bewerten.» Die Manager bräuchten die Zustimmung von aussen, dass sie dabei Menschen entlassen und hohe Boni kassieren, finde die Gesellschaft aber nicht in Ordnung. Das führe dazu, dass sich Top-Manager abkapseln, Probleme bekommen; im Extremfall Suizid begehen. 

Die «Zeit» lässt auch Oswald Grübel, den ehemaligen CEO der Credit Suisse und Vorstandsvorsitzenden der UBS, ausführlich zu Wort kommen. Er sei noch einer der letzten CEOs der alten Schule gewesen. Heute würde er nicht mehr CEO werden wollen. «So einen Job wollen heute nur noch wenige machen, weil man bei Fehlern mit rechtlichen Konsequenzen rechen muss.» Weiter gab er zu Protokoll: Als CEO sei es unmöglich, Familie und auch noch Freizeit zu haben – wenn man den Job richtig machen wolle. «Wenn ich nach Hause kam, kannte mich nicht einmal mehr unser Hund.» (feb) 

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83 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Raembe
30.05.2016 09:29registriert April 2014
Man kann ja von CEOs halten was man will. Aber diese Leute stehen unter einem riesen Druck. Einige von denen fallen nach der Karriere in ein Loch und kommen wie er nicht mehr raus. An der Stelle wünsch ich der Fam. viel Kraft.
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Töfflifahrer
30.05.2016 12:22registriert August 2015
Er war ein stock solider und kompetenter CEO, der leider dem absoluten Renditendenken des sog. Neo Liberalismus geopfert wurde.
Er hat die Zurich durch die grösste Finanzkrise seit 1930 ohne grosse Verlust geführt.
Solidität und Kompetenz sind aber leider in den Vorständen nicht mehr gefragt darum wurde er von Tom de Swaan (man der ist ü70) Knall auf Fall entlassen. Der setzt auf mehr Rendite durch grössere Risiken. Mit solide hat das nichts mehr zu tun.
Diesem Raubtierkapitalismus ist leider bereits Pierre Wauthier zum Opfer gefallen, der sich im 2013 das Leben nahm.
RIP Martin Senn!
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pun
30.05.2016 10:13registriert Februar 2014
Ein weiteres Beispiel, dass unser gierbasiertes Wirtschaftssystem auch für die vermeintlichen Gewinner nicht gesund ist! Zeit für ein Umdenken ist bitter nötig!
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