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Wirtschaft
Schweiz

Beim Biofleisch kassieren Coop und Migros – für Bauern bleibt wenig

Tierschutz attackiert: Beim Biofleisch kassieren Coop und Migros – für Bauern bleibt wenig

Der Marktanteil von Bio- und Labelfleisch stagniert. Eine Auswertung im Auftrag des Tierschutzes zeigt, warum: Für Landwirte lohnt sich der Mehraufwand oft nicht. Und vielen Konsumenten ist Bio zu teuer.
22.11.2022, 06:43
Pascal Michel / ch media

Der Schweizer Tierschutz hat den renommierten Ökonomen Mathias Binswanger beauftragt, den hiesigen Fleischmarkt unter die Lupe zu nehmen. Dabei sollte der Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz Erklärungen dafür liefern, warum der Anteil an verkauftem Label- (IP Suisse, Naturafarm) und Biofleisch bei 12 Prozent der geschlachteten Tiere stagniert. Die Resultate haben es in sich – und sie werfen kein gutes Licht auf die Rolle der Grossverteiler Migros und Coop.

Weil Biofleisch teuer ist, stagniert der Absatz seit Jahren.
Weil Biofleisch teuer ist, stagniert der Absatz seit Jahren.Bild: Dominik Wunderli/ch media

Auf der Seite der Produzenten haben die Tierhalter wenig Anreiz, ihr Fleisch in Label- oder Bioqualität anzubieten. «Die Preise für Tiere, die nach Richtlinien von Tierwohl-Labels oder Biorichtlinien gehalten werden, sind nur wenig höher als die Preise für Tiere, die konventionell gehalten werden», heisst es in der Studie. So erhielten Bauern im Juni 2022 pro Kilogramm Rindfleisch (Schlachtgewicht) einen Preis von 10.40 Franken. Wurden die Rinder nach Biorichtlinien gehalten, erhielten die Produzenten nur 20 Rappen mehr.

Der Anteil des Bauern an der Wertschöpfung ist dementsprechend gering. Bei einem Biorindsplätzli fliessen beispielsweise von einem Konsumentenfranken 23 Rappen zum Tierhalter – beim konventionellen Plätzli sind es mit 30 Rappen sogar mehr. Eine Enttäuschung für Käufer, denen nicht nur das Tierwohl am Herzen liegt, sondern auch das Portemonnaie des Biolandwirts.

Bioqualität kostet bis zu dreimal mehr

Gleichzeitig zahlen Kundinnen und Kunden, die Label- oder Biofleisch kaufen, im Laden deutlich mehr für die tierfreundlichere Variante. Mathias Binswanger nennt ein Beispiel: Ein Kilogramm M-Budget-Hinterschinken vom Schwein kostete im Schnitt 18.03 Franken. Dasselbe Produkt in Bioqualität kostete dreimal mehr: 54.55 Franken. Diesen beträchtlichen Aufpreis für Bioprodukte will offenbar nur ein kleines Segment von Kundinnen und Kunden aufwerfen – ein weiterer Grund für die stagnierenden Verkäufe von tierfreundlichem Fleisch.

Wenn der Bauer sein Biofleisch im Vergleich zur herkömmlichen Ware nur mit einem geringen Aufpreis verkaufen kann, der Handel das Fleisch aber bis zu dreimal teurer verkauft, wirft das Fragen auf. Gemäss der Studie streicht der Handel bei Label- und Bioprodukten eine «wesentlich höhere» Marge ein. «Bei den Grossverteilern ist diese Ungleichheit tendenziell noch stärker ausgeprägt als bei den Discountern.»

Wettbewerb drückt den Preis

Dass dies überhaupt möglich ist, erklärt Ökonom Binswanger mit der «Marktmacht» von Coop, Migros & Co. «Viele kleine Anbieter (die einzelnen Tierhalter) treffen auf wenige grosse Nachfrager (vor allem Grossverteiler).» Unter solchen Marktbedingungen werde der Produzentenpreis tendenziell nach unten gedrückt, da die Nachfrager den Preis bestimmen könnten. «Die Anbieter haben keine Chance, an andere Abnehmer zu verkaufen.»

Im Unterschied dazu gebe es grosse Unterschiede bei den Konsumentenpreisen, wenn man Standardprodukte mit Label- und Bioprodukten vergleiche. «Diese dürften damit zusammenhängen, dass der Wettbewerb bei Standardprodukten intensiver ist. Dieser Wettbewerb drückt den Preis.» Anders bei Label- und Biofleisch: «Dort wird eine kleinere Anzahl Kunden angesprochen, die meist auch eine höhere Zahlungsbereitschaft haben. Entsprechend lassen sich bei diesen Produkten deutlich höhere Preise durchsetzen als bei Standardprodukten.»

Verzicht auf Margen gefordert

Daraus leitet Mathias Binswanger die Forderung ab: «Will man Tierwohl und Tierhaltung nach biologischen und Labelrichtlinien weiter fördern, dann ist es erstens notwendig, den Bauern einen fairen Mehrpreis dafür zu bezahlen. Und zweitens muss sich die Preisdifferenz zwischen konventionellen Produkten und Label- und Bioprodukten für Konsumenten verringern.»

Das hiesse auch: Die Grossverteiler müssten auf einen Teil ihrer offenbar grosszügigen Biomarge verzichten. Der Schweizer Tierschutz stellt fest: «Die Märkte für Bio- und Labelfleisch sind unterreguliert: Die Marktkräfte reichen offensichtlich nicht aus, um den Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.»

Migros wehrt sich

Die Kritik, den Produzenten keinen fairen Preis zu zahlen und gleichzeitig die zahlungswillige Öko-Kundschaft zu schröpfen, weist die Migros vehement von sich. «Diese Vorwürfe treffen schlicht nicht zu», sagt Sprecher Marcel Schlatter. Prozentual lägen die ­Margen der Migros-Bioprodukte sogar leicht tiefer als bei konventionell hergestellten. «Die Gewinnmargen des Detailhandels und damit auch der Migros sind ausgesprochen dünn.»

Es stimme nicht, dass die Migros mit Labelprodukten eine höhere Marge erziele als mit konventionellen Produkten, so Schlatter. «Sowohl im konventionellen als auch im Label- und Biobereich streben wir die Preisleistungsführerschaft an. Wir stehen in einem derart intensiven Wettbewerb mit anderen Detailhändlern, dass Kundinnen und Kunden überteuerte Produkte sofort erkennen und meiden würden.» Daher sei es gar nicht möglich, mit Labelprodukten eine höhere Marge zu erzielen. «Wir wären ganz einfach nicht mehr konkurrenzfähig.»

«Wir fördern Absatz von Bio»

Die Migros fördere mit Preissenkungen insbesondere im Bereich IP-Suisse und Bio für gezielt den Absatz von Tierwohlprodukten. «Es ist unser Ziel, Bio für alle erschwinglich zu machen.» In den vergangenen Jahren habe man denn auch – und werde dies weiter tun – die Anzahl von Labelprodukten deutlich gesteigert.

Die höheren Preise für Bio erklärt die Migros mit verschiedenen Faktoren. «Beim Produzenten (mehr Platz, hochwertiges Futter, längere Lebenszeit), beim Verarbeiter (Zusatzleistungen wie externe Kontrollen) und auch wegen kleinerer Packungsgrössen (insbesondere bei Bio). Wer Labelfleisch kauft, erhält einen deutlichen Mehrwert in Zusammenhang mit mehr Tierwohl.»

Weiter betont der Grossverteiler, er unterstützte Labelfleisch-Produzenten «überdurchschnittlich stark»: «So nehmen wir der IP-Suisse trotz rückläufigem Fleischkonsum seit Jahren in etwa die gleiche Menge an Rindfleisch und Schweinen ab und bezahlen den Bäuerinnen und Bauern den gleichen Zuschlag.»

Coop verweist auf tiefe Marge

Coop schreibt auf Anfrage, die Lieferanten erhielten einen «fairen und marktgerechten» Preis. Die in der Studie berechneten Werte seien teilweise nicht korrekt. «Unsere Bäuerinnen und Bauern erhalten für ihr Biorindfleisch eine weitaus höhere Preisdifferenz als die angegebenen 20 Rappen. Beim Bioschweinefleisch erhalten sie gar mehr als das Doppelte im Vergleich zu den konventionellen Anbietern.»

Der Grossverteiler betont weiter, er biete deutlich mehr Aktionen auf Labelfleisch an. Den Vorwurf, grosse Margen einzustreichen, kontert eine Sprecherin: «Coop verdient an Labelprodukten nicht mehr als an konventionellen Produkten. Insgesamt bleibt Coop als Genossenschaft pro Franken Umsatz ein Gewinn von 1.8 Rappen, was im Vergleich zu gewinnorientierten Unternehmensformen tief ist.»

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72 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Eidi
22.11.2022 07:12registriert Oktober 2018
Falls das stimmt, weshalb greift da der Konsumentenschutz nicht ein?
Falls die Aussege von Coop/Migros stimmt, wo geht das Geld dann hin?
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ELMatador
22.11.2022 07:31registriert Februar 2020
Wenn die Zahlen ach so klar und favorabel für Migros und Coop sind. Warum veröffentlichen sie diese dann nicht?

Ich bin für die Einführung einer allgemeinen Transparenz. Es ist krass, wie heutzutage die Preise ohne Basis auf die effektiven Kosten mit exorbitanten Margen versehen werden. Insbesondere bei Gütern des täglichen Lebens ist dies höchst verwerflich.
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salamandre
22.11.2022 07:08registriert März 2018
Liebe Bauern, beginnt endlich damit eure Produkte selber zu vermarkten.
So etwa wie viele Weinbauern, dann bleibt euch auch was.
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